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8.9.23 Johnke & Johnke

Am Telefon die Stimme eines jungen Mädchens. Ich bin Martina. Sie rufe aus der Gegend von Hamburg an. Erinnern Sie sich noch an meinen Vater Horst Johnke? Damals in Niemegk? Das Gespräch fand um die Jahrtausend-Wende statt.

Zuletzt besuchte ich Niemegk im Spätsommer 2022. Am Ortsausgang Richtung Treuenbrietzen keine Spur mehr, daß sich hier einmal eine Ziegelei mit einem Ringofen befand. Mit Schaufelbaggern, einem Schienennetz nebst Kipploren und Dieselloks. Nur ein Hinweisschild auf Tonteiche am Straßenrand. Das aber führt in die Irre. In Niemegk wurde nicht Ton sondern Lehm abgebaut. Lehmkieten hießen die Teiche deshalb seit eh und je.

Auch googeln mit unterschiedlichen Suchanfragen brachte kein Ergebnis. Ziegelei Niemegk oder VEB Vereinigte Ziegelwerke Niemegk (so in meiner Erinnerung die offizielle Bezeichnung) – nichts. Immerhin arbeiteten hier einmal einige hundert Menschen. Kollektive Amnesie? Scham bietet sich als Erklärungsversuch an. Das SED-Blatt „Märkische Volksstimme“ veröffentlichte in der DDR-Spätzeit einen vernichtenden Beitrag unter der Überschrift: „Die Niemegker sind Drecker“. Zu viel Sand, zu wenig Lehm.

Wo sich heute auf rechten Seite ein Geschäft befindet, stand früher ein Ringhofen der VEB (K) Ziegelwerke Niemegk, Werk II. Das Eingangstor in das umzäunte Gelände, etwa wo jetzt das rote Schild steht, öffnete die Zufahrt für Fahrzeuge. Die Verbindung zum Hauptwerk wurde auf Schmalspur Schienen mit Diesellocks, genannt Moppel, und Loren gehalten.

Dann gab ich Huma Babynahrung ein. Das Ergebnis verblüffte mich. Sogar Form und Farbe der Packung sind bis heute gleich geblieben. 1958 hieß so der Strohhalm, an den sich Ingrid und Horst Johnke klammerten.

Entweder können sie ganz schnell Humana besorgen, oder das Leben ihres Babys ist ernsthaft gefährdet. So die Niemegker Ärztin. Noch heute muß man ihren Mut bewundern. Denn das Präparat gab es nur im Westen. Und sie wußte natürlich genau, wen sie mit Horst Johnke vor sich hatte.

Dessen älterer Bruder Heinrich arbeitete als Betriebs-Parteisekretär der SED in der Niemegker Ziegelei. Analog zu Walter Ulbricht im entfernten Ost-Berlin wirkte er In der streng hierarchisch gegliederten Partei auf der untersten, der betrieblichen Ebene. Sie verstand sich als Speerspitze gegen den auch in Westdeutschland herrschenden Imperialismus. Mit dem Kampf gegen ihn begründete sie ihren uneingeschränkten Machtanspruch.

Die SED sah sich als Teil der von Lenin und Stalin, geschmiedeten weltweiten kommunistischen Bewegung. Das alles mag man heute belächeln. Damals tat das niemand. Da duckte man sich besser weg.

Über die familiären Verhältnisse bei den Johnkes besitze ich nur unklare Vorstellungen. Jedenfalls war der strohblonde Horst aus Hamburg in die als Arbeiterparadies apostrophierte DDR übergesiedelt. Also ganz ähnlich wie der Hamburger Kommunist Wolf Biermann. Damit galt Johnke als Exot, denn die normale Bewegung verlief umgekehrt; täglich flohen aus Ostdeutschland Hunderte in den Westen.

Ob Horst seine warmherzige Frau Ingrid aus Hamburg mitgebracht hatte? Ich weiß es nicht. Als wir später mehr miteinander zu tun bekamen, besuchte ich sie gerne. In ihrer Gegenwat zeigte Horst stets seine sympathischen Seiten.

Darüber, dass er sich selbst als strammer SED-Genosse verstand, ließ Horst niemand im Unklaren. Anders als der eher stillere Heinrich,

Für ein gutes halbes Jahr gehörte auch ich 1958 zu den Kollegen der beiden Johnkes. Doch von Kollegen sprach niemand. Alle waren Genossen, auch ich gehörte dazu. Obwohl alles andere als ein Genosse. Verstehe das, wer will. aber so war*s .

Zwischen dem Ende des kirchlichen Proseminars in Dahme/Mark und dem Beginn des Theologie-Studiums im evang.-luth. Missionsseminar In Leipzig wollte ich mir ein Motorrad anschaffen.

