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17.9.22 Neuendorf

Der Blick auf die Anstecktafel verwies auf 228. Wir schlugen die Nummer im Gesangbuch auf. Wenige Takte Vorspiel. Dann begleiten ein paar helle Orgelpfeifen das Lied der Gemeinde. Gesungen wurden alle drei Strophen von „Nun danket alle Gott“.
Einen Gottesdienst wollten meine Tochter Sabine und ich bei unserer Wochenendreise September 2022 in den Fläming besuchen. Die Wahl fiel auf Neuendorf, weil dort auch zum Abendmahl eingeladen wurde.
Und jetzt der Choral. Das kann doch kein Zufall sein, sagte ich mir, als ich von den Herzen, Mund und Händen sang, dem ewig reichen Gott und dem, was jetzund und immerdar bleiben wird. Das kann doch kein Zufall sein! Plötzlich schoß mir die marxistische Sentenz noch durch den Kopf, es gibt keine Zufälle, Zufälle seien Schnittpunkte von Gesetzmäßigkeiten. Ich spürte, wie meine Stimme brüchig wurde und für Sekunden ganz im Halse stecken blieb.
Nun danket alle Gott im September 2022 in Neuendorf.
Die Koltzenburg-Schmiede als Zentrum des Ortes ist längst aufgegeben. Es gibt keine Tankstelle. Auch kein Geschäft. Weder einen Kiosk noch einen Imbiß. Man fährt schnell durch Neuendorf. Entweder, von Niemegk kommend, in Richtung Rädigke. Oder man nimmt den Abzweig nach Klein-bzw. Großmahrzehns. Auf der Ecke liegt zurückgesetzt die Kirche aus Feldsteinen. Eher unscheinbar. Vor ihr das alte schmiedeeiserne Tor. Hatte sie nicht früher einen Turm, fragte ich mich.
Zwei ältere Frauen konnte ich einordnen. Die eine kannte ich von einem Besuch drei Jahre zuvor, die andere vom Hörensagen. Ob die womöglich das Kind war, dessen Taufe damals bei den Busses gefeiert wurde?

Der Pfarrer, also mein Vater, zählte wie seine Frau zu den Gästen. Der Junge wußte: Kinder unter 14 Jahren durfte man ohne besondere Einladung mitbringen. Vor uns der festlich gedeckte Tisch. Aus den Schüsseln dampfte es. In einer erkannte ich Kartoffeln, in den anderen farblich abgestufte Saucen. Auf den Platten unterschiedliche Fleischstücke.
Die große Ruhe prägte sich dem Kind ein. Als ich Jahrzehnte später immer mal wieder den 23. Psalm sprach, dachteich bei „du bereitest vor mir einen Tisch“ immer an das Festessen anläßlich der Taufe bei den Busses in Neundorf.
Alle standen hinter ihren Stühlen. Die hohen Lehnen vor uns mit grünem Stoff bezogen und von Polsternägeln straff gespannt. Der Junge konnte kaum über sie blicken. Alle sangen mit kräftigen Stimmen „Nun danket alle Gott“. Auswendig, versteht sich. Ein Klavier gab es nicht.

Blick aus dem Apartment des Adlon auf das Brandenburger Tor
Zu meinem 70. Geburtstag lud ich alle, die ich damals für meine Familie hielt, ins Adlon nach Berlin. Da ich vermutete, daß nur wenige den Choral kennen würden, erbat ich mir als Geschenk, die drei Strophen auswendig zu lernen.
Die Krolzig’s seien Berliner gewesen, erzählte ich meinen Gästen mit der Begrüßung. Werner, der Bruder meines Vaters, verkehrte regelmäßig in dem Haus am Pariser Platz unweit von Brandenburger Tor und Reichstag. Wenn er den Saal betrat, so erzählte meine Mutter, unterbrach die Kapelle und der Dirigent begrüßte mit einer Verbeugung den schönen Herrn Krolzig. Im wieder aufgebauten Adlon sei alles eine Nummer kleiner. Aber immerhin. Die gleiche Lage, doch der pulsierende Verkehr draußen und die Kapelle drinnen würden fehlen.
In rheinischen Landen, so erzählte ich weiter, seien alle sechs Enkel von mir getauft worden. Alle auch im gleichen Taufkleid. Genau wie mein Vater und seine beiden Brüder. Schließlich ich selbst.
Die Krolzigs seien auch eine evangelische Familie. Und deshalb, so schloß ich, bitte ich jetzt mit mir den Choral “Nun danket alle Gott” zu singen. Natürlich stehend hinter den Stühlen, nachdem ich von der Taufe in Neuendorf erzählt hatte. Da es im Adlon kein Klavier gab, hatte ich per Spedition für den Tag eins herbeischaffen lassen.
Die Taufgesellschaft bei den Busses klang textsicherer, ging mir bei dem Gesang meiner Gäste durch den Kopf. Ihnen fehlen zwei Dinge, sagte ich mir, einmal die Wiederholung beim regelmäßigen Gottesdienstbesuch wie die Emotionen. Erinnerungen, so weiß die Hirnforschung, werden nur zusammen mit Gefühlen abgespeichert. Je größer die sind umso stärker sind jene.
Bei mir verbinden sich drei Ereignisse mit dem Choral „Nun danket alle Gott“. Die Taufe bei den Busses, der Event im Adlon und die Rückkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen nach Deutschland. Ausgehandelt von Bundeskanzler Adenauer bei seinem Besuch in Moskau. Als sie 1955 im Lager Friedland eintrafen, sangen sie spontan alle drei Strophen des Choral. Auswendig, versteht sich. Im Netz existiert eine Aufnahme von dem Ereignis.
In dn fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lebten die Krolzig’s in der DDR. Bei einem unserer regelmäßigen Besuche in West-Berlin sahen und hörten wir Aufnahmen von dem aufwühlenden Ereignis, denn damals wurden vor dem eiegntlichen Film immer Fox-Tönende Wochenschau gezeigt.
Ob sich Emotionen vererben lassen? Eher nicht. Doch beim wiederholten Singen stellen sie sich zuverlässig ein. Jedenfalls bei mir. Bei “Nun danket alle Gott” sehe ich immer meinen ganzen inneren Neuendorf-Film vor mir.
© Martin Krolzig