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7.2.25 Entzündungsaltern

Der etwas holprige Titel ist eine Übersetzung von Inflammaging. Der Begriff, von dem italienischen Immunologen Claudio Franceschi geprägt, setzt sich aus zwei englischen Worten zusammen. Inflammation” für Entzündung und “aging” für altern. Es ist inzwischen wissenschaftlicher Standard, daß es im Alter zu einer erhöhten Ausschüttung proinflammatorischer Botenstoffe kommt. Und das mit fatalen Folgen. Die organischen Zusammenhänge entfaltet überzeugend Rainer H. Straub, Immunologe an der Uni Regensburg, in “Altern, Müdigkeit und Entzündungen verstehen”. Die didaktisch wie übersichtlich aufbereiteten 200 Seiten versteht auch ein medizinischer Laie.

Wenn Sie meinen, daß Alterungsprozesse das Problem von Senioren jenseits der 80 seien, sind Sie schief gewickelt. Biologisch beginnt der Mensch um die 30 bemerkbar zu altern. Ein Indiz: Er benötigt eine Lesebrille. Am Ende der Reproduktionsphase, also ab Mitte 40, schlagen die Alterungsprozesse voll durch. Weil dann die Evolution das Interesse an uns verliert. Langsam, aber sicher erodiert die Immunabwehr. Was sich in den unterschiedlichsten Zusammenhängen bemerkbar macht.

Doch ich möchte kein Horrorgemälde an die Wand malen. Dazu haben andere schon länger den Pinsel in die Hand genommen. Stattdessen möchte ich einen Weg aus Sumpf und Moor der Alterserkrankungen abstecken . Als Imker bringe ich dafür gute Voraussetzungen mit, so meine Überzeugung. Ich las einmal, daß 20 Prozent aller über 100 Jährigen Imker seien. Ob das statistisch über jeden Zweifel erhaben ist sei dahingestellt. Aber Richtung und Wegweiser stimmen. Weil damit zu rechnen ist, daß Imker lebenslang Honig mehr als Teelöffelweise konsumierten. Womit sie möglichen Entzündungen vorgebeugt haben.

Honig? Mit herabgezogenen Mundwinkeln sagte mir ein Internist, der auch Diabetiker behandelt, Honig ist nichts als Zucker. Das muß man nicht besonders ernst nehmen, weil ihm die wissenschaftliche Expertise fehlt. Die sollte dagegen Stefan Kabisch besitzen. Der arbeitet an der Berliner Charité in Berlin in der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin. Nach seiner Promotion wirkte der Humanmediziner am Deutsche Zentrum für Diabetesforschung, dann am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (2012-2020). Seit 2021 arbeitet er an der Charité in Berlin in der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin. Er sollte also wissen, wovon er redet.

Der wurde in einem längeren Interview von der “Süddeutschen” gefragt: “Gerade Honig wird in vielen Rezepten als gesunde Alternative gepriesen. Ist er das?” Darauf der Experte “Klare Antwort: Nein! Honig ist flüssiger Zucker, der keinen Vorteil bringt. Da sind ein paar Mikronährstoffe und Mineralien drin, aber im Prinzip sind es 80 Prozent Zucker”.

Das Interview führte Nina Spannuth . Veröffentlicht wurde es im Magazin der Süddeutsche Zeitung unter der Head-Line »Das Bedürfnis nach Süßem lässt schon nach zwei bis drei Wochen nach«.

Wenn er sich da nicht mal gewaltig täuscht. Das mag er ja an sich selbst und ein paar engagierten Mitstreitern beobachtet haben. Doch Eltern von zwei kleinen Kindern werden an dem Erziehungsziel grandios scheitern. Schon, weil die Sehnsucht nach Zucker, d.h. Glukose zu unserer evolutionären Grundausstattung gehört. Die teilen wir mit anderen Säugetieren. Warum wohl lassen sich Bären ihre Schnauze zerstechen, wenn sie ein Bienenvolk voller Honigvorräten entdeckt haben und es plündern wollen?

Extremist Kabisch kämpft gegen Zucker wie Don Quichotte gegen Windmühlen. Die Gefahr von Weizenmehl ignoriert er in seiner Philippika. Alles wirft er in einen Topf. Industriell hergestellten Rüben- und Rohrzucker mit dem Naturprodukt Honig. Und was ist mit den Bio-Trockenfrüchten, wie sie die Drogeriemarktkette dm anbietet, fallen die auch unter das Zucker-Verdikt? Er könnte sich seine ganze Selbstquälerei schenken, wenn er ein paar klein geschnippelte Aprikosen, Feigen oder Datteln in ein Müsli oder einfach zwischendurch essen würde.

Für die Bienen- und Honigsachverständigen der verschiedenen Landesanstalten mit ihrer wissenschaftlichen Kompetenz dagegen ist Honig komplexes Nahrungsmittel.

