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11.1.26 Glaube

Bachs Weihnachtsoratorium ist verklungen: Sicherlich auch mein Eintrag, gipfelnd in dem Satz “Aus Glauben ist der Mensch gemacht – wie er glaubt, so ist er”. Zur Erinnerung: Den Spruch fand ich bei dem englischen Dirigenten John Eliot Gardiner. Der wiederum hat ihn aus der hinduistischen Bhagavad Gita und setzt ihn seinerseits als Motto über das Kapitel seines Bachbuches “Im Räderwerk des Glaubens”.

Gardiner berichtet von einem Besuch in Eisenach. Vor Ort in Thüringen erfährt der Leser verblüffende Parallelen in der Entwicklung von Luther und Bach. Auch die Christen seiner Generation begriff Gardiner als Teil von jenem “Räderwerk des Glaubens”. Das reicht dann bis zu mir. Also eine Kontinuität des Glaubens von Luther über Bach bis in die Gegenwart? Die Erkenntnis weckte in mir ein Gefühl der Erhabenheit. Das stellte ich mir dann wie einen Regenbogen vor, der sich über den Niederungen von allerlei Kleinglauben wölbt. Und ja, jenes Gefühl von der Erhabenheit des Glaubens stellt sich bei mir zuverlässig ein, wenn ich Johann Sebastians Bachs Oratorien oder Kantaten höre.

Der Satz “Aus Glauben ist der Mensch gemacht – wie er glaubt, so ist er”. Dessen Faszination ließ bei mir nicht mach. So suchte ich weiter nach Zusammenhängen. Da stieß ich bei Vilayanur Subramanian Ramachandran erneut auf ihn. Der ist ein indischer, 1951 in Madras geborener und jetzt in USA arbeitender Neurowissenschaftler. Geboren wurde er 1951 als Sohn einer indischen Diplomaten- und Gelehrtenfamilie in Indien. Sein Medizinstudium beendete er noch in seiner Heimat.

Jetzt arbeitet der Wissenschaftler auf Gebiet der Neuropsychologie. So erfand er die Spiegeltherapie zur Linderung von Phantomschmerzen, bei der sich durch das Spiegeln eines gesunden Beines der Patienten Linderung erfährt. So verändert der Glaube die gesundheitliche Situation eines Menschen.

Mit dem Stichwort Neuropsychologie erweitert sich der wissenschaftliche Horizont zum Verständnis des Satzes “Aus Glauben ist der Mensch gemacht – wie er glaubt, so ist er”. Als Neuropsychologen arbeiten weltweit die unterschiedlichsten Forscher. Neben dem Deutschen Kurt Goldstein ist wohl Antonio Damasio der bekannteste.

Ich suchte weiter. Unser Leben ist nichts anderes als das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, schrieb William James der Begründer der wissenschaftlichen Psychologie. 1876 bis 1907 lehrte er als Professor für Psychologie und Philosophie an der Harvard University. Er beschäftigte sich auch mit Theologie. James gilt als Begründer der wissenschaftlichen Psychologie in den USA. Dann auch als einer der wichtigsten Vertreter des philosophischen Pragmatismus. Wahr ist laut James, wenn es für uns nützlich ist, es zu glauben.

Bei meiner Suche stieß ich noch auf zwei Sätze, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Bei Ortega y Gasset las ich, er glaube einzig und allein an die Gedanken von Schiffbrüchigen. In “Mein Jenseit” schreibt Martin Walser„Glauben heißt, die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.“ Jetzt überlege ich, wie das praktisch aussieht.