Blog
15.4.24 Vorwärts, marsch!
Das US-Repräsentantenhaus hatte gerade das milliardenschwere Militärhilfe-Paket für die Ukraine durchgewunken, da meldete sich der russische UN-Vertreter Dmitri Poljanski im Netzwerk X. Eine Niederlage seines Landes werde auch das nicht verhindern. Der Krieg seines Landes werde fortgesetzt. „Das unrühmliche Ende des Kiewer-Regimes ist unausweichlich“, verbreitete er. Und weiter: „Tausende Ukrainer werden in den Fleischwolf gehen“, erklärte der Diplomat. Schneller kann man die Hose nicht bis in die Kniekehlen runterlassen.
Mir kam an der Stelle „Spaniens Himmel“ in den Sinn. Komisch, dachte ich, wie sich Assoziationen ihren Weg suchen. Ähnlich wie Wasser. Man weiß es immer erst hinterher.
Wer von der Gnade der späten Geburt lebt, wird den Song kaum kennen. Anders als ich, der ihn in der Niemegker Grundschule Anfang der Fünfziger gelernt hat. Nachgeborene sollten sich das Marsch- und Kampflied, komponiert von Paul Desau auf einen Text seiner Frau und von dem Schauspieler und Sänger Ernst Busch vorgetragen, unbedingt erst einmal im Netz anhören.
Das Lied ist mir so vertraut wie der Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Auch bei
„Spaniens Himmel“ bildet die 3. Strophe den Höhepunkt: „Rührt die Trommel/Fällt die Bajonette./Vorwärts marsch./Der Sieg ist unser Lohn./Mit der roten Fahne brecht die Kette./Auf zum Kampf das Thälmann-Batalillon.“
Als ich mir vorstelle, was Bajonette anrichten können, fällt mir wieder Poljanskis Fleischwolf ein. Doch mir geht es nicht um die Blutrüstigkeit. Vielmehr soll die Frage ventiliert werden, wie ein Verteidigungskrieg gegen einen überlegenen Aggressor durchgehalten werden kann. Ohne allerdings in die Nähe von Macrons dusseligem Vorschlag zu geraten, die NATO solle die Entsendung von Truppen in die Ukraine nähertreten. Gescheiter wäre es, er und senesgleichen hätten sich an Otto von Bismarck erinnert: „Lügen können Kriege in Bewegung setzen, Wahrheit hingegen kann ganze Armeen aufhalten.“
Das Thälmann-Bataillon gehörte zu den internationalen Brigaden, die auf Seiten der Republik gegen den Putschgeneral General Franco kämpften. Was damals der kommunistischen Internationale bis weit in die Linke hinein moralisch nicht nur recht, sondern auch geboten erschien, sollte man heute zumindest in Erwägung ziehen dürfen: Die Bildung von internationalen Kampfeinheiten auf Seiten der Ukraine. Man muss ja nicht gleich zur Bildung eines Strack-Zimmermann-Bataillons aufrufen. Möglicherweise macht ja ein Spanier den ersten Schritt und ruft zur Bildung eines Sánchez-Batalillons auf. Weitere EU-Länder könnten folgen.
Damit soll es dann auch erst einmal sein Bewenden haben. Allerdings soll die Szene weiter ausgeleuchtet werden. Womit wir bei Sarah Wagenknecht wären. Ihre wiederholten Warnungen vor weiteren Waffenlieferungen an die Ukraine sind hinreichend bekannt.
Ob sie „Spaniens Himmel“ singen könnte? Man darf es annehmen. Ihr Geburtsjahr 1969 in Jena lässt das nicht unbedingt vermuten. Ihr ideologischer Hintergrund aber sehr wohl. Auch im Musikunterricht der DDR wurde es bis zu deren Ende geübt und gesungen. Als Mitglied der FDJ wird sie auch dessen Liederbuch besessen haben. Darin abgedruckt „Spaniens Himmel“.
Auch Mitglied der SED war sie. In die konnte man übrigens nicht so eintreten wie in eine andere Partei. Was sie bei ihrem Bündnis Sahra Wagenknecht genauso hält. Gelernt ist gelernt.
Die SED als leninistische Partei neuen Typs befahl erklärtermaßen das Gewehren. Damit auch der NVA, d. h. der Armee des Arbeiter- und Bauernstaates. Zu deren zentralem Liedgut gehörte auch „Spaniens Himmel“.
Um die Geschichte abzurunden: Der Song zählte auch zum Repertoire der Liedermacher Hannes Wader und Georg Danzer.
Ich stelle mir vor, Markus Lanz würde Sie bei Ihrem nächsten Besuch einmal fragen, ob Sie das Marsch- und Kampflied des Thälmann-Bataillons nicht nur kennt, sondern auch singen kann. Um dann die Geschichte des Songs von hinten aufzurollen.
Dann ließe sich darüber debattieren, ob die Bildung von internationalen Brigaden zur Unterstützung der Ukraine unmoralisch wäre. Ja, ja, wir wissen schon: Die alte Sentenz… Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe. Bestimmt kennt die studierte Frau aus Jena auch die Sentenz „Qod licet Jovi, non licet bovi“. Oder ob sie stramm marxistisch-leninistisch argumentiert, jeder Aufruf zur Unterstützung der Ukraine sei nicht nur friedensfeindlich, sondern auch konterrevolutionär? Es könnte spannend werden.
P. S. Sollte jemand meinen, hier würde die Geschichte und Bedeutung eines Songs über Gebühr aufgeblasen, wäre das ein Irrtum. Der Junge lernte in der Niemegker Grundschule für alle Zeiten auch diesen Refrain: „Vorwärts an Geschützen und Gewehren/auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht/tragt über den Erdball, tragt über die Meere/die Fahne der Arbeitermacht!“ Mehr Weltrevolution geht kaum. Es ist Teil des Songs „Die Matrosen aus Kronstadt“. Der befindet sich auch im Liederbuch der FDJ und der NVA. Das nur für den Fall, dass Wagenknecht & Co. versuchen, die Bedeutung von „Spaniens Himmel“ herunterzuspielen.
© Martin Krolzig