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24.12.25 Weihnachtsglaube

Wenn Kirchenmusik überhaupt Hitcharakter bekommt, dann die Kantaten I-III des Bachschen Weihnachtsoratoriums. Am 1. Feiertag begann es mit Pauken und Trompeten. Unüberhörbar die Botschaft “Jauchzet, frohlocket” mit der Aufforderung “Lasset das Zagen, verbannet die Klage”. Wenn das doch mehr Zeitgenossen tun würden, so dachte ich mir, Jammertöne hörte man weniger penetrant und vor allem nicht so nervend. Zum Schluß der 3. Kantate wiederholen Chor und Orchester “Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen”. So steht es im Textbuch des unbekannten Autors. Also noch einmal Weihnachtsoratorium pur mit Pauken und Trompeten.

Gegen Ende der III. Kantate steht die Altarie “Schließe mein Herze dies selige Wunder fest in deinen Glauben ein”. Doch wie macht man das? Dafür braucht es auch Zeit. In Bachs Jahrhundert hatte man die. Noch, muß man dazusetzen. Nicht, weil der Thomaskantor in ruhigeren Zeiten lebte. Das wäre ein Irrtum. Doch damals standen noch drei Weihnachtsfeiertage im Kalender. Auch für den dritten komponierte Bach mehrere Kantaten. Nur, wann sollen wir die hören, frage ich mich seufzend. Wobei ich als Pensionär noch gut dran bin. Hätten damals schon Typen wie Elon Musk das Sagen gehabt, wäre noch ein weiterer gestrichen worden. Da bin ich mir sicher.

Zurück zur Altarie und ihrem Text. “Schließe meine Herze dies selige Wunder fest in deinen Glauben ein!” lautet der erste Satz. Ihr zweiter erklärt genauer, was gemeint ist: “Lasse dies Wunder, die göttlichen Werke, immer zur Stärke deines schwachen Glaubens sein!” Das hören wir in mehreren Wiederholungen. Klar, hier predigt der Komponist. Doch bei Bach käme niemand auf den Gedanken zu sagen: Allmählich reichts.

Zum Glück besitzen wir das Weihnachtsoratorium in Bachs Handschrift. In Berlin kann man dem Autographen in Augenschein nehmen. Alfred Dürr “Johann Sebastian Bach. Die Kantaten” hat es getan. Er schreibt zu unserer Altarie: »Es ist wohl die einzige neu geschaffene Arie des Oratoriums. Ein erster Entwurf war mehrfach geändert, schließlich verworfen worden, und auch die Niederschrift der neuen, gültigen Fassung legt mit ihren Korrekturen Zeugnis ab für die selbstkritische Einstellung Bachs bei ihrer Komposition”. Und dann: “Die ausgeschriebene Violinstimme endlich enthält eine ungewöhnlich gewissenhafte Artikulationsbezeichnung – ein neuerlicher Beweis für die Sorgfalt des Komponisten gerade dieser Arie gegenüber”.

Der berühmte englische Dirigent John Elliot Gardiner führte alle Bachkantaten am Ort ihres Entstehens in Thüringen auf. Zusammen mit seinen English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir. Dazu noch die großen Oratorien wie die Matthäus- und Johannespassion sowie die h-Moll Messe. Mit der Neuaufnahme des Weihnachtsoratoriums verabschiedete er sich von seinem weltweiten Publikum.

Gardiner schrieb auch ein 700 Seiten starkes Bach-Buch. Das 5. Kapitel überschrieb er “Das Räderwerk des Glaubens”. Im Gegensatz zu den anderen trägt es ein Motto: “Aus Glauben ist der Mensch gemacht – wie er glaubt so ist er”. Das entstammt der Bhagavad Gita und passt verblüffend zu der Altarie aus dem Weihnachtsoratorium. Doch auch nach mehreren Versuchen mich über den hinduistischen Text zu informeren – für mich weiterhin ein Buch mit sieben Siegeln. Interessant aber bleibt es allemal. Schon wegen des Mottes, für das Gardiner in einer Anmerkung auch den Fundort angibt. “Aus Glauben ist der Mensch gemacht – wie er glaubt so ist er”. Ja, hätte Johann Sebastian Bach gesagt, so ist es.