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15.1.26 Im Anfang

Warum der Historiker Heinrich August Winkler für mich ein so wichtiger Zeitzeuge ist, lässt sich schnell erzählen. Von ihm stammen epochemachende Werke wie »Der lange Weg nach Westen«. Doch, so fragte ich mich heute, möchte uns der Westen unter Trump eigentlich noch dort haben? Deshalb bestellte ich den 2025 erschienenden Band des Autors »Warum es so gekommen ist. Erinnerungen eines Historikers«. Darin berichtet er, wie er im Frühjahr 2004 den ersten Satz seiner mehrbändigen »Geschichte des Westens« zu Papier brachte. Der beginnt mit dem Satz » Am Anfang war ein Glaube“«.

Mit »Anfang« haben wir unser Stichwort. Winkler ist nämlich aufgefallen, dass drei deutschen Nationalgeschichten mit einem »Am Anfang« – Satz beginnen. Bei Thomas Nipperdy heißt es »“Am Anfang war Napoleon«. Nipperdy war laut Winkler nicht der erste deutsche Historiker, der die “Eingangsworte des Johannes–Evangeliums derart verweltlichte”. Bei Hans-Ulrich Wehler heißt es »Am Anfang stand keine Revolution« und bei Winkler selbst »Am Anfang war das Reich«. Der Autor weiß auch, dass der Berliner Arnulf Baring sein 1969 erschienenes Buch »Außenpolitik in Adenauers Kanzler-Demokratie« mit »Am Anfang war Adenauer« beginnt. Bei dem kupferte es Norbert Lammert dieser Tage ab. Sein Gastbeitrag zum 150. Geburtstag des ersten Kanzlers der Bundesrepublik vom 5. Januar erschien in der FAZ. Sein Titel: »Am Anfang war Adenauer«.

Egal, ob da steht am oder im: “Anfang” ist immer religiös aufgeladen. In der Lutherbibel beginnt das Johannes-Evangelium mit “Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort”. Nur ist das Neue Testament nicht Deutsch, sondern Griechisch geschrieben. Goethe läßt deshalb seine Faust in der Osternacht zum Urtext greifen. Der lautet Johannes 1,1:

Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν, καὶ θεὸς ἦν ὁ λόγος. 2οὗτος ἦν ἐν ἀρχῇ πρὸς τὸν θεόν. 3πάντα δι’ αὐτοῦ ἐγένετο, καὶ χωρὶς αὐτοῦ ἐγένετο οὐδὲ ἕν. ὃ γέγονεν 4ἐν αὐτῷ ζωὴ ἦν, καὶ ἡ ζωὴ ἦν τὸ φῶς τῶν ἀνθρώπων· 5καὶ τὸ φῶς ἐν τῇ σκοτίᾳ φαίνει, καὶ ἡ σκοτία αὐτὸ οὐ κατέλαβεν.Ins Deutsche übertragen: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen”.

Wenn Sie bisher durchgehalten haben – von jetzt an wird es leichter. Sie müssen weder Altgriechisch beherrschen noch sich zu einem Kurs bei der VHS anmelden, sondern nur bis fünf zählen können. Das 5. griechische Wort in dem Zitat lautet “λογος” (Logos) und das 5. deutsche “Wort”. Wenn Sie jetzt “Logos” googeln sind Sie auf der richtigen Spur. Sie werden sofort feststellen, dass die Unterschiede zwischen dem griechischen Begriff “Logos” und dem deutschen “Wort” in der Tat frappierend sind.

Doch mit dem “Anfang” sind wir noch nicht am Ende. Und mit Gott schon lange nicht. Die Bibel beginnt in 1. Mose 1,1 mit “Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde”. Da ich oben den griechischen, soll hier auch der hebräische Urtext zitiert werden: בראשית ברא אלהים את השמים ואת הארץ
den man natürlich von links nach rechts liest.

Die Historiker versuchen sich an der Stelle mit einem Witz: Am Anfang hat Gott die Welt erschaffen, der Historiker hingegen berichtet, „wie es gewesen ist”. Jedenfalls an Selbstbewusstsein fehlt es den Herren nicht.

Da jedem Anfang bekanntlich ein Ende folgt, ließe sich zum Schluss dieser Überlegungen Wilhelm Busch zitieren: “Aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe”. Abwegig? Ich glaube nicht. Für die Probe auf’s Exempel bietet sich gleich der Anfang an. Da schuf Gott Adam und Eva. Die beiden setzte er in den Garten Eden alias das Paradies. Alles steht zu eurer Verfügung, sagte er ihnen. Nur von dem einen Baum in der Mitte des Gartens sollt ihr nicht essen, fuhr er fort. Und die beiden? “Aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe” usw., usw.

© Martin Krolzig