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8.4.23 Karfreitagszauber

Natürlich haben wir gelacht. Nicht lauthals oder gar schenkelklopfend. Jeder der drei Krolzigs lachte auf seine Weise.

Bei den Krolzigs in Niemegk war der Karfreitag klar strukturiert. Am Vormittag Gottesdienst mit Abendmahl. Da predigte der Vater. Anschließend sprach er die Einsetzungsworte. Dabei hob er Brot und Kelch in die Höhe. Jedem, der danach vor den Altar trat, legte er die Oblate auf die Zunge, danach führte er mit leichter Drehung den Kelch an den Mund.

Am Nachmittag übertrug der Rundfunk “Parsifal”, Bühnenweihefestspiel von Richard Wagner. So nannte der es in Abgrenzung zu seinen anderen Opern. Aufgeführt werden durfte es nach seiner Anordnung nur in Bayreuth. Ehefrau Cosima wehrte sich später erfolglos gegen die Aufweichung der Bestimmung. Beifall nach der Aufführung unterblieb, nicht nur in Bayreuth. Es blieb still. Wie in der Kirche.

Die drei Krolzigs saßen vor dem Empfänger mit dem magischen Auge. Jetzt ließ sich der Vater von der Mutter eine Stricknadel reichen. Eine von den langen, auf die die Maschen für Pullover gereiht wurden.

Die Ouvertüre begann. Andächtig zuhören konnte wohl keiner. Der Vater dirigierte die Musik aus dem Lautsprecher mit weit ausholenden Bewegungen. Dazwischen immer wieder Hinweise auf Wagners Motive z.B. Parsifal-, Grals-und Kundrymotiv. Der Junge dachte: Wie ein Gewebe.

Doch bevor Sie weiterlesen, sollten Sie sich das Vorspiel ohne die Unterbrechungen des väterlichen Dirigenten auf sich wirken lassen. Kann es sein, dass diese Musik lebenslange Spuren im Leben eines vorpubertären Jungen hinterläßt?

https://www.facebook.com/baystaatsoper/videos/parsifal-vorspiel-conductor-kirill-petrenko/977017272500814/

Die Musik rauschte an dem Jungen vorbei. Der Blick auf seinen dirigierenden Vater sagte ihm, dass dem das alles sehr wichtig ist. Jedenfalls ihm. Ganz anders seiner nüchternen Mutter. Der schien die ganze Wagnerei suspekt zu sein. Wenn der Vater auf dem Harmonium aus Wagners Opernrepertoir spielte – auswendig versteht sich – ging sie aus dem Zimmer.

Der Junge bekam mit, dass es Niemegk eine Dame gab, die von Mutter und Schwester nur Kundry genannt wurde. Im Parsifal heißt so die Verführerin, die aber auch gleichzeitig dem heiligen Gral diente. Sollte die schöne und liebenswerte Frau K., die den Jungen einmal auf ihre Apfelplantage mit den prächtigen Goldparmenen in der Nähe von Berlin mitgenomemn hatte, in Vaters Leben die Rolle einer Verführerin gespielt haben?

Der Junge hörte zu und verstand nichts. Vielleicht ging es ihm ähnlich wie jenem Toren Parsifal, als der auf den Gralsritter Gurnemanz traf? Der will wissen, woher er kommt, wer sein Vater sei, schließlich fragte er ihn nach seinem Namen. Auf jede Frage gab der die gleiche Antwort: Das weiß ich nicht. Gurnemanz wird zunehmend ungehaltener: Sag, was du weißt, denn irgendwas wirst du ja wissen.

Keine Ahnung, scheint dessen Antwort zu sein.

Parallel erzählt der von Leid und Schmerzen gezeichnete Gralspriester Amfortas von einem „heilgen Traumgesicht“. Darin die verheißene Rettung und Erlösung von allem Leid: “Durch Mitleid wissend, der reine Tor, harre sein’, den ich erkor”. Sollte der jetzt vor ihnen stehen?

