Blog
26.1.26 Die Tote
“Vati, ich will einen Toten sehen”. Für die kleine Tochter eines Pfarrers sicherlich keine ungewöhnliche Bitte. In ihrer Gegenwart wurde ständig über Tote und Beerdigungen gesprochen. Sei es während der Mahlzeiten, am Telefon oder zwischendurch bei Terminabsprachen mit meiner Frau. Während der fünfziger Jahre im vorigen Jahrhundert war die überwiegende Zahl der Menschen noch Mitglied einer Kirche. Sie alle mussten nach ihrem Tode natürlich auch begraben werden.
Bei meinem nächsten Friedhofsbesuch informierte ich die dortigen Mitarbeiter von der Bitte meiner Tochter. “Ruft mich an, wenn ihr einen interessanten Toten habt”. Vielleicht sprach ich auch von einem schönen Toten. Egal. Wochen später dann der Anruf: “Bei uns ist ein Pfarrer auf der Durchreise. Der liegt im Talar in seinem Sarg. Der ist bestimmt was für ihre Tochter”. Die Meinung teilte ich und sagte zu Sabine “Komm, wir fahren auf den Friedhof, dann kannst du einen Toten sehen”.
Der Sargdeckel lag in der Friedhfsgarage neben dem Toten. Ich erinnere mich noch, dass seine letzte Reise nach Hamburg gehen sollte. Den toten Kollegen schaute sich die Kleine aufmerksam an. Nach einer Weile: “Vati, ich will noch einen Toten sehen”. Kein Problem, meinten die Mitarbeiter des Friedhofs. Die öffneten nach ein paar Schritten die Leichenhalle. Hinter den Türen dann die einzelnen die Kammern für die Toten. Die Friedhofsleute steuerten auf eine ganz bestimmte Tür zu und öffneten sie. Da lag eine alte Frau in einem offenen Sarg in einem weißen Kleid umgeben von vielen Blumen. Alle blieben andächtig stehen. Ich dagegen bekam einen Schreck. Hier paßte wirklich der Ausdruck Todesschreck, denn ich kannte die Frau.
Seit wenigen Monaten arbeitete ich als Pfarrer in Düsseldorf-Unterrath. Der Kollege von Lichtenbroich machte Urlaub und ich musste die Vertretung übernehmen. Dann der Anruf, Lichtenbroicherweg Nr… sei ein Mann verstorben. Die Toten, die ich bis dahin beerdigt hatte, konnte man an zwei Händen abzählen. Ich zog mir meinen dunklen Anzug an, band mir eine schwarze Krawatte um, fuhr zu der angegebenen Adresse. Griff zu meinem Ringbuch und klingelte ich. Eine Frau öffnete. Ich wollte gerade “mein herzliches Beileid” sagen, da legte sie los: „Hören Sie auf, Herr Pfarrer, auf seinen Grabstein kommt rauf, hier liegt die größte Sau von Unterrath«. Dann bat sie mich herein. An das weitere Gespräch erinnere ich mich nicht mehr. Nur noch daran, wie ich Tage später in der Friedhofskapelle am Pult stand und die Traueransprache hielt. Vor mir saßen die Trauergäste, rechts von mir stand der Sarg mit dem Toten. Hier liegt die größte Sau von Unterrath hörte ich immer wieder die Frau sagen.
Jetzt aber blieben wir alle schweigend stehen. Von der Toten im Sarg ging ein großer Friede aus. Ich musste sie auch nicht beerdigen, wahrscheinlich gehörte sie oder jemand von ihren Angehörigen einer anderen Konfession an. Vergessen aber hab ich sie nie.