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16.12.18 Ernste Gesänge

Hier wirst du mindestens noch zweimal stehen. Meine Begleiterin fühlte sich bei den Worten erkennbar unbehaglich.
Es ist ein lauschiger Platz. Etwa 6 × 3 m. Eine alte Birke und vor ihr ein Rhododendronbusch verstellt den Blick auf einen anderen Querweg. Davor ein paar Azaleen umgeben von grober Kiefern-Borke. Dazwischen drei Feldsteine.
Auf dem größeren steht Erika Krolzig, geborene Trüstedt, 1905 – 1993. Doch darunter liegt sie nicht. Bestattet wurde sie vor über 20 Jahren 100 m weiter in einem Reihengrab. Einmal bekam ich von der Friedhofsverwaltung eine Aufforderung, mich innerhalb einer gesetzten Frist um die Pflege des verwilderten Grabes zu kümmern.
Die Ruhefrist endete im Frühjahr 2018. Was danach mit dem Stein geschehen soll? Den Dingen ihren Lauf lassen, d.h. ihn durch die Verwaltung abräumen und schreddern lassen?
Auf dem deutlich kleineren Stein ist zu lesen Günter Krolzig, 1903-1979. Doch auch der ist hier nicht bestattet. Beerdigt wurde er unweit seiner letzten Wohnung in Nümbrecht. Obwohl ich die Trauerfeier für ihn gehalten hatte, habe ich sein Grab danach nie besucht. Was soll ich sagen. Es ergab sich irgendwie nicht, ich spürte auch keinerlei Bedarf.
Auch meine Mutter zog es nicht zum Friedhof. Sie gab einer Nachbarin hin und wieder Geld für die Grabpflege. Auch hier ist die Ruhefrist längst abgelaufen, das Grab selbst seit Jahren eingeebnet.
Es geht dem Menschen wie dem Vieh. Herr, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss. Wer die “Vier ernste Gesänge” einmal gehört hat, vergißt die zu Herzen gehenden Töne nicht mehr. Johannes Brahms komponierte sie nach biblischen Texten am Ende seines Lebens.
Irgendwann las ich, dass die alten Griechen vielfach sog. Kenotaphen errichteten. Also leere Gräber für Angehörige, die sie nicht beerdigen konnten. Der Tod auf dem Meer war für die Hellenen nahezu ein Normalfall. Die Menschen starben bei Seegefechten, verunglückten beim Fischfang, ertranken nach Kollisionen oder blieben, aus welchen Gründen auch immer, auf dem Meer verschollen. Die Angehörigen litten offensichtlich darunter keinen Ort zu haben, an dem sie der Toten gedenken konnten. Also schufen sie besagte Kenotaphen.
Da durchzuckte es mich wie von einem Blitz getroffen. Und du, sagte ich mir, hast dich nicht um die Grabstätte deiner Eltern gekümmert. Aus der Scham erwuchs ein Entschluss. Ich erwarb auf dem Strümper Friedhof einen Dreierplatz. Auf dem ist jetzt Raum für die Gedenksteine an die Eltern.
Der für meinen Vater stammt aus Rädigke, seiner ersten Pfarrstelle im Fläming. Bei einer weiteren Reise ins Brandenburgische suchte ich gezielt noch einen weiteren. Den brachte ich zum hiesigen Steinmetz, schrieb ihm den Spruch auf und sagte: bitte mit goldener Schrift. Warum denn nicht gleich mit Blattgold; irgendwie klang das patzig. Doch warum eigentlich nicht, sagte ich mir, denn das Gold sollte doch an den Hintergrund vieler Ikonen erinnern.
Zu lesen ist auf dem Fläming-Granit jetzt: Jesus bleibet meine Freude; darunter J.S. Bach. Wobei der Komponist nicht der Autor der Choralzeile ist. Doch gibt man die bei YouTube ein, listet die Plattform eine Reihe unterschiedlicher Instrumentierungen des Chores aus der Kantate auf. Für mich steht an erster Stelle die Klavierfassung mit Dinu Lipatti.
Seit einer Sendung im Klassikforum von WDR 3 kann ich, egal in welcher Fassung auch immer, den Choral nicht mehr hören, ohne mich nicht an den rumänischen Pianiasten und sein letztes Konzert zu erinnern. Das gab der 33 jährige am 16. September 1950 in Besançon.
Im Programm standen damals Bach, Schubert und Chopin. Lipatti litt schon länger an Lymphogranulomatose. Kortisol, das damals einzige wirksame Mittel gegen die Krankheit, konnte er sich nicht leisten. Berühmte Musiker besorgten es in den USA für ihn. Es schien ihm auch zu helfen. Doch irgendwann wirkte das Kortisol nicht mehr.
Den Klavierabend in Besançon gab Lipatti gegen den ausdrücklichen Rat seines Arztes. Schließlich war der Pianist so erschöpft, dass er Chopins 14. Walzer in As-Dur op. 34 Nr. 1 nicht mehr spielen konnte. Er brach das Konzert ab, verließ die Bühne und ließ ein irritiertes Publikum zurück.
Nach einem Moment der Sammlung begab er sich wieder aufs Podium. Er spielte in großer Ruhe aus der 147. Kantate von J.S. Bach in einer Bearbeitung der englischen Pianistin Myra Hess „Jesu bleibet meine Freude“.
Das war sein letztes öffentlich gespieltes Werk. Lipatti starb am 2. Dezember 1950. Das Stück selbst wurde damals leider nicht aufgenommen. Doch zwei frühere Fassungen kann man noch heute auf CD und bei Youtube hören.
© Martin Krolzig