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10.10.25 Nachkriegsbilder

Der Junge schaut vom Hauseingang nach oben. Da hängt im Geländer der Kirchturmspitze das herunter geschossene Kreuz. Er hat Angst, es könne jede Minute auf ihn herabfallen. Neben ihm sein Vati. Der zeigte auf die Fenster der Kirche. Allen fehlt das Glas.

An das Bild erinnert er sich. Vier Jahre war er da.

Im nächsten Erinnerungs-Bild glänzt das Kreuz wieder an seiner alten Stelle. Jetzt ist er 10. Alle Fenster der Kirche sind verglast. Er konnte im Turm vorbei an den Glocken und der kaputten Uhr auf einer schmalen Treppe nach oben klettern. Es machte ihm Spaß, immer wieder um die Spitze herumzugehen. Niemegk konnte er so von allen Seiten sehen. Unter ihm das Pfarrhaus mit seinem Schlafzimmer auf dem Dachboden. Davor die drei großen Linden. Weiter weg auf der anderen Seite der Acker von Frau Muschert. Auch den Weg zu ihm. Da sitzt er auf dem Mistwagen, gezogen von einer ihrer beiden Kühe. Frau Muschert geht daneben.

Drei Eingangstüren führen in die Kirche. Hinter der rechten die Gedenksteine an die Gefallenen aus dem 1. Weltkrieg. Hinter der linken die metallene Erinnerung an die Toten aus dem Krieg 1870/71. In den letzten Jahrzehnten befanden sie sich auf dem Kriegerdenkmal vor der Kirche. Von dort ließ sie der Vater in die Kirche bringen. Damit, so erkläre ich mir das heute, veränderten sie ihren Charakter. Sie müssen keine Heldenrolle mehr ausfüllen, auch nicht die von Opfern. Ein Narrativ, das ihnen andere angehängt hatten. Das Gotteshaus verändert alle, Lebende wie Tote. Weil sie schon hier und heute im Licht von Gottes Ewigkeit stehen.

Den großen Block aus rotem Sandstein ließ Vati von dem Steinmetz Kahl in der Wittenberger Straße zersägen. Auf einem schmalen Stück meißelte er die Namen der Niemegker Toten aus dem Zweiten Weltkrieg. Darunter auch die von Frauen. Was den veränderten Blick auf die Toten in de Kirche bestätigt. Aus den verbliebenen Blöcken entstanden Taufstein und Lesepult.

Heute frage ich mich, ob mein Vater das durfte, will sagen, ob er zu der ganzen Aktion das Recht auf seiner Seite hatte. Gehörte das Kriegerdenkmal rechtlich gesehen überhaupt der Kirche? Ein Grundbuch, das diese Frage hätte beantworten können, existierte wohl nicht. So oder so, entscheidungsfreudig war er.

Niemegk gehörte zur Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Mit der sollte es nach Gründung der DDR eigentlich vorbei sein. Nur glaubte das niemand. Wo ein russischer Stiefel stand, hatte die Sowjetarmee das Sagen.

In Niemegk gab es einen Angelverein. Den Vorsitz führte der Uhrmachermeister Hoffmann. Über den konnte man zwei Karten kaufen. Eine erlaubte das Angeln in verschiedenen Teichen; darunter auch die beiden neben der Abdeckerei in Loktow. In denen schon mal weggeworfene Fleischstücke zwischen Hechten und Barschen schwammen. Die andere für Forellen in der Plane. In der lebten damals noch die empfindlichen Bachforellen, die auf schnell fließendes und kaltes Gewässer angewiesen sind. Beim Angeln auf sie gab es strenge Bestimmungen. Der Einsatz von Regenwürmern war absolut verboten. Erlaubt nur der Blinker. Hatte an den eine zu kleine angebissen, konnte man sie leicht vom Haken lösen und wieder ins Wasser setzen. Bei Regenwürmern bestand diese Chance nicht. Den schluckten die Forellen sofort herunter.

Der Junge war Mitglied im Angelverein. Er besaß beide Karten. Also auch die für die Plane. Dank Omi in Westberlin besaß er ein ganzes Sortiment an Blinkern. An der Plane traf er immer wieder auf Angehörige der sowjetischen Besatzungsmacht. Die trugen ausnahmslos Uniform und wiesen sie so als Offiziere aus (Wehrpflichtige durften während ihre Stationierung in Ostdeutschland die Kasernen nicht verlassen). Alle angelten ausschließlich mit dem Wurm. Wenn der Junge das sah, kochte er innerlich vor Wut. Vor allem, wenn eine kleine am Haken hing. Dann nahm der Russe die Schnur in die eine Hand und mit der andern riss er Wurm, Haken und Innereien raus und schmiss sie weg. Für den und andere Fälle gab es nur einen Rat: Schnauze halten und Zähne zusammenbeißen.

Als Eingangstür in die Kirche wurde bei normalen Gottesdiensten nur die mittlere benutzt. Tritt man ein, sieht man an den Wänden rechts und links die von Gerhard Olbrich geschaffenen Darstellungen der Namensgeber der Kirche. Auf der einen Seite Johannes der Evangelist, auf der anderen Johannes der Täufer. Dazwischen hingen die Seile herunter, mit denen man die Glocken in Bewegung setzte. Wenn der Junge läuten durfte, machte es ihm Spaß, zum Anhalten sich von ihnen nach oben ziehen zu lassen.

Die Glocken hörte man weit über die Stadtgrenzen hinaus. Also auch, wenn er sich mit Minna Muschert auf dem Acker befand. Am Klang erkannte man, ob es das normale Mittagsläuten war oder ob jemand beerdigt wurde. Der Kirchendiener mußte dann an einem anderen Strick ziehen.

Am Heiligen Abend erlebte der Junge, dass alle drei Kirchentüren geöffnet wurden. Dann fiel das Licht aus der Kirche auf den dunklen Platz davor. Trat man ein, sah man auf den vier seitlichen Emporen jeweils einen Kinderchor. Über Kreuz sagen sie den Quempas. Der vorne links begann »Den die die Hirten lobten sehre« und der gegenüber liegende fuhr fort »und die Engel noch viel mehre«, dann die beiden anderen » fürcht euch fürbaß nimmer mehrere, euch ist geboren ein König der Ehren«. Darauf der Kirchenchor mit Kantor Schlund an seinem Instrument auf der Orgelempore »Heut sein die lieben Engel ein in hellem Schein erschienen bei der Nachte.« Dann alle zusammen plus Gemeinde »Gottes Sohn ist Mensch geborn, ist Mensch geborn, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn«. Das dauerte, hat doch der Quempas 4 Strophen.

So gerieten alle in eine – heute würde man sagen – nachhaltige Weihnachtsstimmung.

© Martin Krolzig