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15.2.26 Demut

Am Anfang stand ein Missverständnis. Als Autor von “Demut” nennt Amazon Jochen Schmidt. Den kenne ich doch, sagte ich mir und Leser dieser Seiten auch. Schauen Sie nur einmal unter dem 2.10.2025 “Kirchturm-Madeleines” nach. Da finden Sie ein Beispiel. Und der hat jetzt ein Buch über Demut veröffentlicht? Da ich mehrere Schmidt-Bücher besitze und den Autor schätze, bestellte ich den Band.

Als ich das Buch mit dem Untertitel “Konstellationen einer prekären Tugend” in Händen hielt, begriff ich verblüfft, dass es noch einen weiteren Autor namens Jochen Schmidt gibt. Der Autor von “Demut” ist Professor für systematische Theologie an der Gutenberg Universität in Mainz.

Als ich die erste Seite seines Buches aufgeschlagen hatte, wurde mir klar, dass das anfängliche Missverständnis für mich ein Glücksfall darstellt. Da findet sich auf der ersten Seite das Zitat der Schriftstellerin Iris Murdoch. Ich möchte es an der Stelle ebenfalls zitieren, weil es den Geist der folgenden knapp 200 Seiten incl. Anmerkungen auf den Punkt bringt.

“Demut ist eine seltene und altmodische Tugend, und sie ist oft schwer zu erkennen. Nur selten begegnet man jemandem, indem sie geradezu beleuchtet, indem man verblüfft ein völliges Fehlen der unruhigen, habgierigen Tentakel des selbst feststellt… Der demütige Mensch kann, weil er sich selbst als nichtig sieht, andere Dinge sehen, wie sie sind. Er sieht die Zwecklosigkeit der Tugend, er sieht ihren einzigartigen Wert, und er sieht das endlose Ausmaß ihrer Forderungen.” (Iris Murdoch, Die Souveränität des Guten)

Schmidt untersucht in “Demut” die Zusammenhänge mit einer prekären Tugend. Wofür nicht Schmidt verantwortlich zu machen ist, aber dennoch festgehalten werden sollte, ist ein zunehmend inflationärer Gebrauch des Adjektivs “prekär”. Ein Beispiel: Kürzlich berichtete die Süddeutsche über die Zahnbehandlung von Menschen, die am untersten Rand der Gesellschaft leben, also auch nicht krankenversichert sind; die würden in “prekären Verhältnissen” leben”.

Die alte Tugend der Demut erlebte in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Renaissance. Der Autor zeigt, dass neuere Zugänge zur Demut häufig deren dunklere, widersprüchliche und ambivalente Seiten ausblenden. Genau diese Abgründe und Paradoxien aber, so Schmidt, haben das Nachdenken über Demut in der jüngeren Geschichte immer wieder befeuert. Demut sei eine vielschichtige Haltung, die stets in der Gefahr steht, in ihr Gegenteil – den Hochmut – umzuschlagen.

Schmidt macht deutlich, dass Demut nicht bloß Bescheidenheit bedeutet, sondern eine komplexe ethische Grundhaltung ist, die in modernen Zusammenhängen wie Klimakrise und digitaler Kommunikation neue Bedeutung gewinnt. Am Exempel der „hochmütigen Demut“ zeigt der Autor, wie eng Demut mit grundlegenden ethischen Fragen verwoben ist. An Beispielen historischer wie zeitgenössischer Texte macht er auch die unbequemen Seiten dieser Tugend sichtbar.

Der zentrale Text im Neuen Testament zur Demut ist das Magnifikat. In der lateinischen Fassung hat es J.S. Bach komponiert. Ein gewaltiges Werk, von dem Sie im Netz eine Reihe spannender Aufnahmen finden.

Keine Frage, das Kapitel „Vergiftete Demut bei Martin Luther“ ist das zentrale Kapitel in Schmidts Werk. Zunächst schildert er die verschiedenen Linien in der Entwicklung der Bußtheologie des Reformators. Dabei kommt der Verfasser zu dem Ergebnis, dass die Bedrohung durch den Hochmut wie die Notwendigkeit ständiger Selbstprüfung, die bleibenden Konstanten in Luthers Denken darstellen. Weil der Mensch in der Hoffnung auf Gott wohl gerecht, doch in Wirklichkeit doch Sünder ist, bleiben Selbstprüfung und Demut als zentrale Tugenden unverzichtbar.

Luther setzt sich von einem Verständnis der Demut ab, die als fromme Leistung gilt. Er wendet sich auch gegen jene Auslegungstradition, die Lukas 1,48 mit den Worten übersetzt »Er sah an die Demut seiner Magd Maria“ Maria preist nach Luther nicht ihre Demut. Sie lobt vielmehr Gott, der ihre Niedrigkeit angesehen habe. Nach ihm bringen die Worte zum Ausdruck, dass Maria trotz ihres sozialen Status von Gott auserwählt worden sei. Der ehemalige Augustinermönch legt seiner Maria die Worte in den Mund: „Gott hat auf mich armes, verachtetes, unansehnliches Mädchen hinabgesehen”.

Demut bedeutet deshalb nach Schmidt, mit den Augen Gottes auf die Welt zu blicken. Und gerade auf das Niedrige zu schauen, anstatt auf das in den Augen der Welt »Hohe« zu starren. Es kann der Demut nie um eine Selbstbespiegelung gehen. Zeitgenossen, die auf ihre eigene Demut fixiert sind, leben in einer falschen Demut. Der Mensch muss sein Sehen radikal ändern, nicht bloß seine Blickrichtung. Hochmut, so Schmidt, ist eine ungeheuer destruktive Kraft, die alles mit sich in den Abgrund zu reißen vermag. Sein Fazit: Eigendünkel ist gefährlicher als alle Sünde zusammen.

Das Buch versteht sich als Erkundung einer Haltung, die gleichermaßen Orientierung anbietet und zur Selbstreflexion anregt. Sie sollten es sich bestellen.

Doch wo fängt Demut an und wo endet sie? Für einen unserer Klassiker war das klar: „Mut zeigt auch der Mameluck, / Gehorsam ist des Christen Schmuck“. So Friedrich v. Schiller in seiner Ballade “Der Kampf mit dem Drachen”. Für Bereiche, in denen Regeln und Werte verbindlich sind, trifft das bis heute grundsätzlich zu. Doch jenseits dieser Welt wird es schwierig, um es vorsichtig auszudrücken. Sollte man z.B. Donald Trump, der sich ja als Christ versteht, auffordern, sich doch bitte etwas demütiger zu geben? Und Ursula von der Leyen und ihre Brüsseler Mitstreiter aufzufordern, sich doch demütiger gegenüber dem amerikanischen Präsidenten und seinen Gebiets- und Zollforderungen zu zeigen? Auch um den Preis sich lächerlich zu machen könnte man es ja mal versuchen. Demut sei eben, Schmidt schrieb es wiederholt, eine “prekäre” Tugend.

Doch jenseits Welt beginnt die rabenschwarze Nacht. Im Umgang mit dem Russland Putins und dem Iran Khomeinis erweist sich auch eine Restdemut als untauglich und fehl am Platze. Um nur von den Mullahs zu reden: Bei den jüngsten Protesten wurden zwischen 7000 und 12000 Menschen von den Sicherheitskräften erschossen. Die Toten wurden in Leichensäcken übereinander gestapelt. Man muss sich auch an die geschätzten 10000 Toten erinnern, die bei dem Massaker auf dem Tiananmen Platz in Peking umkamen.

Wenigstens die Erinnerung an die Ermordeten sollten wir uns von den Machthabern weder verbieten noch nehmen lassen.