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1.1.25 Gebeugt & schief
Die zweite Runde meiner Physiobehandlung nähert sich ihrem Ende. Bei unterschiedlichen Anbietern befaßten sich eine Therapeutin und ein Therapeut mit meinem Rücken. Ein Orthopäde, seines Zeichens auch Sportmediziner, hatte die Rezepte ausgestellt. Nachdem ich noch auf einem Bürgersteig gestürzt war, belegten CT-Aufnahmen von Becken und Lendenwirbel den Zustand meiner Wirbelsäule. Den zeigte mir ein Arzt auf einem großen Bildschirm. “Sie haben keinen Krebs und müssen auch nicht operiert werden” eröffnete er seine Diagnose. Was im ersten Moment beruhigend klang.
Doch nichts half. Auch von kleinen Veränderungen kann ich nicht berichten, obwohl ich die empfohlenen Übungen Tag für Tag machte. Doch ich gehe weiterhin wackelig, gebeugt und schief. Wenn das so bleibt, sagte ich mir, mußt du dir bald einen Rollator zulegen. Ich sei zu ungeduldig, vernahm ich wiederholt; das wird schon, hörte ich von anderen.
Vielleicht, so sagte ich mir, müsse ich meinen Blick auf die Situation verändern. Angefangen bei der Sprache. Das sei womöglich eine Chance, um in neues Fahrwasser zu gelangen. Ich sagte mir also, du gehst geknickt, du gehst krumm. Krumm? “Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.” Kants Diktum klingt auch nicht gerade ermutigend.
Da stieß ich bei Buchbesprechungen auf zwei Stichworte, die mich elektrisierten. Das eine lautete “aufrecht”, das andere “unbeugsam”. Das eine stammt von Alexej Nawalny, das andere von Winston Churchill. Beide Werke bestellte ich.
Zuerst traf Nawalnys 500 Seiten starke Autobiograhie ein. Da erfuhr ich, daß das Stichwort “aufrecht” Leben und Sterben des Putin-Gegners auf den Punkt bringt. Zunächst las ich, was ihn und sein Team in Putins Rußland nicht nur durchhalten ließ sondern auch Auftrieb verschaffte. Dann der Mordanschlag des russischen Geheimdienstes in Sibirien. Durch die Intervention von Angela Merkel bei Putin kam er zur Behandlung in die Berliner Charité.
Doch Nawalny, kaum genesen, kehrte nach Rußland zurück. Das, obwohl er genau wußte, was ihn dort erwartete. In immer neue Verfahren wurde er zu weiteren, längeren Strafen verurteilt. Als Gefangener wurde er in die Nähe des Polarkreises verlegt.
Dann blätterte ich zum Ende des Bandes vor und las die Aufzeichnungen aus seinem sibirischen Totenhaus. Hier, auf den letzten Seiten seiner Biographie beschreibt Nawalny die Techniken, die ihn bis zum Ende aufrecht durchhalten ließen.
Die erste kennt man durch Selbsthilfebücher und aus der Verhaltenstherapie: Stell dir das Schlimmste vor, was passieren kann – und akzeptiere es. Konkret hieß das für ihn „Ich werde den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen und dort sterben”. Doch die innere Stimme läßt sich nicht so einfach ausschalten; sie bleibt ein ständiger Begleiter.
Als zweite Technik nennt der Autor die Religion. Sie „ist nur für Gläubiger anwendbar, erfordert aber keine glühenden Gebete“, schreibt er. Man muß sich nur fragen, „ob du im tiefsten Herzen Christ bist”. Nawalny: “Wenn Du aufrichtig mit Ja antworten kannst, worüber musst du dir dann noch Sorgen machen?” Er zitiert die Bergpredigt: “Sorgt Euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen“
Seie Frau Julia erwies sich für ihn als die größte Hilfe. Bei einem längeren Besuch abseits von Kameras und Mikrofonen flüsterte er ihr ins Ohr: »Hör zu, ich möchte nicht dramatisch klingen, aber ich glaube, es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich hier nicht mehr rauskomme. Selbst wenn alles zusammenzubrechen beginnt, werden sie mich umlegen, beim ersten Zeichen, daß das Regime kollabiert«. Darauf Julija: »Ich weiß” sagte sie nickend, mit ruhiger und fester Stimme »das habe ich mir auch gedacht”. Keine Träne, kein Jammern, nichts dergleichen. »Lass uns einfach für uns selbst festlegen daß dies das wahrscheinlichste ist, was geschehen wird, dass es uns als das Basisszenario annehmen und unser Leben auf dieser Basis ausrichten. Wenn sich die Dinge besser entwickeln, ist das wunderbar, aber wir werden uns nicht darauf verlassen oder unbegründete Hoffnungen hegen«. Darauf Julija: »Ja so machen wirs«.
