Blog

18.1.19 Erste Liebe

Hier packte mich Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts meine erste, große Leidenschaft: Die Liebe zu den Bienen. Damals befand sich hier die Schmiede von Otto Koltzenburg. Sie war das Zentrum eines faszinierenden Dorflebens.

Aus, vorbei entfährt es dem gealterten Bienenfreund, als er die Fotos betrachtet. Schmiede und Dorfleben kann man kein neues Leben einhauchen. Alles hat seine Zeit. Auch seine Erinnerungen. Dennoch schreibt er sie auf. Für irgendwelche Nachfahren, für die Enkel-Generation? Ausschließlich für sich. Da ist er sich ganz sicher.

Wie mit einem Magneten zog es den Jungen zu Otto Koltzenburg. Entweder fuhr ich mit meinem Vater im Auto oder ich radelte die paar Kilometer von meinem Elternhaus in Niemegk zur Schmiede nach Neuendorf. Koltzenburg und mein Vater verkehrten auf Augenhöhe miteinander, wie man heute sagen würde. Ob sie Freunde waren? Das hätten gewiß beide verneint. Von gemeinsamen Werten sprachen sie bestimmt auch nicht. Das wäre beiden fremd & gestelzt vorgekommen. Beide, den Schmied wie den Theologen, einte die Bindung an die Kirche Martin Luthers, den Glauben und die Bibel.

Heute frage ich mich, wie ich Kolzenburg eigentlich angesprochen habe. Otto – undenkbar, vielleicht Herr, oder Onkel? Ich wüßte es gerne. Dass er mich mochte, ließ er mich von Anfang an spüren.

Von weitem hörte ich bereits den hellen Klang der Hämmer. Das Hufeisen hielt Koltzenburg mit einer langen Zange in die Esse und mit der anderen Hand betätigte er den Blasebalg. Rotglühend zog er es heraus, legte es auf den Amboss und brachte es durch wechselnde Schläge zusammen mit seinem Sohn in die gewünschte Form. Millimetergenau. Dann wurde es dem Pferd glühend auf den Huf angepaßt und mit mehreren Nägeln befestigt, wobei Koltzenburg das Bein des Pferdes in seiner ledernen Schürze hielt. Dabei qualmte das verschmorte Horn gewaltig. Ich konnte nicht dicht genug herangehen. Andere hielten sich die Nase zu. Ich dagegen genoß den Rauch in vollen und tiefen Zügen.

Koltzenburg war verheiratet. Man munkelte: mit einer Russin. Ihr Akzent fiel auch mir neben ihrer liebenswerten Ausstrahlung auf. Man erzählte sich hinter der vorgehaltenen Hand, dass sie während des Krieges irgendwie nach Neuendorf gelangt war, hier hängen blieb und dann durch eine schicksalhafte Fügung nach dem Einmarsch der Sowjettruppen bleiben konnte. – Heute weiß ich es besser. Die spätere Frau Koltzenburg kam mit ihrer Verwandtschaft während des Krieges aus der Sowjetunion. Sie entstammte einer deutschen Familie, die Katharina II. im 18. Jahrhundert als tüchtige Arbeiter nach Rußland geholt hatte. In einer Nacht- und Nebelaktion, so hörte ich jetzt, heirate Otto Koltzenburg die junge. liebenswerte Frau. Alle anderen Familienmitglieder mußten umgehend wieder zurück in die Sowjetunion. Erst in den 90iger Jahren kamen sie als Spätaussiedler erneut nach Deutschland.

Hinter der Schmiede befanden sich die Bienen. Ich jieperte nach ihnen. Doch alleine konnte ich mich ihnen nicht nähern. Heute weiß ich, dass die Tiere früher viel aggressiver waren. Doch als sich Koltzenburg seinen Hut mit dem Schleier überzog und die qualmende Pfeiffe in die Mund steckte, hatte ich in seiner Nähe keine Angst mehr vor ihnen. Im Bienenhaus öffnete er die Magazine von hinten und zog die Waben vorsichtig heraus, zeigte und erklärte mir alles ganz genau. Völlig anders, als wenn Erwachsene sonst dem unbedarften Kind etwas beizubringen versuchten. Nicht Koltzenburg rückte sich mit all seiner Kraft und seinem geballten Wissen in den Mittelpunkt, vielmehr stellt der das Kind dorthin. Noch im Augenblick, wo ich das schreibe fühle ich, dass er mich ernst nahm. Bei den Bienen verkehrten wir auf Augenhöhe, wie man heut sagt. Ein Glücksfall für den Jungen, der die Pubertät noch vor sich hatte.

Sicherlich hat er mir auch einmal ein Glas mit Honig geschenkt, doch daran erinnere ich mich nicht. Die Bienen, nicht ihr Produkt faszinierten mich. Ich bin mir sicher, Koltzenburg ging es genauso. Das geheimnisvolle Bienenhaus bildete die Gegenwelt zur lauten Schmiede. Auch meine Bienen stehen heute ohne Hütte irgendwo im Freien, doch auch sie bilden eine Gegenwelt zu meinem sonstigen Leben.

Am Ende des Sommers brachte mir Koltzenburg überraschend ein unerwartetes Geschenk. Zusammen mit meinem Vater trug er eine Kiste mit einem Bienenvolk in unseren Garten. Mir blieb die Spucke weg. Die Bienen stellten wir an einen sonnigen und geschützten Platz. Sie befanden sich, wie ich es hinter der Schmiede erlebt hatte, in einem Magazin. Ich bin mir sicher, dass es genau wie die Rähmchen von einem Handwerker individuell hergestellt wurde. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Bald stand die Auffütterung für den Winter an. Nur über Umwege gelangte man damals an den dafür notwendigen Zucker. Das klappte noch alles. Eine bange Frage allerdings meldete sich in den kommenden Wochen und Monaten immer dringlicher: Ob die Bienen wohl noch leben? Ich hielt die Ungewißheit irgendwann nicht mehr aus. Ich öffnete im verschneiten Garten die hintere Klappe und zog die Rähmchen heraus; natürlich ganz vorsichtig, wie ich es von Koltzenburg gelernt hatte. Die Sonne schien, doch es war eiskalt. Ja, sie lebten noch. Meine Aktion allerdings bedeutete für sie den sicheren Tod, was erst im Frühjahr offensichtlich wurde. Meinen Eltern und auch meinem Lehrmeister hatte ich aus Scham nichts von meiner Nachschau erzählt.

Die Liebe zu den Bienen blieb über die Jahrzehnte. Mir kam es so vor, als ginge es mir wie dem Helden in Gabriel Garcia Marquez’ Roman: Die Liebe in den Zeiten der Cholera. Der verliebt sich als Jugendlicher im wahrsten Sinne des Wortes unsterblich in ein Mädchen. Doch erst als sie beide alt sind, finden sie zueinander.

Manche große Liebe erfüllt sich erst im Alter. So wie meine zu den Bienen. Die vor über 60 Jahren in Otto Koltzenburgs Schmiede zu Neuendorf begann und nun am Niederrhein Tag für Tag ungetrübtes Glück beschert.

© Martin Krolzig