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3.10.23 Mittelpunkt

Mein gefundener Mittelpunkt richtet den Blick auf Eisenach in Thüringen. Der Merian-Stich, den ich im Katlog des Buch- & Kunstantiquariat Eurasburg fand, hängt inzwischen bei mir an der Wand.
Oberhalb der Stadt sieht man die Wartburg. Daneben der Hörselberg mit seinen Kalksteinklippen. Von denen sich Richard Wagner zu seiner Oper “Tannhäuser” (Frau Venus) inspirieren ließ.
Unterhalb der Wartburg liegt Eisenach. Dort mit der der Nr. 2 die Kirche St. Georgen. Von der später zu reden sein wird.
In den Sechzigern reiste ich wiederholt nach Paris. Vor Notre Dame faszinierte mich eine Markierung in der Pflasterung “Point zéro”, im Reiseführer las ich: “Hier befindet sich der Mittelpunkt Frankreichs”. Ein Ewigkeitswert. Der Besucher spürte jenseits aller geographischen und poltischen Begrenzungen die Grande Nation.
Er kam aus einem Land, das es nicht einmal als geographische Größe gab. Damals existiertern zwei deutsche Staaten. Seit einigen Jahren lebte er in der Bundesrepublik Deutschland, Eltern und Schwester wohnten in der Deutschen Demokratischen Republik. Niemand fragte, wo deren jeweiliger Mittelpunkt liegt.

Für den Jungen gab es eine frühe Beziehung zu Eisenach. Sein Vater taufte ihn im Februar 1941 auf den Namen Martin – seine erste Verbindungslinie zu dem Reformator. Später wurde der Vater stellvertrener Vorsitzender des Lutherarchivs unterhalb der Wartburg. Er besaß eine bedeutende Sammlung von Büchern und Drucken aus der Frühzeit des Reformators. Bei einem Jubiläum stellte er sie einmal in St. Johannis zu Niemegk aus.
Auf seine Reisen nahm er immer seine Familie mit. Der Junge erinnert sich noch an den Eselsritt auf die Wartburg. Hier lebte also der Reformator als Junker Jörg nach seinem Auftritt auf dem Reichstag zu Worms. Im Luther-Zimmer faszinierte ihn der Fleck an der Wand. Er erinnert ihn daran, wie sein Namenspatron das Tintenglas nach dem Teufel warf. In einem Jahr das ganze Neue Testament zu übersetzen hielt er kaum für möglich. Aber es gab ja als Beweis die Bibel, aus der In der Kirche wie zu Hause vorgelesen wurde.
Später studierte ich Theologie in thüringeschen Jena. Auch schon bei dem lutherischen Theologen Gerhard Gloege. Der hatte da bereits einen Ruf nach Bonn. Am 13. Agust 1961 saß er auf gepackten Koffern. Erst Wochen später ließen ihn die DDR-Behörden ausreisen. Am Rhein traf ich ihn Jahre später wieder. Es gelang ihm nicht mehr an seine frühen Erfolge in Thüringen anzuknüpfen.
Während der Jenaer Studienzeit trat im Elternhaus zu Luthers Theologie die Musik von Johann Sebastian Bach. Neben meiner Schwester Anneliese, der Sängerin, wirkten eine Reihe von namhaften Künstlern aus der DDR mit. Einmal sogar der Tenor Peter Schreier. Orchesterusiker reisten unter teils abenteuerlichen Zuständen aus Berlin und Potsdam an, um an der Aufführung einer Kantate mizuwirken.
Jahrzehntelang blieben Luthers Theologie und Bachs Musik zentrale Linien in meinem Leben. Eine Verbindung zwischen ihnn gab es kaum. Das ändert sich erst Jahrzehnte später, als ich mit meiner Tochter Sabine vor ein paar Jahren beschloss, an jedem Sonntag morgen um 8.00 Uhr In Bayern Vier die Übertragung der Bachkantate am Radio zu hören. Zum besseren Verständnis kauften wir uns eine Textsammlung aller Bachkantaten.
Immer mal wieder übertrug der Sender eine Kantate mit den Barocksoloists und dem Monteverdi-Chor unter Leitung seines englischen Dirigenten John Eliot Gardiner. Wir wußten, dass er immer wieder mit einem Ensemble an die Entstehungsdort der Kantaten reiste, um sie hier aufzunehmen. Seit Jahren liegt die Sammlung komplett vor.
Schließlich kaufen wir uns Gardiners Bach-Biographie mit dem Untertitel “Musik für die Himmelsburg”. Ein Standardwerk.
Unter der Überschrift “Das Räderwerk des Glaubens” berichtet Gardiner von dem Besuch seines Teams in der St-Georgenkirche zu Eisenach. Von dem Pfarrer erfahren sie, hier seien sich Bach und Luther begegenet. “Beide standen als Chorknaben einst auf eben dieser Empore”, hält Gardiner fest, “auf der Kanzel der Georgenkirche predigte Martin Luther 1521 nach seiner Rückkehr aus Worms, dann der Taufstein, in dem am 23. März 1685 Bach getauft wurde”..
In Eisenach, so schreibt Gardiner, begegnete Bach “zum ersten Mal dem Begründer der Konfession, in die er hineingeboren wurde”. Und, so der Dirigent weiter: “In Eisenach war für mich mit Händen zu greifen, dass es zwischen Luther und Bach eine enge Verbindung gab – mochten auch fast zwei Jahrhunderte zwischen ihnen liegen. Dieses Band wurde bereits bei ihrer Geburt geknüpft: durch die gemeinsame Herkunft durch den Zufall, dass beide im Chor der Georgenschule sangen, und durch die Erfahrung des Kurrende-Singens”.
Enger wurde diese Beziehung zwischen Bach und der Theologie Luthers nach Erkenntnis des englischen Dirigenten durch dessen Kirchenlieder. “Sie waren der wichtigste Kanal, über den Bach Wissen über die Welt um ihn herum aufsog. Als er die 20 überschritten hatte, war die Lehre Luthers aus seiner musikalischen Ausbildung nicht wegzudenken. Sie war der Ton, aus dem er seine ersten für den Einsatz für die Kirche Stücke” schuf. Gardiner erwähnt die in schneller Abfolge in Mühlhausen entstandenen Kantaten. “Sie liefern eine frühe Momentaufnahme seiner musikalischen Intelligenz und ihre mathematische Anwendung”. Sie zeigen einen jungen Kantor, der sich intensiv mit der Theologie Luthers auseinandersetzte und sie zum Leitstern seines ganzen Lebens machte.
Ich begriff, daß auch für mich die Kirchenlieder, vermittelt durch die Mutter, zum “wichtigste Kanal” für die Theologie Luthers wurde. Viele Jahre bevor ich selbst Theologie studierte. Für diese Zusammenhänge öffnete mir Gardiner durch sein “Räderwerk des Glaubens” Augen und Herz

Der Stein liegt seit Jahren oderhalb der drei Grabsteine von Erika-, Günter- und Anneliese Krolzig auf dem Friedhof von Meerbusch-Strümp. Zugegeben: Die goldene Schrift ist nur schwer zu lesen; ich wählte sie aus der Erinnerung an den Hintergrund der Ikonen-Malerei. Inzwischen ist sie auch schon einmal erneuert. “Jesus bleibet meine Freude” steht dort.. Es ist der Anfang des Schlußchores Nr. 10 aus der Kantate 147 “Herz und Mund und Tat und Leben” von Johann Sebastian Bach.
© Martin Krolzig