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4.2.24 Mina und der Teufel
Lieber Mohammad,
Meine Tochter, Deine Lehrerin Fau Okruch, erzählte mir, dass Du Dich über die Geschichte „Bismillah“ gefreut hast. Ich soll Dir bitte noch eine erzählen. Auch die soll in meinem Blog stehen, damit sie alle lesen können. Das mache ich gerne.
Jetzt möchtest Du bestimmt wissen: Wer ist Mina? So heißt die Tochter einer türkischen Familie in Duisburg. Die hilft uns schon seit vielen Jahren. Als kleines Mädchen wollte sie auch einen Opa haben. Da sagte ich zu ihr: „Wenn Du willst, nimm mich als Deinen Opa.“ Sie wollte. Seitdem spricht sie mich mit Opa an. Inzwischen ist sie 16 und besucht ein Gymnasium. In allen Fächern eins. Da staunst Du bestimmt. Ich bin stolz auf meine türkische Enkelin.
Du weißt, dass ich früher als Pfarrer gearbeitet habe. Was Du nicht weißt: Nachdem ich Rente bekam, habe ich Seminare veranstaltet. So heißt die Schule für Manager. Bei mir saßen alle in einem Stuhlkreis, ich mittendrin. Ohne Tische. So konnte sich keiner verstecken und alle machten mit.
Am Anfang packte ich einen Leinenbeutel aus. In dem befanden sich Halbedelsteine. „Jeder nimmt sich bitte sieben Steine raus und gibt den Beutel dann an seinen Nachbarn weiter.“ Gesagt getan.
“Sieben…Sieben…was fällt Ihnen da ein? “ Einer sagte: In sieben Tagen hat Gott die Welt geschaffen, ein anderer: Die Juden haben einen siebenarmigen Leuchter. Alles richtig, sagte ich. Denken Sie doch mal an Märchen… Richtig, sagte ein anderer: Sieben auf einen Streich, der Wolf und die sieben Geißlein, Siebenmeilenstiefel… Darauf ich: „Sie kennen Peter Maffay.“ Ganz schnell rief da einer: „Über sieben Brücken sollst Du gehen…“ Und wenn Sie durstig sind? „Seven up“, riefen mehrere. Einige wussten auch von den sieben Weltwundern, fromme Katholiken von den sieben Todsünden.
Sieben ist eine besondere Zahl. Mit Sieben ist alles rund, ganz, vollkommen. Mohammad, kannst Du Dir das merken?
An der Stelle ließ ich den Beutel mit den Steinen wieder rumgehen. „Bitte alle Steine zurückgeben.“ „Einen aber dürfen Sie zur Erinnerung behalten.“
So lief das in meinen Seminaren immer. Doch einmal saß mit in der Runde ein Manager, der war in Marokko geboren. Als ich fragte, woran denken Sie bei Sieben, sagte der: „An die Wallfahrt nach Mekka“. Und er erzählte, dass da die Pilger sieben Steine auf den Teufel werfen müssen. Wir staunten. Das wusste keiner.
Ich hatte auch keine Ahnung. Also suchte ich im Internet. Auf der Seite »Haddsch« fand ich alles. In der Pilgerreise nach Mekka ist alles genau geordnet. Wie bei Euch in der Schule. Dann kam ich aus dem Steunen nicht heraus, als ich las: „Kurz vor Sonnenaufgang am 10. Dhul-Hiddscha erfolgt der Aufbruch nach Mina. Dort wird der Ritus der symbolischen Steinigung des Teufels vollzogen, indem sieben kleine Steine auf den Teufel geworfen werden.
Der in Marokko geborene Manager hatte also Recht. Noch mehr staunte ich, dass Mina kein Mädchenname, sondern eine Ortsbezeichnung ist. Das muss ich meiner ürkischen Enkeltochter unbedingt gleich mailen, dachte ich mir. Doch vielleicht weiß sie das schon längst. Schlau, wie sie ist.
Zum Schluss noch eine Idee für ein Pausenspiel auf Eurem Schulhof. Das heißt, Mohammad, Du ahnst es schon: Teufelsteinigen. Das müssen alle lernen. Juden, Christen, Moslems. Wer den Teufel steinigt, wird ein besserer Mensch. Also besorgt Euch sieben kleine Steine und los geht’s.
Sag doch Deinen Lehrern, wenn die komisch gucken und schon zum Meckern ansetzen: Sie dürfen gerne mitmachen. Denken Sie einfach an den Teufel, der Ihnen im Nacken sitzt.
© Martin Krolzig