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19.11.23 Flock

Die Schwester und den Jungen einte die Überzeugung, Flock sei nur äußerlich ein Hund, in Wahrheit ist er ein verzauberter Mensch. Die anderen Krolzig´s sagten mit ihren Freunden, daß Flock alle verzaubert.

Flock gehörte wie selbstverständlich zur Familie. Daß zu der immer auch Tiere zählten, ist seit Evchens Zeiten (s. die Geschichte von dem Pferd in diesem Blog) nichts Ungewöhliches.

Die Geschichte von Flock und den Krolzig´s begann mit dem Satz des Jungen, er wünsche sich einen Hund und Muttis strategischem Fehler: Dafür haben wir kein Geld.

Da durchforstete er die Anzeigen in der Märkischen Allgemeinen, bis er eines Tages las: Hund zu verschenken. Dazu eine Potsdamer Anschrift. Bestimmt ist der uralt, besitzt womöglich nur noch ein Auge oder läuft auf drei Beinen. So ein Ausschnitt von Muttis gebündelten Einwänden. Die brachte sie auf den Punkt: Vergiß ihn.

Der Junge wußte, daß Anneliese für die nächsten Tage eine Fahrt nach Postdam plante . Dann kann sie doch bei der Adresse vorbeigehen und sich den Hund einmal ansehen.So geschah es.

Die Schwester kam zurück und berichtete von einem ganz jungen Tier. Der Hund sei seiner Besitzerin, einer alten Frau, zugelaufen. Seinem Temperament sei sie nicht mehr gewachsen. Deshalb müsse sie ihn leider abgeben.

Anneliese beschrieb ihn nach ihrer Rückkehr näher. Dann muß es ja ein Foxterrier sein, so Mutti mit kaum zu verbergender Erregung. Einen solchen besaßen sie früher in ihrer Familie, wiederholte sie für den, der es noch nicht wußte. Der hieß Flock. So kam der Hund zu seinem Namen noch bevor er bei uns einzog..

Anneliese mit Flöckchen, wie wir ihn liebevoll nannten

Anneliese fuhr ein paar Tage später noch einmal nach Potsdam brachte ihn mit. Der besitzt ja noch seinen ganzen Schwanz, rief Mutti aus. Damals kopierte man bald nach der Geburt allen Terriern und noch zwei, drei anderen Hunderassen den Schwanz. Also mußte das schlaue Tier geflohen sein, bevor das nicht wieder gutzumachende Unglück geschah und er sein wichtigstes Kommunikationsinstrument verlor.

Flock entwickelte zu jedem der vier Krolzig`s ein besonderes Verhältnis. Mutti gab ihm sein Futter. Sie respektierte er. Er sprang auch immer wieder vor Freude an ihr hoch. Was sicher als Liebesweis zu werten ist. Allerdings nur in dem begrenzten Bereich von Haus und Hof.

Trafen sie sich dagegen auf Niemegks Straßen gingen beide wie zwei Fremde aneinander vorbei. Mutti hasste es , wenn er unkontrolliert durch die Gegend stromerte. Das wußte Flock und reagierte entsprechend.

Mit Anneliese verband ihn eine herzliche & unbeschewerte Freundschaft. In dem Jungen sah er einen Bruderersatz. Mit ihm tobte er nach Herzenslust. Im Spiel konnte er sich knurrend an einem Stock festbeißen, den der Junge herumwirbelte, bis einer von beiden erschöpft losließ.

Einmal mußte er tagelang mit hohem Fieber im Bett bleiben. Da schlich sich Flock in sein Zimmer und kroch zu ihm ins Bett unter die Decke. Das galt generell als ein No Go. Da blieb er stundenlang. Auch wenn Mutti ihm rief und die anderen fragte, wo denn der Hund sei. Der reagierte nicht. Der Junge fühlte sich durch Flocks animalische Wärme getröstet.

Mit dem Vater konnte er nicht viel anfangen. Was auch, wenn der stundenlang hinter Akten, Büchern und Predigtmanuscripten in seinem Arbeitszimmer hockte. Doch wenn ihm Mutti beim Mittagstisch Flocks Sündenregister aufzählte und sagte, du mußt ihm mal wieder eine Predigt halten, rief er streng: Flock komm her.

Ute Trüstedt, Tierfreundin und spätere Superintendentin Voss

Der gehorchte mit eingezogenem Schwanz und setzte sich mit gesengtem Kopf vor ihm hin. Was höre ich, was hast du schon wieder getan, schämst du dich nicht? Der Hund jaulte herzerweichend. Das mir das nicht wieder vorkommt! Klagend jaulte Flock noch ein bißchen weiter, ging dann aber seiner Wege, als er sah, daß für den Vater die Sache erledigt und er es sich nach der Unterbrechung wieder schmecken ließ.

Geschlagen wurde der Hund übrigens nie. Im Gegensatz zu ihm. Das empfand der Junge als ungerecht. Ihn ärgerte, daß in der Familie zweierlei Maß galten. Doch er sagte sich, halte lieber den Mund.

In einer Ecke unseres Hofes gab es die Reste eines Tankholzlager. Der Name blieb, obwohl hier schon länger kein Nachschub mehr für Holzvergaser eingelagert wurde. Die waren einst auf mehrere Fahrzeuge montiert. Mit denen flüchtete Onkel Werner, Vaters Bruder, zusammen mit seiner Familie plus französische Fremdarbeiter aus Ostpreussen nach Niemegk.

