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6.2.24 Meine Großväter

Den einen, Dr. jur. Carl Otto Felix Trüstedt geb. am 22.09.1870 in Charlottenburg bei Berlin, wie es damals noch hieß, gest. am 12.01.1951 in Niemegk, lernte ich noch kennen. Gustav Krolzig, der andere, starb bereits 1923.
Meine Mutter Erika Krolzig, geb. Trüstedt, erzählte, daß das Geburtsjahr meiner beiden Großväter über deren weiteren Lebensweg entschieden habe.
Felix Trüstedt. mußte noch zu den Soldaten. Den 1. Weltkrieg überstand er auf dem Balkan. Von der Mutter erfuhr ich, daß er in Rumänien die Pferde der Artillerie hüten mußte. Besonderen Gefahren sei er wohl nicht ausgesetzt gewesen.
Der Geburtsjahrgang von Guatav K. wurde nicht eingezogen. Statt auf Scheiben zu schießen, Gewehrreinigen und Exerzieren bis zum Überdruß, beendete erfolgreich eine Holzhändler-Lehre.
Bei der Jahrtausendwende setzte er alles auf eine Karte. Sein ganzes Geld und was er sich bei Familienangehörigen zusammenkratzen konnte, steckte er in eine zweiseitige Anzeige in der Berliner Zeitschrift für den Holzhandel. So etwas gab es noch nie.


Die Fotos der beiden Seiten stellte mir meine Cousine Claudia Hofmann aus Königstein/Taunus zur Verfügung
Der überwältigende Erfolg der Anzeige katapultierte Gustav K. in eine andere Welt. Kurze Zeit und er war Goldmark-Millionär. Den Erfolg allerdings verdankte er weniger seiner Cleverness als dem Weltkrieg. An allen Fronten mussten Schützengräben ausgehoben und Unterstände gebaut werden. Um die abzustützen, bedurfte es Unmengen an Holz. Das musste auf bestimmte Längen zurechtgesägt werden. Und der Agent Gustav Krolzig konnte liefern.
Sein Glück – man wagt es kaum zu schreiben – bestand darin, daß die sehr schnell zerschossen und neu errichtet werden mussten. Finanzprobleme kannte sein Auftraggeber, der wilhelminische Staat des Kaiserreiches, keine. Alle Rechnungen des Holzhandels Krolzig wurden pünktlich beglichen.
Drohte dem Staat das Geld auszugehen, gab er Kriegsanleihen heraus. Der köderte die Bürger mit dem Versprechen hoher Zinsen, wenn erst der Krieg gewonnen ist. Doch dessen Ende zog sich. Als schließlich das Kaiserreich nach vier Kriegsjahren zusammenbrach, Wilhelm II. nach Holland floh und Deutschland durch revolutionäre Verhältnisse erschüttert wurde und die Bürger vergeblich auf die Rückzahlung der Kriegsanleihen hofften, um von den erhofften Zinsen gar nicht zu reden, hatte Gustav K. sein Schäfchen längst ins Trockene gebracht.
Ersoff der Staat in einer exorbitanten Inflation, überstand Gustav Krolzigs Unternehmen die Krise genauso wie seinem frühen Tod. Dafür sorgte Sohn Werner (s. Eintrag Bruder Werner).
Gerne wüßte ich, wie es Felix Trüstedt in der Zeit nach seiner Demobilisierung erging. Irgendwann musste er sein Jura-Studium aufgenommen haben. Er gehörte als Corps-Student zu einer schlagenden Verbindung. Vom Ergebnis auf dem Paukboden zeugte der Schmiss in seinem linken Mundwinkel.
Die Blessuren versorgten angehende Medizinstudenten – und streuten Salz in die Wunde, damit sie möglichst weit auseinanderklafften und so für alle Zeiten sichtbar blieben. Das berichtete seine Tochter. Dabei konnte ich ihre Gänsehaut auch noch Jahrzehnte später in der Stimme hören.
Eine solche exklusive Männerzier wie Schmisse trug damals nur eine vielversprechende Minderheit. Das glaubte zumindest die, die sich für eine solche hielt.
Doch als erfolgreichen Juristen darf man sich Felix T. trotz Promotion nicht vorstellen. Er hatte sich in die Idee der Treuhand verrannt. Daneben gab es auch später für ihn nichts anderes. Kein Arbeitsrecht, kein Familienrecht, kein Verkehrsrecht. Nichts.
So lebte er schlecht und recht als armer Schlucker. Neun Jahre blieb er verlobt, weil die Mittel für eine Heirat fehlten. Seine Verlobte ertrug alles geduldig – so jedenfalls berichtete es meine Mutter.
© Martin Krolzig