Das Objekt meiner Sehnsucht war eine 125er MZ aus dem sächsischen Zschopau. Die kostete richtig viel Geld. Hatte man es schließlich zusammen, konnte man nicht einfachin meinen Laden gehen und sich eine Maschine kaufen. Motorräder waren absolute Mangelware. Das HO-Geschäft führte lange Wartelisten. Selbst einsehen konnte man in die nicht. Aber jeder in Nienmegk wußte, dass man durch Beziehungen und Schiebung auf der Liste rauf oder runter rutschen konnte. Am Ende sollte es dann klappen.

Alle auf der Ziegelei mußten unter schwierigen Bedingungen Geld verdienen. Die harte Arbeit selbst beanspruchte alle Kräfte. Dann gab es die Norm, die allen im Nacken saß. Nur wenn man die erfüllte, besser übererfüllte, konnte man sich auf die Lohntüte am Wochenende freuen. Dafür sorgte Bruder Heinrich. Seine Maxime, nicht lauthals verkündet, aber doch für alle Ziegelei-Arbeiter klar & verständlich formuliert, lautete: „Wir verdienen Geld mit dem spitzen Bleistift“. Den wußte er zu handhaben.

Bei Heinrich und den meisten anderen SED-Mitgliedern unter den Arbeitern auf der Ziegelei spielten ideologische Fragen kaum eine Rolle. Die alten Kommunisten werden sie vertreten haben, machten aber kein Aufhebens davon. Ich nehme an, dass sie längst aus der Kirche ausgetreten waren. Jedenfalls erinnere ich mich nicht, jemals einen in der Kirche gesehen zu haben.

Die Unterschiede traten in meiner Person zu Tage. Allein schon durch meinen Spitznamen der Pasta, mit dem mich alle an redeten. Dann durch Horst Johnke, der sich als strammer Kämpfer an der Front für die wissenschaftliche Weltanschauung des Marxismus-Leninismus sah. In mir erkannte er seinen ideologischen Gegner.

Wahrscheinlich wirkten wir beide auf die anderen wie zwei raufende Terrier. Die knurrten sich an, fletschten die Zähne und verbissen sich auch schon mal ineinander, doch ohne dem anderen wirklich zu schaden. So richtig ernst nahm das niemand. Das lag wohl auch am Bier. Das tranken wir Kistenweise im glühend heißen Ringofen.

Fuhr man eine der gummibereiften Karren mit zwei Reihen Steinen aus dem glutheißen Ringofen, griff sich jeder eine Flasche. Rutscht wie Öl, hieß es dabei schon mal dabei. Da konnten an einem Vormittag acht bis zehn locker zusammenkommen. Niemand schwitzte, besoffen war keiner. Auf dem Heimweg mit dem Fahrrad fühlte ich mich wie die anderen völlig nüchtern & sicher. Verstehe das, wer will. Aber so war es.

Neben “rutscht wie Öl” hat sich ein anderer Satz aus Ziegelei-Zeiten tief in meiner Erinnerung verhakt: “Drück det Kreuz durch”. Der fiel, wenn wir zu Dritt eine der schweren Schienen auf der Schulter tragen mußten, um eine neue Verbindung herzustellen. Die alten Genossen wußten, daß es leichter fiel, wenn man aufrecht ging. Ich dagegen ging schief und knickte in der irrigen Annahme ein, dann hätte ich es leichter. Heute fallen mir eine Reihe von Situationen in meinem Leben ein, in denen ich mich besser an den Satz erinnert hätte, “drück det Kreuz durch”

Von einem Tag auf den anderen konnte Ingrid ihren Säugling nicht mehr stillen. Was sie von der Niemegker Ärztin erfuhr veränderte alles. Entweder besorgen Sie ganz schnell Humana oder das Leben Ihres Kindes ist ernsthaft in Gefahr. Die Ärztin zeigte Mut. Die Frau wußte natürlich genau, wer da mit Horst Johnke vor ihr saß; Humana gab es in keiner DDR-Apotheke, sondern nur in West-Berlin.

Undenkbar, daß Partei-Funktionäre wie die Johnkes einfach nach West-Berlin fuhren und in einer Wechselstube ihr Geld in West-Geld tauschten. Über den Kurs informierte RIAS-Berlin am Ende jeder Nachrichtensendung. Damals bekam man etwa für 4,5 Ostmark eine Westmark.

Längst hatte sich herum gsprochen, daß die Wechselstuben durch DDR-Agenten beobachtet wurden. Devisenvergehen bestrafte die DDR-Justiz drakonisch. Von allem anderen abgesehen: Bei dem Umwechselkurs nicht nur einmal, sondern auf Dauer Humana kaufen zu müssen, überstieg die Möglichkeiten der Johnkes.

