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17.2.24 Singeschulze
Schulze. Da ich als einziger Patient im Wartezimmer saß, stand ich auf, nickte freundlich zurück und folgte ihm. „Wat denn fürn Schulze?“, hätte ich am liebsten gefragt und dem Arzt erklärt, dass ich aus einem Ort südlich von Potsdam stamme, an dem jeder Zweite Schulze hieß.
Die Niemegker am Rande des Flämings mussten ihre Schulzen durch einen Zusatz unterscheidbar machen. Da gab es z. B. Bockschulze, Bankschulze – und Singeschulze, von dem hier erzählt werden soll.
Oft reichte der Zusatz zum weiteren Verständnis. Bockschulze etwa umgab ein penetranter Ziegenbock-Geruch. Er hielt in der Grünstraße den gekörten Ziegenbock. Zudem wurde der Junge mit der Ziege geschickt, wenn die mal wieder gedeckt werden musste. Hat sie gestanden, fragte Mutti, als er nach Hause kam. Er meinte schon. Als die Lämmer nach fünf Monaten zur Welt kamen, gab es keinen Zweifel am Erfolg von Bockschulzes potentem Haustier.
Bankschulze stand mit Frau und Töchtern der Familie Krolzig besonders nahe. Man sprach mit leisem Bedauern, dass er an Syphilis leide. Der Junge ahnte, dass es eine geheimnisvolle Krankheit sein müsse, weil man darüber nur hinter der hohlen Hand sprach. Mutti erklärte dem Jungen, dass er sich beim Geldzählen infiziert habe müssen. Er spürte, dass er besser den Mund hielt und nicht weiter nachfragte.
Singeschulze muss man näher erklären. Der drahtige Mann arbeitete von Montag früh bis Samstag Mittag als Handlanger auf den Baustellen; damals, als noch die 48-Stunden-Woche den Lebens-Rhythmus bestimmte Auf der rechten Schulter trug er einen Weidenkorb mit Ziegeln oder anderen Baumaterialien über schwankende Holzleitern. Nie geriet er aus dem Tritt. Ob er eine Familie hatte? Auch wo er wohnte, wusste ich nicht.

Sonnabend nach Arbeitsende empfing er mit den Kollegen seine Lohntüte. Deren Inhalt setzte er umgehend in Nordhäuser Korn um. Nie sah man ihn gewaltige Mengen in sich hineinzukippen; Viel schien er auch nicht zu vertragen.
Dann wurde er zu Singeschulze. Auch bei ihm baute der Alkohol Hemmungen ab. Doch er redete weder abstruses Zeug noch pöbelte er herum. Seine Verklemmtheit läßt sich als Singe-Hemmung diagnostizieren. War sie abgebaut, kamen aus Schulzes Kehle die schönsten Töne. Mit tragender Stimme über Stunden frei und schön. Nie grölte er Gassenhauer oder anzügliche Lieder.
Textsicher war er allerdings zu späterer Stunde nicht mehr. Uns Kindern war das egal. Wir hörten ihm still und aufmerksam zu. Was er sang, weiß ich nicht mehr. Lieder, Balladen, Choräle? Wohl ein Gemisch von allem.
Lange konnte er sich nicht mehr auf den Beinen halten. Irgendwann ging sein Gesang in Lallen über, doch ohne dass Schulze darüber zur lächerlichen Figur wurde. Dann lag er vor der Finke, dem Niemegker Polizeigewahrsam neben der Kirche. Bald verklang sein letzter Ton bis zum nächsten Sonnabend.
Nie habe ich beobachtet, dass ein Erwachsener mit ihm sprach. Auch mein Vater, der Pfarrer, ging an ihm vorüber.
Die allermeisten machte einen Bogen um Singeschulze. Vor allem aber faßten sich die Niemegker an den Kopf, wenn sie ihn sahen oder hörten. Was sie von sich gaben, war die alte Leier. Oder sie lachten unsicher-glucksend. Vielleicht auch, weil sie selbst nicht singen konnten und noch stolz darauf schienen, es nicht einmal probiert zu haben. Dafür aber umso lauter grölten, wenn sie besoffen waren. Und dazwischen feixend zum Besten gaben, wie sie früher die Musiklehrerin in die Verzweiflung trieben, zum Heulen brachten.
Nur die Kinder hielten zu ihm
Jahrzehnte später las ich bei Theodor Fontane, dass in Preußen spontaner Gesang außerhalb der vorgegebenen Ordnung bei Strafe verboten war. Singen machte verdächtig. Gutbürgerlicher Gesang bitte nur in geschlossenen Räumen. Auf dem Hintergrund wird Singeschulze zur Vorstufe eines Fläming-Revoluzzers.
Man sollte vor der ehemaligen Finke eine Platte in den Boden einlassen. Versehen mit dem Text „Hier wirkte Singeschulze“.
© Martin Krolzig