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15.2.21 Herr Grinda

Denkmal stiften

Bei uns zu Hause hieß er nur Herr Grinda.

Der Junge erinnert sich an den Volkspolizisten Grinda. In Uniform sieht er ihn in Niemegk an Fußes Ecke gegenüber der Tischlerei Schröder. Die Schirmmütze korrekt auf dem Kopf, die längliche Ledermappe mit den Papieren unterhalb des Koppels auf seiner rechten Seite. So ausgerüstet achtete er darauf, dass jeder am Stopschild hielt. Und zwar korrekt. Zu diskutieren gab es da nichts: Vom Fahrrad mit beiden Füßen absteigen und sich dann nach rechts und links umschauen. Der Volkspolizist Grinda schien vom Scheitel bis zur Sohle ein korrekter Ordnungshüter zu sein. Also genau so, wie es seine Vorgesetzten von ihm erwarteten.

Heute versuche ich, mich auch an sein Gesicht zu erinnern, aber unterhalb der Schirmmütze bleibt alles leer. Kein Blick, nichts. Seinen Vornamen habe ich damals bestimmt auch nie gehört. Alles Persönliche fehlt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich seinen Namen korrekt schreibe.

Bei Krolzigs und ein paar Gleichgesinnten sprach man nur von Herrn Grinda. Bei der Volkspolizei dagegen hieß er ganz sicher nur Genosse Grinda. Der Nachname machte die Person. In der Schule wurde der Junge wie alle anderen mit Krolzig angesprochen; die Mädchen dagegen mit ihrem Vornamen. Der Mathelehrer war immer Herr Schild und der Physiklehrer hieß stets Herr Vitze. Auch ihm private Gespräche mit Dritten. Das Herr markierte den Unterschied.

Herr Grinda – so viel ist sicher – wollte am späten Nachmittag des 17. Juni 1953 den Superintendenten Krolzig sprechen. Dringend. Nur wo?

Undenkbar, dass Herr Grinda ins Pfarrhaus auf den Kirchplatz gekommen wäre. Schon unter normalen Umständen schien das kaum vorstellbar. Jetzt hätte er an den russischen Schützenpanzern vorbeigemußt, die in der Auffahrt zur Kirche standen. Sie markierten mit ihren aufmontierten und schussbereiten MG das Ende des Protestes gegen den SED-Staat. Die Plakate über den verhängten Ausnahmezustand ließen niemandem im Unklaren, dass von Stund an nichts anderes galt als das Kriegsrecht der sowjetischen Besatzungsmacht.

Der Vater des Jungen, also der Superintendent Krolzig, befand sich nicht in Niemegk, sondern in Magdeburg. Das ließ Mutti Herrn Grinda ausrichten. Mit Vati und Mutti redete jedes Kind in Niemegk seine Eltern an. Ohne jeden ironischen Unterton. Nicht einmal als Fremdwort kannten wir Mama und Papa.

Der Junge erinnert sich noch genau an seine aufgeregte Mutter. Mal schnell in Magdeburg anrufen – eine Illusion. Einfach Herrn Grinda nur mitzuteilen, ihr Mann sei nicht da, ist ihr als Möglichkeit ganz bestimmt keine Sekunde durch den Kopf gegangen. Sie war die Gattin eines Pfarrers und Ehefrau eines Superintendenten. Sein Amt hatte sie mitgeheiratet. Das hielt genauso lange wie das Trauversprechen „bis das der Tod euch scheidet“. Daran gab es für sie nichts zu rütteln.

Das galt nicht nur im Blick auf das sog. geistliche Amt. »Frau Fleischermeister…« Was heute nur noch komisch erscheint, prägte über Jahrhunderte das Berufsverständnis. Die Übernahme eines Amtes endete auch nicht mit der Pensionsgrenze. Was noch heute für die Richterinnen und Richter des Supreme Courts in den USA zutrifft.

Ob Frau Fleischermeister Müller auch so angeredet werden wollte, glaube ich eher nicht. Mein Vater dagegen bestand darauf, mit seinem Titel angesprochen zu werden. Schon den Konfirmanden gegenüber verlangte er mit »Herr Superintendent« angeredet zu werden, wofür ich mich schämte. Ließ einer mal den Titel weg und sprach ihn nur mit »Herr Krolzig« an, so erfuhr er: Herr Krolzig lebt in Frankfurt; das zielte auf seinen Bruder, der ein tüchtiger Kaufmann, aber eben kein Amtsträger war.

Meine Mutter lehnte es konsequent ab, mit Frau Pfarrer oder gar Frau Superintendent angesprochen zu werden. Obwohl es ihr Mann gerne gesehen hätte. Als einmal unser Hund bei klirrender Kälte tagelang weg war und wir uns schon mit seinem Ende abfinden wollten, fanden ihn Kinder in einer Kiefernschonung und sagten sich, was sie uns stolz berichteten, als sie das bibbernde Häufchen Elend ablieferten: „Det ist doch Frau Krolzig ihr Hund.“

Also traf sie sich mit Herrn Grinda. Wo, das berichtete sie später nicht. Umso genauer aber, was ihr Herr Grinda sagte. Er hätte im Volkspolizeikreisamt mitbekommen, dass einer unserer Lehrer, der an den Protesten in Belzig teilgenommen hatte, am nächsten Tag verhaftet werden sollte. Was das unter dem Vorzeichen des verhängten Kriegsrechtes bedeuten würde, könne sie sich denken. Die Chance für den Lehrer bestehe darin, umgehend zu fliehen und sich nach Westberlin durchzuschlagen; Mutti solle ihn um des Himmelswillen warnen.

Was sie denn auch tat. Doch der zeigte sich mißtrauisch. Von Dankbarkeit keine Spur. Woher sie das denn so genau wisse? Vielleicht wolle man ihm ja eine Falle stellen, um ihn als Staatsfeind entlarven zu können!

Ich bin mir sicher, dass meine Mutter den Begriff Quellenschutz nicht einmal kannte. Auch Amtsverschwiegenheit wäre zu weit hergeholt. Aber Beichtgeheimnis passte. Denn Herr Grinda hatte ihr unter dem die drohende Gefahr für den Lehrer mitgeteilt. Beichtgeheimnis stand auch für sie, die Pfarrfrau, genauso unverrückbar fest wie für ihren Mann. Auch Herr Grinda baute selbstverständlich darauf. Er musste nicht einmal erwähnen, dass Mutti bei ihrer Warnung seinen Namen aus dem Spiel lassen solle.

Undenkbar. dass sie dem Lehrer gesagt haben könnte, machen sie, was sie wollen. Ich jedenfalls habe sie gewarnt. In ihrem späteren Bericht im Kreis der Familie sprach sie nur davon, dass sie dem Lehrer dringend geraten hatte, zu fliehen. Vielleicht sogar noch verstärkt durch ein „Bitte“. Da fiel endlich der Groschen, wie man in Niemegk sagte.

Über Umwege erreichte uns Tage später die Nachricht, dass er es nach Westberlin geschafft hatte. Gehört haben meine Eltern in späteren Jahren nie etwas von ihm.

Alle Beteiligten sind inzwischen verstorben. Der Lehrer, meine Mutter, Herr Grinda. Nur Niemegk hat bis heute kein Denkmal für ihn gestiftet.

© Martin Krolzig