Hier stellte Flock eines Tages eine rotgefleckte Katze. Zwischen beiden entwickelte sich ein Kampf auf Leben und Tod. Die Katze traktierte ihn mit ihren Krallen. Er biss und sprang sie in immer neuen Anläufen an. Ihr Fell wurde von seinem Speichel immer nasser, bis sie schließlich tot zwischen den Holzstücken lag. Flock blutete aus mehreren Wunden, doch die schienen ihn nicht zu kümmern. Er roch noch kurz an dem toten Tier und ging dann seiner Wege,

Die Mutter, von dem Jungen noch herbeigerufen, hatte genau wie er keine Chance dazwischen zu gehen. Beide riefen abwechselt, Flock hör auf, wollten ihn auch wegzerren, was er zu verhindern wußte. Flock duldete wenn es hart auf hart kam kein anderes Tier neben sich.

An der Stelle ein Kontratsprogramm auf spätere Belzig Zeiten. Die Mauern um den kleineren Hof des dortigen Pfarregrundstückes ragten vor Flock deutlich höher als in Niemgk in den Himmel. Für ihn gab es keine Chance sie zu überwnden. Was die Mutter freute und beruhigte.

Einmal blieb er allein. Als Mutti und der Junge mit Mutti zurück kam, verschlug es beiden vor Staunen die Sprache. Da saß inmitten des Hofes eines unserer Angora-Kaninchen, das irgendwie aus seinem Stall hatte springen können Vor ihm der knurrende Hund, wenn sich das Tier auch nur ein paar Zentimeter bewegte,

Jedes andere Kaninchen hätte er sich so lange um die Ohren geschlagen, bis es tot zwischen seinen Zähnen hing. Da waren wir uns ganz sicher. Doch das schneeweiße auf dem Hof gehörte Mutti und war deshalb für ihn tabu.

Schon In Niemegker Zeiten trug Flock ein Halsband. In das konnte man eine Leine einklinken. Immer wieder kam jemand, der mit ihm spazieren gehen wollte. Flock allerdings war immer auf dem Kiwief, wie er seinen Strick loswerden konnte. Einmal gelang es ihm mit einem kurzen Ruck. Der Hund verschwand, die Leine hinter sich herziehend.

Unsere Gelassenheit verschwand, als er auch bis zum späten Abend nicht auftauchte und die kalte Nacht mit Temperaturen um den Gfrierpunkt begann. Alle lauschten in die Dunkelheit. Der Vater meinte, ihn einmal zu hören, konnte aber die Richtung nicht bestimmen.

Auch am nächsten Tag und einer weiteren kalten Nacht keine Spur von Flock. In der Familie breitete sich Hoffnungslosigkeit aus. Da, am dritten Tag, erschienen zwei kleine Mädchen mit Flock an der Leine. Der hatte sich in einer Kiefernschonung verheddert und klagte jaulend. Das hatten sie gehört, krochen zu ihm und banden ihn los. Det ist doch Frau Krolzig ihr Hund, hätten sie sich gesagt.

Ende der fünziger Jahre wurden die Kirchenkreise Niemegk und Belzig unter der Leitung des Vaters zusammengelegt. Die Familie zog nach Belzig um. Ich besaß auch hier ein eigenes Zimmer, benutzte es aber nur bei Besuchen. Zuerst besuchte ich das evang.-lutherische Missionsseminar. Dann nach einer Sonderreifeprüfung die Universität Jena, um Theologie zu studieren.

Meine Flucht am 11. November 1961 bedeutete nicht nur den Abschied von der Familie, sondern die endgültige Trennung von Flock.

Die brieflichen Nachrichten von ihm wirkten immer bedrückender. Wegen der Zensur mußte sich die Mutter vorsichtig ausdrücken, wenn es darum ging von dem Grund für die Veränderungen in Flocks Wesen zu berichten. Da alle gelernt hatten zwischen den Zeilen zu formulieren wie zu lesen, gab es nur eine Ursache.

Die lag in den Flugbewegungen der sowjetichen Luftwaffe. Die Düsenjäger, aufgestiegen im nahen Jüterbog, jagten in nur ein paar hundert Metern Höhe über die Landschaft. Und das bei Tag und Nacht. Der Krach steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Knall, wenn die MIG`s die Schallmauer durchbrachen. Mensch und Tier zuckten unwillkürlich zusammen. Flock versuchte sich zu verstecken, fand aber – beinahe hätte ich naturbedingt geschrieben – keinen sicheren Ort.

Im Laufe der Zeit veränderte sich sein ganzes Wesen. Aus dem fröhlichen Flock wurde ein depressiver Hund. Vater, Mutter, Anneliese sprachen immer wieder darüber, was man eigentlich alles tun könne.

Doch alle schreckten vor dem letzten Schritt urück. Sprachen ihn nicht einmal aus. Eines Tages fragten Vater und Anneliese, wo denn der Hund sei. Die Mutter schwieg. Dann führte sie die beiden zu einem Haufen frisch ausgehobener Erde in dem kleinen Garten.

Auch ich vergoß bittere Tränen, als ich von Flocks Ende in Marburg las. Und das nicht nur einmal. Nein, für die Mutter gab es keine andere Wahl.

© Martin Krolzig