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13.1.26 Honigfreund
Der Amazon-Fahrer warf sein Päckchen nicht wie üblich in den Briefkasten. Er klingelte. Da stand er, groß, schlank und dunkelhäutig. Typ Somalier, dachte ich. Doch er könnte auch aus dem Jemen kommen. Ich war mir unsicher.
Freundlich-lächelnd schaute er mich an. Irgendwas wollte er. Doch nur was. Er sprach kein Wort Deutsch. Nach ein, zwei Sätzen in einer Sprache, die ich auch nicht zuordnen konnte, fühlte ich mich hilflos. Dazu noch meine Schwerhörigkeit
Ich wusste nicht, wie weiter.
Er schon. Griff in die Hosentasche und holte ein Handy heraus, tippte etwas ein und zeigte es mir. Ich las “Honig” Da fiel der Groschen. Er musste meine dreirädrige Ape auf der Straße gesehen haben, die mit Honigwerbung voll geklebt ist. Er wollte also Honig kaufen. Doch als Nächstes tippte er nicht die Frage nach dem Preis, sondern ein anderes Wort ein und zeigte es mir. Ich las “Zucker”. Dabei schaute er mich fragend an. Donnerwetter, sagte ich mir. Der Mann ist informiert und weiß von dem begründeten Verdacht, dass der eine oder andere Honig mit Zucker gepanscht ist. Dem Risiko wollte er sich offensichtlich nicht aussetzen.
Jetzt war es an mir, den Preis zu nennen. Mit 5 Euro war er einverstanden, griff wieder in seine Tasche und holte einen zerknüllten Schein heraus. Tschüss und weg war er.
Wie er wohl an seinen Job bei Amazon herangekommen ist? Dem reichte scheinbar der Führerschein, um ihm einen Lieferwagen anzuvertrauen. Wahrscheinlich sagte sich der Versender, dass er die paar Worte zur Erledigung seines Jobs im Laufe der Zeit schon lernen wird. Damit lag er wahrscheinlich richtig.
Inzwischen besuchte mich mein Somalier zum dritten Male. Ich sah ihn auch schon vor dem Haus warten, bis es 15.00 Uhr ist. Dann erst klingelte er. Über Stil und verfügt er also auch, sagte ich mir anerkennend. Er kam herein und wir nehmen uns in den Arm. Dann der Griff zu dem zerknüllten Schein in der Hosentasche. Vielleicht, so sagte ich mir, handelt es sich im Trinkgeld. Und Tschüss, bis bald.
Ob meine Vermutung stimmt, werde ich ihn bei seinem nächsten Besuch ganz bestimmt nicht fragen. Dafür aber, ob er in Deutschland mit seiner Familie lebt. Was ich inzwischen vermute. Vielleicht sollte ich mich an Amazon wenden. Die wissen bestimmt mehr. Aber ob die es mir auch sagen?
© Martin Krolzig