Gurnemanz führt Parsifal („Mein Sohn zum Raum wird hier die Zeit“) zum heiligen Gral. Parsifal sieht sich das Spektakel mit Ritterschaft und Priester durchaus interessiert an. Doch er versteht nichts, weiß nichts, ahnt nichts. Vor allem aber stellt er die Mitleidsfrage nicht. Enttäuscht und verärgert weist Gurnemanz ihn hinaus. Die Erlösung muß warten.

Parsifal folgt über Jahre seinem Lebensweg. Dann steht er eines Tages wieder vor Amfortas und der leid- und schmerzensgeplagten Gralsbruderschaft. Parsifal, sich vor großen Schmerzen aufbäumend, wie es in Wagners Regieanweisung heißt, singt: „Und ich, ich bin’s, der all’ dies Elend schuf!“ Jetzt weiß er: Mitleiden heißt, Schmerz und Leid der anderen als die eigenen zu empfinden. Das bedeutet die Implusion von Beobachtungsstrategien aller Art aus der sicheren Distanz

Parsifal hat den heiligen Speer dabei, mit dem die Wunde von Amfortas wie in einer Art Homöopathie geheilt wird. Die Musik maccht das im berühmten Karfreitagszauber hörbar. Der Zuhörer spürt, wie die Natur erwacht, die Menschen Vergebung erfahren, übrigens auch Parsifal selbst („Erlösung dem Erlöser“). Er wird selbst zum Priester, der jetzt die Mutter aller Sakramente spenden kann. Er tauft Kundry.

Mehr Happy End geht nicht. Die Musik macht es hörbar. Da braucht es keiner Worte mehr.

https://www.google.com/search?q=parsifal+karfreitagszauber&client=firefox-b-d&source=lnms&tbm=vid&sa=X&ved=2ahUKEwiwq4LevJb-AhW-xgIHHSx9AVUQ_AUoAXoECAEQAw&biw=1290&bih=711&dpr=1.3#fpstate=ive&vld=cid:9905837e,vid:ezHQw5OCj4o

Wagners Bühnenweihefestspiel Parsifal gehört zu meinem zentralen väterlichen Erbe. Wiederholt habe ich die vier Stunden auf der Bühne der Düsseldorfer Rheinoper erlebt. Schon weil meine Frau die Partie eines der Blumenmädchen in Klingsors Zaubergarten übernommen hatte.

Parsifals Satz „Und ich, ich bin’s, der all’ dies Elend schuf!“ hat mich seit frühen Niemegker Tagen bis heute nicht losgelassen. Ähnlich wie Parsifal begriff ich auf einem langen, windungsreichen Lebensweg: Wer die Mitleidsfrage in einer konkreten Situation nicht stellt, egal aus welchen Gründen auch immer, ist für die entstandene Situation ohne Wenn und Aber verantwortlich: „Und ich, ich bin’s, der all’ dies Elend schuf!“ Gewiß, wir haben unsere Lektion gelernt, dass man nicht nur durch ein bestimmtes Tun sondern genauso auch durch ein Unterlassen schuldig werden kann. Wagner streicht jenes Man und ersetzt es durch Ich: „Und ich, ich bin’s, der all’ dies Elend schuf!“

Um das zu verstehen muß man nicht die Nähe Wagners zu buddhistischen Vorstellungen bemühen. Der Rücklick auf den Karfreitag-Vormittag reicht. In Johann Heermanns Choral „Herzliebster Jesus, was hast du verbrochnen “ heißt es in der 3. Strophe:

“Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?
Ach, meine Sünden haben dich geschlagen;
ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet,
was du erduldet”.

Wenn man die dann noch mit der Musik von Johann Sebastian Bach aus der Matthäus Passion hört, ist man bei der Boschaft des Karfreitags am Vor- und Nachmittag angekommen.

© Martin Krolzig