Eine österreichische Untersuchung belegt die gesundheitliche Wirkung von Honig. Nicht Tröpfchen oder Teelöffelweise, sondern bei einer Menge von 2-3 Esslöffeln pro Tag – Sie lesen richtig: Esslöffel. Doch man sollte sich nicht selbst Sand in die Augen streuen: Honig ist auch Zucker. Da Sie nicht wollen können, daß Ihre Blutzuckerwerte bedenklich ansteigen, müssen Sie dafür den notwendigen Ausgleich schaffen. Also keinen Rübenzucker, auch. kein Weißbrot, denn das ist Schad-Zucker pur. Um auf Nummer sicher zu gehen, lasse ich halbjährlich meine Blutwerte untersuchen. Das sollten Sie auch tun. In dem Zusammenhang erfahren Sie übrigens auch, wie es um die Entzündungswerte in Ihrem Körper bestellt ist.

Nun zum Honig. Von dem gibt es über 30 Arten. Da es hier in Strümp keine Tannen- und Rubinienwälder gibt, fallen die meisten von ihnen unter den Tisch. Ich berücksichtige deshalb nur die Arten, die Sie bei mir unter terroirhonig.de finden. Das sind die beiden Einfachzucker Glukose und Fruktose, also Traubenzucker und Fruchtzucker.

Die beiden Einfachzucker passieren in unveränderter Form die Darmwände. Traubenzucker gelangt sofort ins Blut und wird dann mit Hilfe des Insulins von Muskeln und Gehirn in Energie umgesetzt. Der Fruchtzucker dagegen wird langsamer ins Blut resorbiert. Deshalb darf auch ein Diabetiker des Typs 2 im beschränktem Maße diesen Honig essen. Besonders geeignet ist Lindenhonig, wie ihn die Bienen um Schloß Pesch und an der Issel finden. Mehrfachzucker, also Saccharose, sammeln die die Bienen auch. Der aber ist für sie in der Form unverdaulich. Deshalb spalten sie durch Zugabe des Enzyms Invertase die Saccharose in die beiden Einfachzucker auf.

Unser Körper möchte es wie die Bienen machen. Er muß und kann die in geringen Mengen anfallende Saccharose in die beiden Einfachzucker auf aufspalten. Im 19. Jahrhundert allerdings kommt es zu der dramatischen Wende, lernte doch der Mensch, aus Rüben und südamerikanischem Rohr Zucker industriell herzustellen. Das aber stellt unsere Körper vor Probleme, die ihn überfordern. Denn der spottbillige, überall in großen Mengen verfügbare Haushaltszucker ist nichts anderes als jene unverdauliche Saccharose.

Die im Honig enthaltenen Enzyme fügen die Bienen durch ihren Speichel hinzu. Enzyme wirken antibakteriell und verdauungsfördernd. Das bekannteste unter ihnen ist Invertase. Neben den Enzymen sind es die Inhibine, die die gesundheitliche Wirkung des Honigs ausmachen. Auch sie sind wie die Enzyme aktive Inhaltsstoffe. Inhibine hemmen andere. Sie sind verantwotlich für die entzündungshemmende Wirkung von Honig. Dazu gehören weiter Aminosäuren, die eigentlich keine Säuren snd. In den Zusammenhang gehört auch das im Honig enthaltene Wasserstoffperoxid. Die lindernde Wirkung bei Erkältungskrankheiten ist generell auf besagte Inhibine zurükzuführen.

Im Zusammenhang von Inflammaging zeigen sich weiter die gesundheitsfördernde Eigenschaften der Antioxidantien. Honig enthält viele dieser Stoffe. Sie können schädigende Angriffe der sog. freien Radikalen auf Zellstrukturen und Eiweißmoleküle verhindern. Damit vermindern sie das Risiko, an Krankheiten wie Arteriosklerose, Rheuma, Asthma oder Krebs zu erkranken.

Honig enthält weiter Vitamine und Mineralstoffe. Unter den Vitaminen sind es Vitamin C, Vitamin B1, Vitamin B2-komplex, Vitamin B6, Vitamin H (Biotin), Pantothensäure und Folsäure nachgewiesen, so eine Honigexpertin. Zu den Mineralstoffen gehören Magnesium, Calcium, Natrium, Kalium und Phosphor. Besonders Blütenhonige sind reicher an Calcium. Eine spezielle Rolle spielen weiter die Aminosäuren, die nur dem Namen nach Säuren sind. Eigentlich handelt es sich um Eiweiß-Bausteine. Schlussendlich sollen und dürfen die appetitanregenden und die Verdauung fördernden Aromastoffe nicht unter den Tisch fallen.

Wenn Ihnen jetzt das Wasser im Mund zusammenläuft und Sie zum nächstbesten Glas mit Honig greifen möchten – Glückwunsch. Sie haben die Kurve bekommen.

© Martin Krolzig