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23.6.23 Eierteilung
Das einzig ausgebrannte Grundstück in Niemegk gehörte Minna Muschert. Sonst blieb der Ort mit seinen 3000 Einwohnern ohne weitere Schäden. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass südlich von Potsdam die letzten Kämpfe des 2. Weltkrieges vor dem Fall Berlins tobten.
Die aus Richtung Wittenberg vordringenden sowjetischen Truppen trafen auf Reste der deutschen Wehrmacht unter General Wenck. Der zerschossene Kirchturm von St. Johannis, ausgebrannte Panzer auf Wiesen und Äckern sowie verlassene Schützengräben in den Wäldern legten davon Zeugnis ab.
Ein erster Schicksalsschlag traf Minna Muschert 1941. Da fiel ihr Ehemann Paul. An seinen Tod erinnert die Gedenktafel in St. Johannis. Mit Fug und Recht ließe sich nach dem Brand vom zweiten Akt einer Niemegker Tragödie sprechen.
Gerüchte schoben den Frauen, also Minna und der alten Mutter, die Schuld am Brand des Hauses in die Schuhe. Warum wohl die Russen gerade ihr Haus und nur dieses in Brand steckten? Bekamen die Soldaten nicht oder nicht schnell genug was sie wollten?
Jedenfalls saßen Minna, ihre beiden Kinder sowie die alte Mutter, auf den verkohlten Resten ihrer Landwirtschaft. Alles Klagen und Jammern half nichts: Die beide Kühe mußten gemolken, das Schwein gefüttert und die wenigen Hühner eingefangen werden. Doch am dringendsten fehlte ein schützendes Dach.
Die vier Krolzigs waren in Richtung Elbe geflohen. Weit kamen sie nicht. Sie blieben im sowjetischen Vormarsch stecken. Von ihren Erlebnissen sprach die Mutter erst Jahrzehnte später zu ihrem Sohn. Jedenfalls kehrten sie einige Tage später nach Niemegk zurück. Das Wohnhaus war geplündert, Schränke umgeworfen, Truhen durchwühlt und, wie der kleine Sohn empört feststellte, jemand hatte in die Badewanne geschissen und sich den Po mit seinem Nachthemd abgewischt.
Das ausgebrannte Gehöft der Muscherts und das Pfarrgrundstück stießen auf der Rückseite aneinander. Zeit für längere Überlegungen gab es nicht. Die vier Muscherts zogen bei uns ein. In der unteren Etage wurden zwei Zimmer für sie geräumt. Man kannte sich und lebte neben- und miteinander.
Hof und verschiedenen Ställe hinter dem Pfarrhaus standen schon lange vor dem Krieg über leer. Die Pfarrer der letzten Jahrzehnte nutzten sie nicht mehr. Ihre Einkünfte langten schon länger, um eine Familie zu ernähren. Für die vier Muscherts ein Glücksfall.

Minna Muschert mit dem Autor auf dem Mistwagen
Die Ställe füllten sich mit Leben. Schnell begriffen auch die Krolzig‘s, dass sie tierisches Eiweiss selbst produzieren müssen. Auf die Marken der Lebensmittelkarten gab`s nur selten etwas. In Wegners Laden suchte man Eier vergeblich. Dafür stand dort ein Faß mit Salzheringen, die kaum jemand kaufte. Tagelang mußte man sie wässern und dann rochen sie immer noch.

Stolz auf seinen ersten Titel. Man nannte ihn Mistbauer

Der Mist ist weg, am Rathaus vorbei
Die Umstellung mußte die in Berlin aufgewachsene Mutter allein bewältigen. Hühner, eine Ziege, ein schwer zu melkendes Milchschaf, bald auch ein Schwein sowie Kaninchen, die immer wieder vor dem Schlachten an Durchfall starben, lebten schiedlich-friedlich neben den Muschert -Tieren.
Nur an den Hühnern entzündeten sich ständige Auseinandersetzungen. Sie scharrten und fraßen wohl zusammen auf dem weiträumigen Hof. Äußerlich konnte man die Tiere in Muscherts und Krolzigs halbwegs unterscheiden. Nur – wem gehörten die Eier in den Nestern? Die Legeleistung der alten Hühner war ohnehin gering. Manche waren auch krank. Verkalkte Füße mußten mit Salbe behandelt werden, die man zum Glück bei Apotheker Rose bekam.
Mutter hatte die rettende Idee: Eier tasten. Also gingen die beiden Frauen frühmorgens in den Hühnerstall; die eine als Täterin, die andere als Zeugin. Da saßen die Tiere noch auf der Stange. Mutter schnappte sich eine nach der anderen und schob den Finger in den Hühnerpo. Gerne werden die beiden Zweiner das nicht gehabt haben. Aber es half alles nichts. Stieß ihr Finger auf etwa Hartes war klar, dass man heute mit einem Ei rechnen durfte. Spürte der Finger dagegen nur warme Hühnerscheiße mußte die Eierhoffnung auf einen der nächsten Tage verschoben werden.
Zwischen den beiden Frauen gab es jedenfalls von stundan keinen Streit mehr.
Beim morgendlichen Muckefuck lautete nach dem Tischgebet die erste Frage: Wie viele Eier gibt es heute? An ein Frühstücksei dachte dabei niemand. Mal ein Rühr- oder Spiegelei (bei uns Setzei genannt) nahm in der Niemegker Frühzeit den Platz eines Sonntagsbratens ein.
Anfang der achtziger Jahre suchten wir im Umkreis von Düsseldorf ein Grundstück. Meine Frau und ich durchforsteten wochenlang Anzeigen. Nichts passte. Doch dann elektrisierte mich ein Angebot, das mit den Worten schloß: »… ein Hahn und fünf Hühner«. Als wir es sahen, war es Liebe auf den ersten Blick.
Die neuen Nachbarn meinten, wir hätten zu viel gezahlt. Doch das relativierte sich bald. In Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« schreibt der Autor: »Wie ein Flieger, der bis dahin mühsam auf der Erde entlang gerollt ist, sich plötzlich vom Untergrund abgelöst, so stieg auch ich langsam auf zu den schweigenden Höhen in der Erinnerung«.
Über all die Jahre blieb das Grundstück in der Rottfeldstraße nie hühnerlos. Bei meiner Mutter hatte ich in früher Kindheit gelernt, wie man sie schlachtet, ausnimmt und als Mittel gegen Erkältungen kocht. Nur Eiertasten musste ich nie.
© Martin Krolzig