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11.11.25 Berechnung

Im Magazin der »Süddeutschen« vom 7. November erschien ein sechsseitiges Interview mit Víkingur Ólafsson. Zu Beginn ein überwältigendes Foto über zwei Seiten. Als Autor firmiert Johannes Waechter, alles andere als ein Anfänger. Doch ich erinnere mich nicht, in einem Interview je so viel dummes Zeug gelesen. Was mich in dem Fall besonders ärgert, weil es in dem von mir so geschätzten Magazin der SZ erschien. Auf dessen letzter Seite bekanntlich Axel Hacke seine Kolumne „Das Beste aus aller Welt« publik macht. Wenn ich daran denke, wie pingelig der mit seinen Quellen und Belegen umgeht!
Da läßt uns der Star-Pianist wissen, der Titel Goldberg Variationen entstand posthum aufgrund einer Anekdote. Da bindet Ólafsson den Lesern einen gewaltigen Bären auf: “Die Goldberg Variationen, die ich voriges Jahr mehr als 100 mal gespielt habe, schrieb er für einen Grafen, der beim Einschlafen Musik hören wollte sie war quasi als Schlafmittel gedacht”. Allerdings weiß man seit vielen Jahren, dass das falsch ist. Die Einzelheiten kann man nicht irgendwo finden, sondern sie werden bei Wikipedia ausgebreitet. Hier nur so viel: Die Benennung entstand posthum aufgrund einer Anekdote. Der Name Goldberg-Variationen, auch Goldberg’sche Variationen, etablierte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts.
Ólafsson sieht sich nicht nur als Starpianist, sondern meint auch, alles zu können und alles zu wissen. “Mein erster Gedanke, als ich von der Milliarde Streama gehört habe, galt aber Johann Sebastian Bach – ich dachte, wie schön es wäre, wenn er davon erfahren könnte. Weil er seine Musik damals für fast niemanden geschrieben hat! In seinem ganzen Leben veröffentlichte er gerade mal vier schmale Bände mit Kompositionen.” Das glaubte ihm wohl auch Johannes Waechter und verzichtete genau wie seine Redaktion auf eine Fakten-Recherche.
Aus der Sprachlosigkeit langsam wieder aufgetaucht: Und was ist mit den beiden großen Passionen wie der h-Moll-Messe, die er dem Dresdner Hof widmete? Und den anderen Instrumentalwerken, etwa aus seiner Köthener Zeit?
Und dann gibt es noch das Musikalische Opfer. Dessen Geschichte ist schnell erzählt. Johann Sebastian Bach besuchte Friedrich den Großen im Mai 1747 in dessen Potsdamer Stadtschloss. Er war einer Einladung des Königs gefolgt. An dessen Hof wirkte bereits Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel als Musiker. Über die Begegnung mit dem König berichteten die Zeitungen ausführlich. Friedrich, so liest man da, spielte sein Thema auf dem Klavier vor und forderte Bach auf, darüber eine Fuge zu improvisieren. Vom Ergebnis, einer dreistimmigen, war der König hin und weg. Daraufhin fragte der König, ob Bach aus dem Thema nicht auch eine sechsstimmige Fuge machen könne. Da musste der zunächst passen, fuhr zurück nach Leipzig, machte sich an die Arbeit und kam nach einiger Zeit mit dem Ergebnis zurück – eben jenem Musikalischen Opfer. Den Druck ließ er auf eigene Kosten herstellen. Die meisten der 200 Exemplare verteilte Bach „an gute Freunde gratis“, die übrigen wurden für 1 Taler das Stück verkauft. Die Klavierfassung spielen heute Pianisten landauf und landab. Man muss nur mal googeln und staunt über das Ergebnis.
© Martin Krolzig