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18.12.25 Normaluhr
Auf der Treppe begegneten sie sich schon mal. Sie 17, er 15. Sie stürmte zwei Stufen nehmend an ihm vorbei. Er stand dann bereits vor seiner Wohnungstür. Sie musste noch eine Etage höher. Wusste er sie nicht zu Hause, ging er immer mal wieder zu ihrer Mutter nach oben. Die mochte ihn. Seine ruhige und stille Art gefielen ihr. Da sie auf ihre einzige Tochter stolz war, sprach sie gerne von ihr. Dann hörte er aufmerksam zu.
Nach dem Abitur begann sie in einer anderen Stadt zu studieren. Das Fach erfuhr er von ihrer Mutter. Die erzählte ihm auch von den Ergebnissen ihrer Zwischenprüfungen. Ein kurzes Kopfnicken und sie berichtete die Einzelheiten. Ja, sie hätte auch einen Freund, mit dem sie eigentlich einmal an der Nordsee zelten wollte. Doch bevor es dazu kam, ging die Geschichte in die Brüche. Aber so sei das eben. Ob er denn auch eine Freundin habe?
Eines Tages berichtete sie voller Stolz. dass sie zum erfolgreichen Staatsexamen ein Buch als Auszeichnung bekommen habe. Davon gäbe es auch Foto. Sie hätte es für ihre Bildergalerie rahmen lassen. Schau mal.
Bald verließ auch er den Ort. Als Wehrpflichtiger musste er zum Bund. Die Besuche in der oberen Etage wurden zwangsläufig seltener, aber an ihrem grundsätzlichen Ablauf änderte sich nichts. Wie es denn ihm so gehe, fragte die Mutter, nachdem sie von ihrer Tochter berichtet hatte. Da gäbe es nicht viel zu erzählen, außer dass er sich auf 12 Jahre verpflichtet habe. Jetzt sei er Offiziersanwärter und würde Medizin studieren.
Nach der Promotion arbeitete er als Stabsarzt bei der Truppe. Nach Ablauf der entsprechen Frist bewarb er sich als Brigadearzt bei einer Luftlandeeinhalt in Norddeutschland. Hier lernte ich ihn kennen. Eine Übung stand ins Haus. Da der zuständige Militärpfarrer erkrankt war, bat man mich ihn zu vertreten.
In einem Hubschrauber war ich schon mal mitgeflogen. Doch hier bekam ich einen Eindruck, wie man sich den Ernstfall vorstellte. Die Soldaten wurden unter Zeitdruck mit Waffen und Gerät in größere Hubschrauber verladen. Die flogen dann dicht über den Boden. Also nicht über, sondern unter den Hochspannungsleitungen hindurch. Das nicht nur einmal, sondern die ganz Zeit über. Angst hatte ich keine, denn alles machte einen sicheren Eindruck. Wenn nur der Krach nicht wäre, in dem man sein eigenes Wort nicht versteht.
Ein anderer Teil der Übung fand in der Nacht statt. Die Beobachter, zu denen auch ich gehörte, standen an einem Waldrand. Wir sollten sehen, wie Fernspäher abgesetzt würden. Die wären in der Lage, hunderte Kilometer hinter den feindlichen Linien auf sich allein gestellt zu operieren.
Bald hörten wir sich verstärkendes Motorengeräusch. Im Mondschein näherte sich ein Flugzeug, eine Klappe wurde geöffnet und heraussprangen mehrere Personen an großen, teilweise lenkbaren Gleitschirmen. Der Flieger verschwand und schnell trat wieder und Stille ein.
Gegen Ende der Übung erzählte mir der Arzt seine Geschichte. Als 15-jähriger habe er sich in das Mädchen über ihn verliebt. Die beachtete ihn natürlich nicht. In der Zeit seien eben zwei Jahre ein tiefer Graben. Doch an seinen Gefühlen änderte sich nichts, auch nicht in den kommenden Jahren. Eher im Gegenteil. Eine Freundin? Fehlanzeige, sodass sich einige Kameraden schon fragten, ob er schwul sei.
Da erfuhr er von ihrer Mutter, dass sie mit ihren beiden Kindern allein auf Sylt Urlaub machen würde. Ihr Mann konnte aus irgendwelchen Gründen nicht mitfahren. Da reiste auch er auf die Insel und checkte im gleichen Hotel ein, in dem sie Unterkunft gefunden hatte. Sie erkannte ihn sofort, als er ihr seine Liebe erklärte.
Bald begriffen sie, dass man Liebe nicht nachholen kann. Gerade dann, wenn das schlechte Gewissen immer größeren Raum beansprucht. Hätten sie ein Recht, eine gemeinsame Zukunft auf dem Unglück anderer zu planen? Dem, der beiden Kinder und des Ehemannes?
Beim Abschied trafen sie eine Verabredung: Wenn ihre Liebe stärker wäre als alles andere, würden sie sich genau hier unter der Normaluhr am Sylter Bahnhof wieder treffen. Bis dahin würden sie sich weder schreiben noch telefonieren.
Genau nach einem Jahr standen beide wieder auf der Insel. Sie hatten ihre Entscheidung getroffen und heirateten. Als Ehepaar besuchten sie mich Jahre später.
© Martin Krolzig