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2.10.25 Kirchturm-Madeleines
Wiederholt machte ich Anläufe, um mich Marcel Proust’s »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« anzunähern. Zunächst kaufte ich mir eine Hör-CD. Dann erfuhr ich vom Projekt einer Kölner Buchhandlung, die Teile der sieben Bände mit ihren 4000 Seiten von zwei Schauspielern vortragen ließ. Da klinkte ich mich ein – und wurde regelrecht angefixt. Schließlich erwarb ich die in zwei Ausgaben vorliegende Druck–Fassung. Zuletzt erstand ich von Jochen Schmidt »Schmidt liest Proust«. Der Band erwies sich als Passepartout-Schlüssel für das ganze Werk. Der Berliner Autor hatte sich vorgenommen, jeden Tag 200 Seiten zu lesen. Das hielt er jahrelang eisern durch und berichtete Tag für Tag über seine Lektüre. Die Einträge nummerierte er und zeichnet sie in seinen Lebens- und Erfahrungshorizont ein.
Als der Ost–Berliner Schmidt sein Projekt begann, stand die DDR noch und der Warschauer Pakt hielt die osteuropäischen Staaten mit eiserner Faust umklammert. Die baltischen Staaten gehörten noch genauso zur Sowjetunion wie Odessa an der Schwarzmeerküste. Hier verfaßte Schmidt wiederholt seine Notate. Die Ukraine als selbstständigen Staat sucht man auf den Landkarten aus der Zeit vergeblich.
Als Beispiel für die Arbeit von Jochen Schmidt soll die Nummer 107. Sa 4,11.,Berlin dienen. Da hat der Autor in dem »von Studenten und Touristen überschwemmten Schmuckkästchenzentrum Rennes in einem Comicgeschäft ‘Pjöngjang’ von Guy Delis entdeckt und trotz des Preises sofort kaufen müssen.« Der Leser erfährt, dass »Kim Il Sung, Vater des jetzigen Präsidenten Kim Jong Ill« 1994 gestorben ist, aber in der Verfassung noch immer als Präsident bezeichnet wird. Verblüfft lässt er sich davon in Kenntnis setzen, dass die Zeitrechnung in Korea mit seiner Zeugung beginnt. In Korea, so werden wir weiter unterrichtet, gilt die Juche-Ideologie. Was sie bedeutet, skizziert Schmidt auch. Wobei ich als Zeitgenosse von Kim Jong-un vermute, dass sich daran bis heute nichts geändert hat.
607 Seiten lang notiert Schmidt die Ergebnisse seiner Lektüre. Am Ende der meisten Eintragungen finden sich die beiden Rubriken »Unklares Inventar« und »Verlorene Praxis«. Durch Schmidts Protokoll erfuhr ich , dass Ost-Berlin eine eigene Ausgabe des Proust’schen Werkes 1974 verlegt hatte.
Ein dunkles Land öffnet sich Marcel zur Teestunde. Das geschah, als die Mutter ein Petit Madeleines holen ließ und es in Lindenblütentee tauchte. In den Großbuchstaben von Petites Madeleines geschrieben, die er hier verwendet, zeigt sich der Autor laut Schmidt, auch sehr persönlich: Proust Marcel – so signiert er sein Werk.
Mit dem ersten Satz »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« lässt Marcel Proust seinen Protagonisten zurückblicken. »Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen«, lautet er. Damit beginnt für Marcel das Drama des abendlichen Entkleidens. Er ist unruhig und beschließt wach zu bleiben. Seiner Mutter möchte er einen Gute–Nachtkuss abtrotzen. Die Stratgie aber ist heikel; es besteht nämlich die Gefahr, er könnte wegen seiner Penetranz von dem Vater in ein Internat gesteckt werden. Das aber würde für ihn das Todesurteil bedeuten.
Die Petites Madeleines taucht der Junge nach dem Beispiel der Mutter in Lindenblütentee. Der wirkt auch in der Wiederholung durch Geschmack und Geruch. Damit öffnen sich für Marcel die Landschaften seiner Kindheit. Orte, Kirchen und Menschen treten vor den Leser unter der Überschrift Combray. Auf der Karte Nordfrankreichs findet sich wohl ein Flecken gleichen Namens. Den man allerdings nicht mit dem Combray der »Recherche« verwechseln darf.
Was Proust mit der Teestunde schildert, ist kein isolierter, womöglich gar spinnerter Mechanismus. Proust erzählt auch von einem Besuch Marcels im Zimmer seines Großvaters. Der war gerade aufgewacht und trank seinen Tee. In den tauchte er einen Zwieback und ließ ihn den Enkel kosten.
