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10.3.24 Falschspieler
April 1945 in Niemegk. Die Großstraße hängt voller weißer Fahnen. Es ist eins der Bilder, die sich ins Gedächtnis des Vierjährigen eingebrannt haben. Mit Panzer an der Spitze, las er später, näherte sich die sowjetische Feuerwalze vom hohen Fläming kommend der Ackerbürgerstadt. Ihr Ziel Berlin, das Tage später fallen wird.
In Jalta hatten sich die großen Drei auf die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches geeinigt. Zu verhandeln gab es nichts mehr. Die weiße Fahne symbolisiert, dass die Niemegker es begriffen haben.
Hatte nicht noch vor wenigen Tagen unsere Außenministerin als einsame Ruferin in der Wüste die Hamas aufgefordert zu kapitulieren? Doch die dachte nicht daran, sondern kämpfte weiter und feilschte in Kairo mit den Israelis über den Preis für die Freilassung ihrer Geiseln.
Und jetzt der Papst. Sein Statement, so erfahren wir, stammt aus einem Interview mit dem Schweizer Sender RSI. Geführt bereits im Februar, aber erst am letzten Wochenende wurde es bekannt. Darin legt das Oberhaupt der Katholiken der Ukraine nahe, ein Ende des Kriegs mit Russland auszuhandeln: Er denke, »dass der Stärkste derjenige ist, der die Situation betrachtet, an die Menschen denkt, den Mut der weißen Fahne hat und verhandelt.« So der Franziskaner auf dem Stuhle Petri: »Wenn man sieht, dass man besiegt wird, dass die Dinge nicht gut laufen, muss man den Mut haben, zu verhandeln.«
Was denn nun, fragt sich der protestantische Beobachter, Kapitulation oder Verhandlungen? Und der muss einmal wieder lernen, dass er so blöd wie jener Hase ausschaut, der sich von dem Igel in der Ackerfurche austricksen lässt. Das geht so: Der Papst wird wegen der „Weißen Fahne“ heftig angegriffen. Und was macht der, als der Sturm zu groß wird? Behauptet, das Bild stamme gar nicht von ihm, sondern von dem eidgenossenschaftlichen Interviewer. Er habe den Begriff nur aufgegriffen.
Entspannt euch, Freunde, so der Schlaumeier, alles viel harmloser. Er wolle nur zu Verhandlungen aufrufen. Also nichts anderes gesagt haben, als was Sarah Wagenknecht, Alice Schwarzer und andere schon vor Monaten forderten. War nicht auch der Bonner Friedensfreund Mützenich mit von der Partie? Der Papst als Sandmännchen.
Doch genau so bewegt sich die römisch-katholische Spitze seit eh und je auf schwierigem Terrain. Kommt man durch, ist alles o. k. Klappt’s nicht, kann man immer noch behaupten, das habe man gar nicht gesagt. Jedenfalls nicht so, liegt auch schon lange zurück, ist also ein alter Hut. Man habe nur andere zitiert. Als ob man dem Post einfach so ein Mikrofon hinhalten könne und der plappere fromm & frei drauflos. Als ob nicht alles vorher genau abgesprochen war.
Freunde, wo lebt ihr eigentlich?
© Martin Krolzig
© Martin Krolzig