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29.3.24 Karfreitag

Heute ist Karfreitag. Gesetzlich ein stiller Feiertag. Kein Fußball, keine Events, weder Brot noch Spiele.

Protestanten galt der Karfreitag einst als höchster Feiertag. Katholiken sollen demonstrativ ihre Wäsche aufgehängt haben. Ob’s je gestimmt hat?

Wer die Botschaft des Tages verstehen möchte, sollte bei der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach einsteigen. Doch deren bloße Länge mit über 150 Minuten Aufführungsdauer könnte abschreckend wirken.

Mit einem 5-Minuten-Video dringen Sie ins Zentrum von Bachs Botschaft vor. Einfach googeln „Galou erbarme dich“. Sie sehen eine schöne Französin und hören eine exzellente Sängerin mit einem makellosen deutschen Text.

Kein Zweifel: Die Arie „Mein Gott, erbarme dich“ ist die Zentralachse der Matthäuspassion. Sie beginnt mit dem Chor „Kommt, ihr Töchter“, hilft mir klagen und endet mit „Wir setzen uns mit Tränen nieder“. Doch Bach komponiert nicht für einen banalen Mitleidseffekt. Er will Größeres.

Der Hörer versteht Bachs Komposition Ton für Ton viel genauer als bei einer Aufführung in Kirche oder Konzertsaal. Vor dem Bildschirm geht es einem den Rücken kalt rauf und runter. Jedenfalls mir. Ja, es kann passieren, dass die Augen beim Sehen und Hören feucht werden. Da wird der garstige Graben der Geschichte zu Judas, Pontius Pilatus und dem Kreuz auf Golgatha überbrückt. Durch Tränen, durch meine Tränen.

Noch bevor Kant das Ende aller Gottesbeweise einläutete, schuf der Thomaskantor einen unwiderlegbaren. Den durch Tränen. Wenn mich die Geschichte vom Leiden und Tod des Gottessohnes zu Tränen rührt, dann ist sie wahr & über alle Zweifel erhaben.

© Martin Krolzig