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10.10.23 Schulzenernst-I.

Hier befand sich das Haus von Schulzenernst und Pielickensida. Bei einem Besuch im September 2021 sah ich diesen Neubau an der alten Stelle. Damals lag der Eingang vorne. Trat man ein, ging es geradeaus in die schwarz verräucherte Küche, durch die dann weiter in den Hof.

Links das Schlafzimmer, rechts das schmale Zimmer mit dem länglichen Tisch. Rechts vom Fenster die Kommode mit drei Schubfächern. Für den Jungen eine Schatztruhe. Oben das Angelzeug. In der mittleren die sorgsam verschnürten Netze für die Karnickeljagd mit dem Frettchen. Dazu der kleine Maulkorb und das Glöckchen. Das band ihnen Schulzenernst um den Hals. So wußte er immer, wo sich das schneeweiße Tier in dem unterirdischen Kirnickelbau befand. Unten das Fach mit den Tellereisen, mit denen Marder gefangen wurden. Über deren lange, dichten Winterfelle zu streicheln erregte den Jungen.

Die 48 Stunden-Woche über von Montag bis Samstag über arbeitete Schulzenernst als Moppelfahrer auf der Ziegelei. Doch jeder in Niemegk wußte: Der Mann ist ein mit allen Wassern gewaschener Wilddieb. Da es aber auf dem Fläming keine geordnete Jagd wie vor dem Krieg gab, interessierte das nur am Rande. Immer mal wieder fielen die russischen Besatzer ein und erschossen wahllos Rehe. Die warfen sie auf die Ladeflächen ihrer Fahrzeug. Und weg waren sie. Das erfüllte alle mit Bitterkeit.

Natürlich wußten auch die Eltern des Jungen, die keine 300 Meter von dem geduckten Häuschen entfernt wohnten, wer hier lebte. Doch ich erinnere mich an keinen Versuch, die Verbindung des Jungen in die Pfarrstraße zu unterbinden. Ein Zeichen von Toleranz oder eher Ausdruck von Resignation, womöglich auch Ausdruck ihrer eigenen Defizite? Heute würden sich Eltern zuerst besorgt fragen, ob es da nicht womöglich zu sexuellen Übergriffen kommt, zumal ich nicht der einzige kleine Junge war, der bei Schulzenernst aus- und einging. Doch der gab uns nicht mal die Hand.

Was man sich sonst in Niemegk über die beiden erzählte, wirkte nicht gerade vertrauenserweckend. Die beiden Schäferhunde würden in den Ehebetten schlafen. War die Wäsche dreckig, würde sie Pilickensida einfach auf die linke Seite drehen. Schulzenernst machte aus seiner Geringschätzung für seine Frau keinen Hehl. Die habe er nur abgekommen, weil er nicht tanzen könne. Genau wie ich sagte ich mir später.

Heute frage ich mich, ob sie, die sich immer zurück zog, nicht behindert war. In der Erinnerung humpelte sie. Mitleid gehörte in Niemegk zu den eher seltenen Pflänzchen.

Einmal fing Schulzenernst einen Frischling. Bekam der Junge die Einzelheiten richtig mt, dann fuhr er wiederholt zusammen mit einem Kumpel auf je einem Kleinkraftrad in den Werder-Wald, um Bachen von ihren Jungen zu trennen. Mit dabei auch die beiden Schäferhunde. Ein nicht ungefährliches Abendteuer. Der Frischling jedenfalls wuchs zu einem handzahmen Wildschwein heran. Tiere und Menschen vertrugen sich wie es sich für eine Familie oder eine WG, wie man heute sagen würde, gehört.

Kam der Junge von einer Fahrt mit seinem Vater nach West-Berlin zurück, ging er so schnell wie möglich rüber zu Schulzenernst. In Steglitz lebte seine Großmutter. Zu der fuhr er im Doppeldecker-Bus oben in der ersten Reihe sitzend, wenn der Vater den Tag über in seiner Behörde auf der andern Seite von den Bahngleisen des Zoologischen Bahnhofs zu tun hatte.

Omi hatte für ihrem Enkel den “Kleinen Tierfreund” abonniert, eine Zeitschrift voller schwarz-weiß Fotos und Tier-Geschichten. Auf die warteten schon alle. Die Großmutter steckte ihm auch immer ein paar M-chen zu, wie sie das ausdrückte. Mit dem kostbaren Westgeld kaufte er in der Eisenwarenhandlung Jähner am Zoo Angelsachen wie Haken und Sehnen unterschiedlicher Stärken, später auch Blinker für die Forellen-Angelei.

Gewiß, in Belzig gab es auh eine Eisenwarenhandlung, die Angelsachen führte. Doch das schmale Angebot, erwies sich dann auch noch als minderwertig. Haken brachen und Sehnen rissen. Schulzenernst zeigte uns, wie man Vorfächer an Haken band. Die mußten länger sein, um den Abstand vor dem Senkblei zu garantieren. Karpfen gehören zu den scheuesten Tieren, schärfte er uns immer wieder ein.

Im Winter schnitt und präparierte Schulzenenernst mit uns seine Angelruten aus Haselnuss-Sträuchern. Als erstes wurden sie mit Lack gestrichen. Danach wurde unten die Halterung für die Multi-Rolle angebracht, dann die Laufringe für die Sehne. Die aus Belzig brachen schon mal, wenn ein großer Karpfen gebissen und jetzt um sein Leben kämpfte. Also mußte Omi mit ein paar M-chen für bessere sorgen: Das tat sie gerne. Zumal sie an den Angelgeschichten lebhaften Anteil nahm und alles genau wissen wollte.

DIe Angelrute, die der Junge für sich selbst schniitt, sollte besonders lang und leicht sein; eine Rolle besaß er nicht. Nie wird ich vergessen, dass ich die schönste direkt neben dem Haus des Försters sah, schnell mit dem Messer abschnitt und auf Nebenwegen durch den Werder-Wald nach Hause trug.

Der Blick über das verschlossene Tür zeigt den alten Zustand, als die beiden hier lebten. Geradeaus der Stall. Oben lagerten Heu und Stroh, unten die Käfige mit den Frettchen, deren Geruch ich noch heute in der Nase spüre. Rechts mehrere Koben für die anderen Tiere.

© Martin Krolzig