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7.8.23 Novemberwende

For Sabine
Der 11. November 17.35 Uhr 1961 brannte sich in mein Leben ein. An dem Tag floh ich mit einem gefälschten franz. Pass über den Checkpoint Charly nach West-Berlin.

Der größten Gefahr setzten sich dabei westdeutsche Studenten aus, die damals im Gegensatz zu den West-Berlinern die Sektorengrenze passieren durften. Sie besorgten den Original-Pass und implantierten kunstvoll mein Foto.

Die Verbindung zu ihnen wiederumm hatten die Kirchenmusiker der Pfarrfamilie Hildebrandt hergestellt, die in der Bernauer Straße (“Versöhnungskirche”) direkt an der Sektorengrenze lebten. Seit Belziger Kirchenmusik-Tagen verkehrte man vertraut miteinander.

In einer Ostberliner Kneipe hatten wir uns verabredet. Nach einem Bier tauschten wir beim Herausgehen die Mäntel. In “meinem” steckte der Pass, ein Handvoll westdeutscher Münzen und ein alter Pariser U-Bahn Schein.

paar alte Pariser Metroscheine. Der westliche Chic sprang schon ins Auge, nur war das gute Stück zwei Nummern zu groß für mich. Ich fühlte mich wie eine Vogelscheuche. Egal. Es gab kein Zurück.

An der durch einen weißen Strich markiertern Sektorengrenze standen sich in den Tagen in einem Abstand von wenigen hundert Metern sowjetische und amerikanische Panzer gegenüber. An einen mußte ich mich zitternd lehnen, als ich es geschafft hatte.

Als erstes erfolgte der Rücktausch der Mäntel und die Abgabe des Passes, Mit dessen Hilfe sollten noch weitere Flüchtlinge in den Westen gelangen. Mein DDR-Dokument konnte ich natürlich nicht mitnehmen. Alles, was ich besaß. trug ich auf dem Leibe.

Als erstes fuhr ich mit dem Bus zu meiner Großmutter nach Steglitz. Das Geld dafür schenkten mir noch die Studenten, die auf ihren gelungenen Coup zu Recht stolz waren.

Bei den Behörden ließ ich mich als Flüchtling registrieren. Da bekam ich auch eine Erstausstattung wie Zahnbürste und Rasierzeug.

Dann fuhr ich zum Zoo. Auf dessen Rückseite lag die andere mir vertraute Anschrift. In der Jebenstraße 2 befand sich das Konsistorium der Berlin-Brandenburgische Kirche. An der Spitze mit dem Bischof Otto Dibelius. Er selbst, Glied der Bekennenden Kirche unter den Nazis, hatte Senta Maria Klatt, die im Nationalsozialismus als „Halbjüdin“ verfolgt wurde, als seine persönliche Sekretärin eingestellt. Vielen galt sie als die eigentliche Führungsfigur im Hause. Sie residierte in der obersten Etage bei stets geöffneter Tür. Auch mein Vater pflegte im Treppenhaus stets besonders leise zu sprechen…

Persönlich kannte ich hier niemand. Oft hatte ich unterhalb der mächtigen Treppe auf meinen Vater gewartet. Da fühlte ich mich als Teil seines Lebens. Jetzt war er für seinen Zwanzigjährigen unerreichbar, aber sein Haus stand mir offen. Das war die Kirche. So sah ich das. Kirche als Netzwerk würde man heute sagen.

Einen Pförtner gab es nicht. Also stieg ich zum ersten Mal die imposante Treppe zur 1. Etage hinauf und klopfte an eine Tür.

An seinem Schreibtisch saß Propst Martin Schutzka. Er hörte sich meine Geschichte an und überlegte mit mir, wie er mich unterstützen könne. Zu Abschluß schenkte er dem jungen Theologiestudenten das Neue Testament. Das hatte er wohl gerade für sich selbst gekauft.

Sie kennen die Frage, welches Buch man auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde. Wie aus der Pistole würde ich antworten. Dieses Neue Testament wäre es. Am Ende eines langen Lebens bin ich gewiß: Die Kirche schafft auch in vertikaler Richtung ein Netzwerk.

© Martin Krolzig