Auch aus Deutschland gibt es für den gleichen Mechanismus ein schönes Beispiel. Der Komponist Richard bedankt sich mit einem Brief bei seiner Muse Mathilde Wesendonck für die Sendung einer Schachtel mit Zwieback.
Als ihr der Komponist von »Tristan und Isolde« schrieb, steckte er in einer existenziellen Krise. Was ihn daraus befreite? Er ließ einen der Zwiebäcke holen und als er kam, so Wagner, »merkte ich nun, was mir gefehlt hatte: mein Zwieback hier war viel zu sauer, dabei konnte mir nichts Vernünftiges einfallen; aber der süße, altgewohnte Zwieback, in Milch getaucht brachte auf einmal alles wieder ins rechte Geleise … Zwieback! Zwieback! Du bist die richtige Arznei für verstockte Komponisten – aber der rechte muss es sein!«
Proust, das soll in dem Zusammenhang erwähnt werden, hat sich wiederholt als Kenner der Musik Richard Wagners gezeigt. Auch in der »Recherche« begegnet er. Odette de Crecy, die zentrale Figur aus »Eine Liebe von Swann« reist nach Bayreuth zu den Festspielen. Der wohlhabende Swann ist sogar bereit, ihr »eines der hübschen Schlösser des Königs von Bayern in der Umgebung« zu mieten.
Zurück zu Proust’s Combray. Breiten Raum nimmt die Schilderung von Kirchturm und Gotteshaus in Iliers ein. Der Autor beschreibt, wie sich bei einem Gottesdienstbesuch das Licht änderte, als er mit seiner Großmutter vom Weihwasserbecken kommend, zum reservierten Platz der Familie zurückgeht.
Man liest auch von einer Krypta unter der Kirche und alten Teppichen an ihren Wänden. Doch auch die würde man in der Realität vergeblich suchen. »Wie liebte ich diese Kirche« schreibt Proust, »und wie deutlich sehe ich sie vor mir!«
Jochen Schmidt nennt den Glockenturm von Saint-Hilaire die zweite Madeleine. Bei dem Blick auf ihn öffnet sich für Marcel die Welt seiner Kindheit in gleicher Weise wie beim Eintauchen eines Sandtörtchens in Lindenblütentee und dessen Verzehr.
Als ich das las, wurde mir klar, dass sich bei mir der gleiche Mechanismus einstellt, wenn ich den Kirchturm von St. Johannis in Niemegk vor mir sehe. An der Stelle ein Beispiel.
Ruft man krolzig.com auf und scrollt auf dem Bild des Kirchturms nach unten, lassen sich verschiedene Ebenen ansteuern. Klickt man auf Gerhard Olbrich, sieht man den Maler bei der Arbeit. In der Mitte steht er auf dem unfertigen Altar vor dem Abendmahlsbild.
Hier stand einmal auch der Junge zusammen mit seinem Vater und dem Künstler. Er erlebte, wie sich beide köstlich amüsierten. Sie schauten auf den Judas mit dem feisten Gesicht, Spitzbart und Beutel für die Silberlinge. Das Bild zeigt niemand anderes als den Generalsekretär der SED. Walter Ernst Paul Ulbricht landete bereits am 30.4.1945 als Stalins Statthalter in Berlin. An dem Tag wurde im Zusammenhang der letzten Kämpfe um die Reichshauptstadt auch St. Johannis in Niemegk beschossen, weil man wahrscheinlich auf deren Turm Artilleriebeobachter vermutete.
Dass Ulbricht ein Judas war – darin waren sich damals die allermeisten einig. Vermutlich auch unter den Niemegkern. Gewiss galt das auch für den Spender des Altarbildes, den Berliner Bischof Dr. Otto Dibelius. Da wußte er sich mit der Mehrheit der Deutschen einig. “Der Spitzbart muss weg”, lautete in Ost und West die Parole.
Gerhard Olbrich gelang nur wenige Tage vor dem Mauerbau 1961die Flucht in den Westen. Auf dem sandigen Boden des Flämings schuf er in dürftiger Zeit ein Gesamtkunstwerk. Was auch 80 Jahre später noch nicht erkannt ist. Olbrich lebte bis zu seinem Tode 2010 in Bremerhaven. Im Westen brachte er nichts hervor, was sich mit seinem Œuvre in Niemegk auch nur annähernd vergleichen ließe.
Übrigens: Angst, jemand könne erkennen und an die große Glocke hängen, wer für den Judas Pate stand bzw. für dessen Darstellung verantwortlich war, schienen Maler und Pfarrer nicht gehabt zu haben.
© Martin Krolzig