Der britische Premierminister Winston Churchill – und von seiner Autobiographie in doppelter Länge gegenüber Nawalnys Werk, ist jetzt zu berichten – trug seidene Unterwäsche, gab die legendäre Antwort, No Sports, auf die Frage, wie er, ein passionierter Zigarrenraucher und dem Whisky wie Champagner zugetan, sein hohes Alter erreicht habe. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte er als Hedonist durchgehen.
Doch Churchill war den 2. Weltkrieg über bis zu dessen Ende der unbeugsame Gegner Adolf Hitlers. Freunde und Verbündete standen die Jahre über an seiner Seite. Manche von ihnen wollten irgendwann nachgeben oder Kompromisse mit dem Feind eingehen, um das millionenfache Sterben zu beenden. Doch Churchill blieb unbeugsam. „Bedingungslose Kapitulation“ lautete sein Mantra. Konkret: Auf keine Gesprächsangebote mit dem deutschen Widerstand eingehen, die Zerstörung britischer Metropolen hinnehmen und die Bombardierung der Städte im Ruhrgebiet, sowie von Hamburg, Berlin bis hin zu Dresden gnadenlos fortsetzen – um nur von Deutschland zu reden.
Man muß nicht den ganzen Band seiner Memoiren, für den er den Literatur-Nobel-Preis erhielt, lesen, um zu ermessen, welchen Preis der englische Premier zahlen mußte. Die Lektüre der Rettung des britischen Expeditionskorps vor Dünkirchen zeigt das wie unter einer Lupe in einem ersten, furchtbaren Detail.
Plötzlich entstand da die große Gefahr, schreibt Churchill, dass die deutschen Truppen Dünkirchen in einem Zangenangriff vom rettenden Ärmelkanal abschneiden könnten. Er entschied deshalb, dass die Stadt Calais bis zum äußersten verteidigt werden muß, und daß die Besatzung, bestehend aus einem Bataillon mit 21 leichten und 27 schweren Panzern plus den dazu gehörigen Soldaten nicht zur See evakuiert werden darf. „Es war schmerzlich, diese prächtigen Truppen zu opfern, deren wir so wenige besaßen, und nur um des zweifelhaften Vorteils willen, zwei oder vielleicht drei Tage zu gewinnen, ohne zu wissen, wie wir diese Tage würden ausnutzen können“, berichtet er. Erst im Rückblick enthüllt sich ihm: „Calais war der entscheidende Punkt. Zahlreiche andere Dinge hätten die Rettung aus Dünkirchen verhindern können, doch eins ist gewiss daß die durch die Verteidigung von Calais gewonnenen Tage die Evakuierung der Truppen ermöglicht haben.Und das ohne diesen Umstand alles abgeschnitten und verloren gewesen wäre.“ Der bittere Preis dafür war ihr Opfer.
Nach weiteren Beispielen für “aufrecht” und “unbeugsam” muß ich nicht mehr suchen. Gilt sonst der Hinweis auf Adjektive beim Schreiben zu verzichten, in meinem Leben erweisen sich die beiden als unverzichtbar. Mir stellt sich jetzt die Aufgabe, sie in mein Leben einzuzeichnen. Im Zusammenhang der Hirnforschung las ich einmal. man kann & man muß den Willen trainieren wie einen Muskel.
© Martin Krolzig