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16.5.25 Vom Dank
Wenn es zu Tisch ging, beteten man bei den Krolzig‘s. In Niemegk, dann auch in Belzig. Vor dem Essen „Komm Herr Jesu, sei unser Gast”. Danach „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich“ Der Vater konnte schon mal sagen, “denn ER bist freundlich”. So verschaffte er seinem Verdruss über Tischgenossen Luft, die ihn in seiner pfarramtlichen Würde während der Mahlzeit auf die Schippe genommen hatten.
Aber den Dank am Tisch vergessen? Undenkbar. Er ist dessen Zentrum. „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich“ heißt es Psalm 117. Überschrieben ist der im Alten Testament mit „Danklied der Erlösten“. Der Satz wiederum ist Teil der Abendmahlsliturgie. Egal, ob man von Abend- oder Herrenmahl spricht, vom Brotbrechen redet oder den Begriff Eucharistie (Dankbarkeit, Danksagung) wählt: Immer geht es um ein resp. das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern. Nicht im Stile eines Netflix-Historiengemäldes, sondern mit dem Ziel der Dankbarkeit.
Dann lernte ich, daß Danken von Denken kommt. Ob Tiere danken können, fragte ich mich weiter. Mir ist klar, daß sie über viele beeindruckende Manifestationen von Emotionen und Kognitionen verfügen. Die Möglichkeit zu Danken allerdings bildet, so meine Überzeugung, die Trennlinie zwischen Mensch und Tier. Dank sagen können nur Menschen. Tun die das partout nicht, fallen sie auf frühere Entwicklungsstufen zurück.
So wurde Danken und Dankbarkeit zu einem cantus firmus in meinem Leben.
Seit meiner Militärpfarrer-Zeit in den 80ern besitze ich ein Gesang- uns Gebetbuch für Soldaten. 1977 herausgegeben vom Evangelischen Militärbischof. Olivfarben, groß wie zwei Scheckkarten untereinander, flach. Und findet so leicht Platz in einer Uniformjacke.
Zwei Lied-Nummern werde ich nie vergessen. Einmal 228 aus dem früheren Gemeinde-Gesangbuch. Dort steht “Nun danket alle Gott”. Mehr dazu finden Sie in meinem Blog-Eintrag “Neuendorf”. Dann die 94 aus jenem Gesang- und Gebetbuch für Soldaten. Ein Hit bei den Standortgottesdiensten an der Düsseldorfer Bergischen Kaserne. Wie im Choralbuch angegeben, spielte Frau Gerlach, unsere tüchtige Mettmanner Organistin, jede Strophe einen halben Ton höher. Und die Wehrpflichtigen sangen aus vollem Hals mit.
Ich selbst kannte das Lied seit Jahrzehnten. Als ich in Marburg Theologie studierte, konnte man es im Eiscafé unterhalb der Universität aus der Musikbox hören; man mußte nur vorher ein paar Münzen einwerfen. Nie wieder gelang einem kirchlichen Song der Weg in diese Welt.

Das Alte Testament spricht immer wieder von Dankopfern und Dankpsalmen. Im Neuen Testament wird die Dankbarkeit Gott gegenüber durch Mahnungen ständig eingefordert, stärker jedenfalls als gegenüber Mitmenschen. Und Cicero schrieb: „keine Schuld ist dringender als die, Dank zu sagen.“ Da war sich die jüdische-christliche mit der römischen Welt erstaunlich einig.
Doch seit dem am 28. Februar 2025 kann man nicht mehr über Dankbarkeit sprechen, ohne daß sich das Video aus dem Washingtoner Oval Office dazwischen schiebt. Zunächst etwas zu dessen Hintergründen. Bemerkenswert ist die völlig veränderte Sprache.
Dieser Tage schrieb die Schweizer NZZ, daß erst seine Konversion zum Trumpismus J. D. Vance zum idealen Vizepräsidentschaftskandidaten machte. Trump weiß jetzt, daß er sich auf dessen unbedingte Loyalität verlassen kann. Der kann gar nicht mehr anders, weil er sonst sein Gesicht für alle Zeiten verlieren würde, so die NZZ «J. D. Vance küsst mir den Arsch, er will unbedingt meine Unterstützung». So Donald Trump im September 2022 bei einem gemeinsamen Auftritt mit J. D. Vance in Youngstown, Ohio. Der wiederum rätselte damals noch im privaten E-Mail-Verkehr, ob es sich bei Trump eher um ein «zynisches Arschloch wie Nixon» oder «Amerikas Hitler» handle. „Dass Trump ausgerechnet diesen Mann als Vizepräsidentschaftskandidaten ausgewählt hat, sagt einiges über Trump aus, aber auch über Vance“ schließt die NZZ
Meine Mutter pflegte in solchem Fall zu sagen: “Pack schlägt sich, Pack verträgt sich”.

Das Ganze ist ein Lehrstück, wie sich aus dem Vorwurf der Undankbarkeit ein Knüppel machen läßt. Mit dem kann man dann entweder auf sein Gegenüber einprügeln oder ihm den zwischen die Beine schmeißen. Oder, wie hier zu sehen, beides abwechselnd.
Die Frage der Dankbarkeit steht im Zentrum der Außenrandersetzung. Daran gibt es auch für die „Süddeutsche Zeitung“ keinerlei Zweifel. Unter der Überschrift „Wie sagt man da?“ schreibt Georg Cadeggianini in einem ganzseitigen Artikel vom 12. April über dem berüchtigten Foto. Und fragt weiter „Was bedeutet Dankbarkeit in einer Welt voller Dreistigkeit?“ Danke gehöre zum menschlichen Markenkern und wirke als gesellschaftliches Bindemittel. Bekommen die, um die trumpsche Diktion zu bemühen, einen „Tritt in den Arsch“, wird das Epizentrum von jedem menschlichen Miteinander sichtbar.
Da fragte Vance den ukrainischen Präsidenten gleich zu Beginn, ob er sich jemals bedankt habe. Dabei hatte Selenskyj das Gespräch mit einem „vielen Dank“ an Trump begonnen. Das aber paßte nicht in das vorbereitete Drehbuch von Trump und Vance. Durch maximale Provokation sollte der Besucher so lange brüskiert werden, bis der die Beherrschung verliert. Was dann auch geschah. Woraufhin die Prügelei erst richtig begann und der Besucher schließlich hinausgeworfen wurde. Nicht ohne ihm noch nachzurufen, er solle sich gefälligst für seinen Auftritt entschuldigen.
© Martin Krolzig