Zu Hause berichtete ich von der Not der Familie. Daß mein Vater schon mal Bananen für die Tochter von Hausigs Gärtnerei aus West-Berlin mitgebracht hatte, wußte ich. Ob er nicht auch Humana für das Kind von ingrid und Horst besorgen könne?

Um keine falsche Vorstellungen aufkommen zu lassen: Das organisierte der Vater als Superintendent des Kirchenkreises und Pfarrer von Niemegk. Beide gehörten zur Berlin-Brandenburgischen Kirche. Deren Leitung unter Bischof Dibelius befand sici in West-Berlin.

Die Existenz der Kirche hing wie an einem Tropf an der Unterstützung aus dem Westen. Einmal mußten überall Schäden an der maroden Infrastruktur beseitigt werden. Dann ging es um das nackte Überleben der Gemeinden. Im engeren Umkreis von Niemegk lebten & wirkten in den Dörfern Mörz, Dahnsdorf, Haseloff jeweils ein Pfarrer mit seiner Familie. Das gleiche Bild in Zixdorf, Rädigke und Raben.

Die Ärztin stellte auf Bitten meines Vaters ein Humana-Rezept aus. Damit konnte die Kirchenverwaltung in Berlin-Charlottenburg das Mittel auf Dauer bereitstellen.

Als größtes Problem erwies sich allerdings die Frage, wie die Packungen nach NIemegk gelangen sollten. West-Berlin konnte man relativ schnell mit der S-Bahn erreichen. Die verkehrte von Potsdam im 20 Minuten-Takt. Nach zwei Stationen hielten die Züge in Griebnitzsee zur Kontrolle. Durch die Wagen gingen jeweils zwei Grenzpolizisten. Sie ließen sich die Ausweise zeigen, schauten nach oben in die Gepäcknetze und unter die Sitzbänke. Die Menschn sahen sie sich betont langsam an. “Kommen sie mit” befahlen sie barsch, wenn ihnen einer verdächtig erschien. Auf dem Rückweg von Zoologischer Garten über Wannsee verlief die Prozedur nicht anders.

Die S-Bahn schied also aus. Das tat sie ohnehin angesichts des Umfangs der Hilfen, die mein Vater transportieren mußte. Als besonders gefährlich galt der Transport größerer Geldbeträge. Doch ohne sie wären Gehaltszahlungen in den Gemeinden kaum möglich. An die entsprechenden Beträge gelangte die Kirche durch den Rück-Tausch von Westgeld in die in Berlin iangehäuften Ost-Devisen.

Das alles ließ sich nur mit dem PKW machen. Der kürzeste Weg wäre eigentlich der über die Autobahn. Doch bald hinter Michendorf war für DDR-Bürger Schluß. Den Grenzübergang Drewitz konnten nur Fahrzeuge aus der Bundesrepublik passieren.

DDR-Fahrzeuge mußten West-Berlin über die Autobahn weiträumig umfahren, wenn sie nach Ost-Berlin (“Hauptstadt der DDR”) gelangen wollten. Auf der Hinreise gab es keine Kontrollen. In Groß-Berlin galt der Viermächtestatur. Innerahlb der vier Sektoren konnte man sich mit der S- und U-Bahn relativ frei bewegen. Fahrzeuge mit West-Berliner Nummernschilder konnten die Sektorengrenzen nach Ost-Berlin passieren.

Nur auf der Rückreise mußten die PKW-Insassern bei der Einreise in die DDR über die Autobahn ihre Ausweise zeigen. Ein kurzer Blick in den Wagen – das war`s normalerweise. Die Grenzpolizisten winkten im Verdachtsfall schon mal ein einzelnes Fahrzeug heraus. Wir kannten das Verfahren und stellten uns darauf ein. Auf den ersten Blick war an unserem Wartburg nichts auffällig. Das D am Nummernschild signalisierte, daß der Wagen aus der näheren Umgebung im Bezirk Potsdam stammte. Für den Fall, daß man uns doch näher kontrollieren wollte, legten wir uns jedesmal eine Ablenkungsstrategie parat.

Wenn ich heute auf einer der blaugrau gestrichenen Kirchenbänke in St. Johannes sitze, erinnere ich mich noch ganz genau daran, wie wir die Eimer mit der Farbe sicher durch die Kontrolle bekamen. Auf diesem Weg immer mal wieder auch einen Humana-Karton nach Niemegk zu bringen, erwies sich als problemlos.

Da es nach der Diagnose schnell gehen mußte, holte ich den ersten Humana-Packung in West-Berlin ab und brachte sie über die S-Bahn nach Potsdam. Von da dann mit dem Bus nach Niemegk.

Wenn wir noch ein Kind bekommen, so Horst bei der Übergabe des ersten Humana-Päckchens, wird es Martin oder Martina heißen.

© Martin Krolzig