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20.10.24 Intensivbeter
Zur Stärkung meiner schlappen Muskeln entschied ich mich für Nordic Walking. Eine 20-minütige Feierabend-Runde geht über den Strümper Friedhof. In der Anleitung las ich: Brust raus, Schultern zurück, aufrechte Körperhaltung. Doch leichter geschrieben als getan. Schnell komme ich außer Puste, muss stehen bleiben, um wieder zu Atem zu kommen. Merke, wie ich immer schiefer gelaufen bin – und richte mich auf.
Da sehe ich rechts ca. 100 Meter vor mir einen Mann mitten in einem Feld von Grabsteinen. Die reichen ihm bis zur Brust. Mein Blick bleibt an seinen Händen haften. Die hat er vor der Brust gefaltet. Offensichtlich betet er. Vielleicht ein Vater unser? Doch er verharrt weitaus länger in der Position, als das Gebet üblicherweise dauert.
Es gibt im Neuen Testament eine Stelle, in der Jesus sagt: Wenn ihr den Vater etwas bitten werdet, so wird er es euch geben. Doch bisher habt ihr nicht so in meinem Namen gebetet. Mir scheint, der Mann nimmt den Nazarener beim Wort.
Ein Intensivbeter schießt es mir durch den Kopf.
Ich beobachte ihn noch eine Weile, bemerke auch noch, dass er eine typische Rentner-Mütze trägt, dann komme ich mir indiskret vor. Beim Weitergehen betet er immer noch.
So hast du noch nie gebetet, sage ich mir. Das tägliche Vater unser, danach das alte Abendgebet aus Kindertagen – das wars denn auch schon.
Laut einer aktuellen Studie des Meinungsforschungsinstituts Emnid betet mehr als die Hälfte der Deutschen. Fast jeder fünfte Deutsche betet regelmäßig, und in Krisenzeiten wie Corona beten weitere sechs Prozent.
Eigentlich erstaunlich, wo doch die Zahlen der Kirchenmitglieder wie der Gottesdienstbesucher in den letzten Jahren immer weiter zurückgingen. Wie dramatisch, erkennt man, wenn die Abwärtskurve graphisch dargestellt wird.
Das Gleiche gilt für die Friedhofskultur. Die alte verfällt. Kleine Steinplatten über Urnengräber nehmen zu. Kreuze auf Grabsteinen werden seltener. Hinterbliebene sparen wie bei Aldi. Früher gab es 7 Blumengeschäfte am Düsseldorfer Nordfriedhof. Heute existiert noch eins.
Mir scheint, die etablierten Kirchen haben da etwas übersehen. Die beschäftigen sich überwiegend mit Strukturfragen, diskutieren Modelle, wie sie ihre Finanzsituation optimieren können, und überlegen, bei welchen Gotteshäusern ein Verkauf lohnt.
Verändert man den Focus und blickt auf die Gebetskultur in den Gottesdiensten des Protestantismus, erkennt man die Defizite genauer. Und ja, es wird gebetet. Eher routiniert als intensiv legen in den Fürbitten am Ende des Gottesdienstes gendernde Pfarrer und Pfarrerinnen Ergebnisse ihrer persönlichen Formulierungskünste vor. Beim Hören kommt man aus dem Staunen nicht heraus.
Traditionell blicken bei den Fürbitten die Kirchen an erster Stelle auf die, die es am nötigsten haben: Sie selbst. Es hilft alles nichts, sie sind die größten Sünder. Vieles wäre da zu sagen: Doch Ihr größtes Minus: Sie sind keine Intensivbeter.
Ein Neuanfang brächte die Wende. Der muß für Protestanten beim Neuen Testament einsetzen. Am wirkungsvollsten schonungslos. “Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen. Und wir wissen auch nicht, wie wir unser Gebet in angemessener Weise vor Gott bringen” (Römer 8,27).
© Martin Krolzig