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17.1.24 Alles zu spät
Nach dem Wochenendbesuch des Enkels rief die Mutter im Festnetz an. Wie es denn gewesen sei. Eigentlich schön. Nur sein ständiger Griff zum Handy während jeder Gesprächspause sei mir auf den Keks gegangen. Da gäbe es keinen Unterschied zu den anderen. Deshalb werde ich beim nächsten Besuch bitten, das Taschentelefon in der Garderobe abzulegen.
Das solltest Du sein lassen, ermahnte die Mutter den 83jährigen Opa. Damit würdest Du Dich völlig unmöglich machen. Das Handy ist heute unverzichtbarer Teil des Lebens. Ich verstehe ja, dass Dich das nervt. Doch das musst Du schlicht und einfach zur Kenntnis nehmen. Klang wie Ende der Durchsage.
Das erzählte ich einem Freund. Der arbeitet in der Medienbranche. Und ergänzte den Bericht durch Beobachtungen von Kinderwagenschiebenden Müttern auf dem Gehweg vor meinem Haus. Eine Hand am Griff des Buggy, die andere am funkgesteuerten Kommunikationsinstrument. Ob Sie denken, ihr Nachwuchs bekäme das nicht mit?
Bestimmt. So der deutlich jüngere Freund. Und erzählte, seine Frau würde Kleinkinder betreuen. Während der Eingewöhnungsphase blieben die Mütter über Stunden im gleichen Raum. Das eine Auge auf den Sprössling, das andere auf das Handy gerichtet. Das Sei normal.
Neulich, so der Freund weiter, hielt einer der Dreikäsehochs im zarten Alter von eineinhalb Jahren ein Bauklötzchen in der linken Hand. Mit der Rechten tippte er in eine imaginierte Tastatur. Nach einiger Zeit wischte er mit dem Zeigefinger immer wieder nach rechts weg. So, wie er es wohl bei seiner tindererregten Mutti beim Handyren beobachtet hatte. Da sei ihm der Kiefer runtergefallen. Und lachte. Und kriegte sich nicht mehr ein.
Eigentlich ein alter Schuh. Die Pädagogik weiß seit Jahrzehnten, wie Menschen lernen: Durch Identifikation und Imitation. Alles andere sind in späteren Tagen erfolgsarme Notlösungen.
P. S. In der Süddeutschen las ich dieser Tage, dass die UN-Organisation für Kultur und Erziehung bereits im letzten Jahr forderte, die Schulen zur smartphonfreien Zone zu machen. In Frankreich ist das bereits am 18.06. der Fall.
© Martin Krolzig