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22.12.23 Kirchturms Botschaften

Einzigartig, wie er in seiner Schönheit alles überragt: Der Turm von St. Johannis zu Niemegk. Ganz oben strahlt seine vergoldete Botschaft über die Lande.

Gleichzeitig bildet St. Johannis im Fläming den Mittelpunkt einer einzigartigen Kirchturmslandschaft. Um ihn herum beturmte Dorfkirchen. Mit einer Unterbrechung. Von der noch zu reden sein wird.

Die Augen für die Kirchturmlandschaft im Fläming mit ihrer Anmutung von Heimat. öffnete mir der Nobelpreisträger Peter Handke. In seinem jüngsten Buch „Die Ballade des letzten Gastes“ erzählt der 81jährige vom Besuch Gregors in seiner alten Heimat. Der lebt und arbeitet in einem fernen Erdteil. Jetzt möchte er seine Verwandten wiedersehen. Taufpate beim Kind seiner Schwester soll er auch werden. Zunächst reist er mit dem Flugzeug. Dann könnte er die Bahn als schnellstes Verkehrsmittel nehmen. Doch er entscheidet sich für den langsameren Bus.

„Längst war der Überlandbus abgebogen in die Agglomeration.“ Agglomeration, Gegenbegriff zu Heimat, bleibt das einzige nicht übersetzte Fremdwort. Den Kontrast bildet die Summe der konsequent eingedeutschten Worte wie Taschentelefon für Smartphone und Einrad-Schiebetruhe für Kinderwagen. Spätestens beim sperrigen „Schiebetruhenschieber“ begreift man Handkes Botschaft.

Und so reist Gregor durch die Agglomeration. Er sieht die „pausenlos als bewegliche Tangenten auch noch die fernste Siedlungskreise in die Zivilisation eingemeindeten Lokalzüge, Straßenbahnen wie auch die streckenweise auf hohen Pfeilern verkehrenden oderirdischen Metros“. Dann schreibt der Dichter: „Auf den zweiten Blick erkannte er dann da und dort sogar den Turm einer der ‚nicht vielen, aber auch nicht wenigen‘ Dorfkirchen, Türme zu Füßen der Hochhäuser, so klein geworden in der Erinnerung an die Vorzeit, wie geschrumpft. “Und wiederum recht so, dass diese Kirchtürme jetzt nicht mehr kreuz und quer durch das Land, so auffällig und alleinherrscherlich Fingerzeige himmelwärts waren, wenn sie nicht gar mit dem Himmel drohten.

Fingerzeige himmelwärts sind die Kirchtürme in der Fläminglandschaft allemal. Da stehen sie alleinherrscherlich und weisen bis heute himmelwärts, wenn sie „nicht gar mit dem Himmel drohen“, wie Handke schreibt.

In meiner ersten Gemeinde in Düsseldorf standen mehrere Kirchen, die alle nach dem Krieg errichtet wurden. Keine von Ihnen besaß einen Turm, der als „Fingerzeig himmelwärts“ durchgehen könnte. Es waren Glockenhalterungsgestelle, kaum höher als das Kirchenschiff selbst. Die gemauerte Selbstverzwergung. Auf die die kirchliche Bauherren und Architekten sogar noch stolz waren. Zweckbauten nannten sie die. Nichts anderes als die turmlose Anpassung an die Agglomeration ringsum.

Ich vermute, das gilt für die meisten der in den Fünfzigern und Sechzigern errichteten Kirchen. In späteren Jahren baute man gar keine Kirchen mehr. Gegenwärtig verkauft man sie, weil die Kassen leer und die Gemeindepfarrer zu knappen Gütern wurden. Ihr Ende wird unbeweint unter den Klängen der Abrissbirnen folgen.

Zurück auf den Fläming. Die Botschaft der Türme changiert zwischen „Fingerzeige himmelwärts“ und „mit dem Himmel drohen“. Doch mittendrin die schwärende Wunde Neuendorf. In den Siebziger riß man den baufällig gewordenen Turm ab. Einen Neuen errichten? Geldmangel kann es damals nicht gewesen sein. Eher Interesselosigkeit. Kirchturm geht auf Kirchturmpolitik. Mit der möchte niemand aus dem Kreis der Möchtegerne in Verbindung gebracht werden.

So dauert bis heute der turmlose Zustand. Unter schulterzuckender Gleichgütigheit der Zuständigen und Verantwortungslosen. Dieser Tage telefonierte ich mit einer Frau, die nahezu täglich an der Neuendorfer Kirche vorbeifährt. Die hat keinen Turm? Komisch, habe ich noch gar nicht bemerkt.

Doch sie hatte einen. Und was für einen! Die alte Postkarte zeigt ihn. Gegenwärtige Aufnahmen, die auch von der Gemeinde verbreitet werden, bilden die Kirche schamvoll von hinten ab. Sieht doch auch ohne Turm ganz schön aus, soll wohl der Betrachter denken.

Auf mich wirkt die gegenwärtige Neuendorfer Kirche in ihrer Hässlichkeit wie enthauptet. Doch das muss nicht das letzte Wort bleiben.

© Martin Krolzig

An der Stelle möchte ich auf den Anfang unserer Geschichte zurück kommen. Wer ein Beispiel für Agglomeration und zerstörter Heimat einschließlich ihrer Folgen sucht, sollte sich an die Flut-Katastrophe im Ahrtal erinnern. Da starben in der Nacht vom 14. und 15. Juli 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen 135 Menschen.

Im Netz findet man Foto-Zusammenstellungen vor- und nach der Katastrophe. Bei ihrer Betrachtung denkt der Handke- Leser sorfort an “Die Ballde des letzten Gastes”. Unvorhergesehen? Niemand sollte sich Sand in die Augen streuen lassen. Hinweise auf die drohende Katastrophe gab es immer wieder. Doch es war wie bei der antiken Kassandra – niemand hörte auf sie. Genauso, wie auf die Hinweise und Drohungen der jahrhundertealten Kirchtürme in unseren Breiten..

© Martin Krolzig