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1.10.18 Stoppeln

Eine Stunde lang blieb ich auf der Straße den Fläming hinab. Sie führte von Kleinmarzehns nach Rädigke. Irgendwo hier mußte im Frühjahr 1941 meinem Vater, der in umgekehrter Richtung mit dem Motorrad zum Gottesdienst unterwegs war, die gestikulierende Frau entgegengekommen sein. Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, Jott sei Dank det Aas is dot.

Kein Mensch begegnete mir heute. Ebenso wenig ein Auto. In aller Seelenruhe konnte ich die sattgelben Birnen unter den Chaussee-Bäumen auflesen. Dabei dachte ich an das Grab von Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland; im Herbst muß es da genauso ausgesehen haben. Danach lud ich verschiedenfarbige Feldsteine unterschiedlicher Größe von einem abgeernteten Acker in den Kofferraum meines Autos. Die Grenze bildeten lediglich meine Muskeln und die Federkraft des Daimlers.

Straße von Neuendorf nach Kleinmarzehns. Aufgenommen im Januar 2020.

Ob ich gestohlen, organisiert oder nur abgestaubt habe? In meinen Augen nichts dergleichen. Da hast du mal wieder gestoppelt sagte ich zu mir während Heimfahrt ins Rheinische. Ein sattes Glücksgefühl durchströmte mich.

Seit Kindertagen gehört Stoppeln zu meiner DNA. Das könnte man auch als Kinderarbeit klassifizieren, denn wer stoppelt leistet einen Beitrag zum Unterhalt der Familie. Brot und Kartoffeln konnte man in den Jahren nach dem verlorenen Krieg nur in sehr beschränktem Maße über Lebensmittelkarten beziehen; dafür mussten sie aber auch erst einmal im Laden zur Verfügung stehen.

Zunächst musste man lernen über piekende Stoppeln zu gehen. Die standen noch auf dem Acker, nachdem der Roggen gemäht und in Hocken aufgestellt war. Um sich keine Schmerzen zuzufügen, musste man die Stoppeln heruntertreten. Das erforderte einige Übung. Doch dann konnte man schmerzfrei über sie gehen wie weiland Jesus auf dem Wasser.

Jetzt konnte das eigentliche Stoppeln beginnen. Ich schaute, wo einzelne Ähren auf dem Feld herumlagen. Es dauerte eine ganze Weile, bis man eine Hand voll zusammen hatte. Es war ein mühseliges Geschäft. Wenn kein Bauer in der Nähe war ging ich auch schon mal mit der Schere an eine Garbe und schnitt schnell ein paar Ähren ab. Doch das war selten möglich, denn die Bauern beäugten die Stoppler argwöhnisch. Meine Kameraden und ich konnten bald mit einem Blick feststellen, auf welchem Acker sich das Stoppeln lohnen würde und welchen man eher links liegen lassen sollte.

Kartoffeln stoppeln empfand ich als müsehliger. Auf dem abgeerntetem Acker ließ kein Bauer etwas liegen. Auch die kleinste Knolle wurde mitgenommen, denn für jeden Korb mit Kartoffeln konnte man etwas eintauschen. Geld war unattraktiv weil relativ wertlos. Die hungrigen Städter dagegen boten im Gegenzug allerlei Schmuck wie Broschen und Goldketten.

Mit meiner Kartoffelhacke grub ich das Feld gewissermaßen noch einmal um. Ich weiß noch genau, wie lange es dauerte bis mein Korb halbvoll war. Zuhause erwartete mich dann weniger Dank als die Frage, warum ich denn so früh aufgehört hätte. Nein, Stoppeln vermittelte damals weniger Glücksgefühle als das Bewusstsein, einen Beitrag zur Ernährung der Familie in karger Zeit geleistet zu haben.

Zum Abschluß einen letzten Blick auf die Straße von Neuendorf nach Kleinmarzehns. Aufgenommen im Januar 2020. Nur im Fläming fand ich vergleichbare auto- und menschenleere Straßen sowie die speziellen Hinweiszeichen für Verkehrsteilnehmer. Wer ihnen folgt bekommt die Kurve zur nachhaltigen Erholung.

Übrigens: Zwischen Klein- und Großmarzehns verläuft die Sprachgrenze zwischen dem berlinernden und dem anhaltisch- sächsischen Dialekt.

© Martin Krolzig