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8.2.26 Finsteres Tal

Das Buch lag in mehreren Exemplaren in unserem Niemegker Wohnzimmer. Tante Hilde, die Schwester meiner Mutter Erika, wird sie aus Hannover geschickt haben. Die Mama von zwei Töchtern arbeitete als Sekretärin bei Bischof Lilje. Ihr Mann war vor Leningrad gefallen. Sie hatte dazu noch die vier Kinder ihres Bruders zu sich genommen. Der war ebenfalls als Vermisster in Russland geblieben. Man darf das nicht als besonders heroisch missverstehen. So war die Situation in vielen Familien nach dem verlorenen Krieg. Eine Wahlmöglichkeit hatte kaum jemand.

“Im finstern Tal” las ich als Elfjähriger unbemerkt von meinen Eltern. Mich erregte das Schicksal von Hanns Lilje. Die Schilderung seiner Verhaftung und dann die Situation im Gefängnis am Lehrter Bahnhof. An dem sollte ich später noch öfter mit der S-Bahn vorbeifahren bis es 1955 abgerissen wurde. Und jedes Mal erinnerte ich mich an meine abgebrochene Lektüre.

Nachdem ihn die Gestapo mit dem Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke in Verbindung brachte, hatte man ihn nach dem gescheiterten Anschlag auf Hitler 1944 verhaftet. Alles hatte man ihm abgenommen, mit dem er sich womöglich hätte selbst töten können. Das reichte bis zu den Schnürsenkel seiner Schuhe. An den dunklen Blutflecken auf dem Fußboden erkannte er, dass Vorinsassen seiner Zelle sich für die Selbsttötung als letzten Ausweg entschieden hatten.

Dann die wiederholten Verhöre durch die Gestapo. Die ständige Angst vor der Hinrichtung begleiteten ihn. Lilje berichtet mehrere Druckseiten lang über seine Situation vor dem Volksgerichtshof. Der Leser erfährt auch, wie Graf Moltke in klarer Erkenntnis des schon beschlossenen Todesurteils, den moralischen Mut zum Angriff auf Freisler und die gesamte Institution besaß.

Roland Freisler verhörte auch Lilje und verurteilte ihn zu vier Jahren Gefängnis.

Inzwischen hatte man den Gefangenen nach Tegel verlegt. Dort erfährt er von einem jüngeren Offizier, “der mich auch zuerst von dem Tode Schulenburgs und Adam Trotts sowie einiger anderer sichere Nachricht geben konnte …Näheres über die uns zugedachte Hinrichtungsart. Denn ihn hatte man geschmackvoller Weise diese Prozedur zur Probe unterzogen. Er war in einen kleineren saalartigen Raum geführt worden, von dessen niedriger Decke die Halsschlingen an Schrauben befestigt herunterhängen. Man musste, natürlich mit auf den Rücken gefesselten Händen, einen Schemel besteigen und den Kopf in die Schlinge stecken. Dann trat ein SS Mann den Schimmel zur Seite, und das Opfer baumelte – ein ebenso einfaches wie wirksames Verfahren. In seinem Falle hatte die Prozedur, da sie nur zur Probe veranstaltet wurde, mit einem »Runter du Schwein!« geendet”.

Von Weinkrämpfen geschüttelt konnte ich nicht mehr weiterlesen.

So blieb die Lektüre unvollendet. Bis ich dieser Tage in einem antiquarischen Katalog einen Hinweis auf Liljes “Im finstern Tal” fand, bestellte es sofort und las es umgehend. Ich hatte das Gefühl, ein anderes Buch in der Hand zu haben.

„Ein Buch gehört nicht dem, der es geschrieben hat, sondern dem, der es liest.“ Das sagte mit der nötigen Autorität der Argentinier Luis Borges. Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Auch Roland Barthes („Der Tod des Autors“), betont, dass der Sinn eines Textes erst im Akt des Lesens entsteht. Und Umberto Eco spricht von der „Absicht des Textes“, die sich vom Autor löst und sich im Leser entfaltet.

Die Erfahrung mit Liljes Buch bestätigt mir diesen Ansatz. In dem Sinne habe ich zwei völlig unterschiedliche Bücher gelesen. Einmal als Kind und dann in diesen Tagen. Heute überwiegt bei mir die Kritik. Sowohl an dem Text als auch an dem Autor.

Das Buch erschien 1947, ist also kein Protokoll direkt nach dem Zusammenbruch 1945 verfasst. Der pathetische Ton ist heute nur noch schwer erträglich. Genauso Liljes Selbstbeweihräucherung, wenn er etwa berichtet, wie er wiederholt als Redner vor mehreren tausend Zuhörern in überfüllten Kirchen auftrat.

Die Selbstdarstellung als Widerstandskämpfer in der Nähe zu Dietrich Bonhoeffer und anderer Gegner des Nationalsozialismus brachte ihm weltweit Beachtung und Sympathie ein. Doch das Namedropping kann die Differenz zu seinem eigenen Verhalten im Dritten Reich nicht tilgen.

Noch fragwürdiger wird Liljes Verhalten, nachdem er zum Bischof in Niedersachsen wurde. Da setzte er sich 1954 erfolgreich für die Begnadigung des ehemaligen Kommandanten des KZ Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ein. Friedrich Hartjenstein, so hieß der, war zuvor dreimal zum Tode verurteilt worden. Jetzt wurde er nach einer Haftzeit von 9 Jahren entlassen und lebte noch Jahre als freier Mann.

Lilje setzte sich auch für die Begnadigung von Paul Blobel ein. Zu Erinnerung: Der SS-Standartenführer leitete u.a. das Massaker von Babyn Jar bei Kiew, bei dem im September 1941 innerhalb von zwei Tagen fast 34.000 jüdische Menschen ermordet wurden. Generell forderte der Bischof bald nach Kriegsende einen Schlussstrich unter die sog. Vergangenheitsbewältigung. Als Theologe hielt er sich offensichtlich für die Autorität schlechthin. Begriff und Sache der Rechtsstaatlichkeit sucht man bei ihm vergebens,

1950 wurde er Abt des Klosters Loccum. Im selben Jahr und bis 1968 nutzte er das Dachenhausenpalais in Hannover als seinen Wohn- und Amtssitz. Für einen evangelischen Bischof unüblich ließ er sich einen Bischofsring anfertigen und bestand auf der Anrede „Hochwürden“.

Doch der niedersächsische Bischof wollte mehr. Im Frühjahr 1961 wäre er eigentlich der legitime Nachfolger Berliner Bischofs Otto Dibelius in der Funktion als Ratsvorsitzender der EKD gewesen. Das aber wurde durch das geschlossene Veto der Mitgliedskirchen aus der DDR verhindert. Seinen Kredit hatte Lilje u. a. mit einem fragwürdigen „Spiegel“-Interview verspielt. In dem hatte er sein Verständnis zum Ausdruck gebracht, wenn Ostdeutsche gegenüber DDR-Staatsfunktionären „zur Flinte greifen“ würden.

So scheiterte Hanns Lilje letztlich an seiner eigenen Unbeherrschtheit und der fehlenden Selbstkontrolle.