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21.1.26 Kirchenbuch
Ob mein Vater dem Frieden nicht traute oder damals auf dem Niemegker Pfarrhaus ein Blitzableiter fehlte? Bei schweren Gewittern gingen die Krolzig’s in den Keller. Mein Vater bestand darauf. Wie schon in den Kriegs-Jahren davor. Das Gewölbe war aus größeren Feldsteinen gemauert und zeigte sich unverputzt. Links unten an der Treppe ein verrostetes, leeres Weinregel. Dessen Türen waren früher verschließbar, jetzt aber standen sie offen und klapperten. Ein paar Stühle, auch ein kleiner Tisch, das war’s an Einrichtung.
Der Vater trug das Kirchenbuch nach unten. Ein dicker, schwerer Foliant in den Abmessungen von DIN A3. Aus dem las er während des Gewitters vor. Der Neugier waren keine Grenzen gesetzt. Jeder Niemegker war darin mit seinen persönlichen Daten festgehalten. Erst ab 1870 gab es bekanntlich staatliche Standesämter. Wer sich über die Jahre davor informieren wollte, war auf die Kirchenbücher angewiesen. Doch sie enthielten mehr als die nackten Personaldaten. Bei Bränden in der Stadt oder Kriegen in der Gegend notierten Pfarrer, was die Menschen erlebten. Da trug Vater wahre Horrorgeschichten vor. So überlebten nur wenige Menschen auf dem Fläming die Schrecken des 30-jährigen Krieges.
Die Einträge in das Kirchenbuch folgten alle dem gleichen Schema. Geburten plus Taufe und Paten wurden festgehalten. Dann die Eheschließungen und Beerdigungen.
Die eigentliche Schreibarbeit erledigte Fräulein Kleemann. Oft schaute ich ihr zu. Sie tauchte die Feder in ein Tintenfass, machte erst eine Probe auf normalem Papier und begann dann mit ruhiger Hand im Kirchenbuch zu schreiben. Fräulein Kleemann, eine Dame im vorgerücktem Alter, litt seit Kindertagen an Diabetes. Mehrmals am Tag musste sie sich spritzen. Das Serum zog sie aus einer Ampulle mit einem Gummiverschluss. Dann entblößte sie ihre Oberarme. Die zeigten sich grün und blau angeschwollen und von früheren Injektionen zerstochen. Aber es half ja alles nichts. Nach wenigen Minuten arbeitete sie weiter.
Nach der Übersiedelung meiner Eltern 1966 in den Westen wurden Kirchenbücher noch einmal zum großen Thema zwischen meinem Vater und mir. Wir saßen im Auto vor eine Arztpraxis in Oberkassel und warteten, dass meine Mutter wieder herauskam.
Wie man Auschwitz und die Judenvernichtung noch hätte stoppen können, wurde in den Jahren überall leidenschaftlich diskutiert. In dem Zusammenhang erinnerte ich jetzt meinen Vater, dass er als Pfarrer in Rädigke Ariernachweise ausgestellt hatte. Das war nur mit Hilfe der Kirchenbücher möglich. Ich höre mich heute noch sagen: “Ist denn niemand von euch auf den Gedanken gekommen, die Bücher einfach zu verbrennen?” Darauf er: “Wo denkst du hin, das sind doch Dokumente”. Ich wollte mich nicht geschlagen geben: “Aber dafür verbrannte man die Juden!”
Hannah Arendt erklärt sich das so :“Da es den Menschen schwerfällt – und dies mit Recht –, mit etwas zu leben, das ihnen den Atem raubt und sie sprachlos macht, haben sie allzu oft der offensichtlichen Versuchung nachgegeben, ihre Sprachlosigkeit in alle möglichen auf der Hand liegenden Sprachgebilde, die, immer natürlich unangemessen, gefühlsmäßige Erregung ausdrücken, zu übertragen” (Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik).
© Martin Krolzig