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19.1.26 Paten
Die Taufliturgie kann ich mühelos aus der Erinnerung zitieren: »So frage ich euch, Eltern und Paten, wollt ihr, dass dieses Kind auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft werde so antwortet Ja… Versprecht ihr nach bestem Vermögen dafür zu sorgen, dass dieses Kind im christlichen Glauben erzogen werde, so antwortet Ja… So tretet herzu, dass euer Kind die Heilige Taufe empfange«. Da ist es nur folgerichtig, dass im Kirchenbuch neben den Eltern und dem Kind auch die Paten eingetragen werden. Das war über Jahrhunderte die übliche Praxis.
Doch machen wir uns nichts vor: Die Kindertaufe ist auf dem Rückzug. In manchen Regionen, wie etwa in meiner brandenburgischen Heimat, geht deren Statistik gegen null. Das erlebe ich selbst wie unter einem Mikroskop. Zwei Enkel, die ich einst zu meiner Familie zählte und die ich selbst als Babys noch getauft habe, sind inzwischen selbst Eltern geworden. Weder sind ihre Kinder getauft, noch sie selbst kirchlich getraut. Das schien für sie so normal zu sein, dass nicht einmal darüber gesprochen wurde.
Nach Adam Riese wird sich der Traditionsabriss mit der nächsten Generation fortsetzen. Die Anfänge habe ich noch in meiner Zeit als aktiver Pfarrer mitbekommen. Da wollte eine Familie, dass jemand, der nicht in der Kirche war, Pate ihres Kindes wird. Das lehnte ich ab, verwies auf aber auf die Möglichkeit, sich bei der Kirchenleitung über meine Entscheidung zu beschweren. Was sie auch taten. Zu meinem Erstaunen bekamen sie Recht. Die Kirchenoberen schrieben von begründeten Ausnahmefällen, in denen das möglich sei.
Erinnern Sie sich noch an die Trauung von Christian Lindner in einer Sylter Kirche? Friedrich Merz reiste zu dem Event in seinem Privatflugzeug. Der FDP-Chef gehörte der Evangelischen Kirche nicht an. Getraut wurde er trotzdem. Da vergibt das Evangelische Studienwerk Villigst aktuell Promotionsstipendien. In dem Zusammenhang lese ich: “Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche erwünscht, aber nicht zwingend notwendig”. Abgesehen von der geschraubten Formulierung: Wie kann man erwarten, dass jemand die Kirche noch ernst nimmt, wenn sie es selbst nicht mehr tut?
Mit der Kindertaufe verschwinden auch die Paten. Vielleicht mit der einen Ausnahme “meines Paten”, der wohl im Kirchenbuch eingetragen, aber nicht zur Gemeinschaft der Kirchensteuerzahler gehört? Doch vielleicht gibt es mehr von ihnen. Dazu müsste man nur eine Unterrubrik in der Statistik einrichten: Paten ohne Kirchenmitgliedschaft. Doch womöglich gibt es die schon.
In der Vergangenheit gehörten Paten zu den gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten. In der Regel hatte jeder mindestens zwei von ihnen. Manche trafen die Auswahl innerhalb der eigenen Verwandtschaft. Andere entschieden sich für Freunde oder gute Bekannte, um so ihr Kind dauerhaft mit einer anderen Familie zu verbinden. Festgehalten und im Kirchenbuch eingetragen.
Auch wenn es ein seltenes Ereignis sein wird: Auch in Zukunft werden sich Eltern für die Taufe ihres Kindes entscheiden. Doch woher eine Patin oder einen Paten nehmen, wenn im eigenen Umfeld praktisch alle der Kirche ade gesagt haben? Den Job müßte die Kirche selbst übernehmen. Wenn Sie jetzt zur Taufliturgie zurückblättern: An den beiden Stelle, an denen ein Ja erforderlich ist, könnte der Pfarrer das selbst sprechen. Damit wäre alles in guter Ordnung und auch dem Eintrag ins Kirchenbuch stände nichts im Wege. Und das Allerwichtigste: Das Kind hätte seine Paten. Die sich selbst zum Geburtstag durch ein Geschenk in Erinnerung bringen.