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6.1.25 Römische Sünden
Franziskus hat sich als Antichrist geoutet. Schnörkellos und unmissverständlich. Man muß nicht Schaum vor dem Mund bekommen, wenn man das sagt. Auch Schnappatmung vernebelt eher die Sicht. Ruhig ausatmen und die eingetretene Lage analysieren, erweist sich als der bessere Weg.
Der gegenwärtige Papst steht wie alle seine Vorgänger auf dem Stuhle Petri unter dem Verdikt des Wittenbergers Dr. Martin Luther. Dessen 95 Thesen, 1517 in Latein an die Schloßkirche zu Wittenberg geschlagen, markieren nicht nur den Beginn der Reformation, sondern sind bis heute Orientierung und Maßstab. Zumindest für evangelische Christen.
Die erste These bestimmt Ton und Auftakt: “Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‘Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen’, wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei”.
Sie dürfen sich natürlich fragen, ob ich nicht das ökumenische Klima vergifte und in einer Art roll back in Frage stelle. Hatte es sich nicht so schön in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Zur Erinnerung: Martin Luther dichtete einen Choral mit dem Titel “Erhalt uns Herr bei deinem Wort” . Der erschien 1541. Er versah ihn mit dem Zusatz „ein Kinderlied (!), zu singen wider die zween Ertzfeinde Christi und seiner heiligen Kirchen, den Bapst und Türcken“. Der Choral findet sich noch immer im Gesangbuch, doch der Giftzahn wurde längst gezogen. Seit Jahrzehnten singen evangelische Christen “… und steure deiner Feinde Mord…” Nur in der Kantate (BWV 146, komponiert an 4.2.1725) des Luther-Verehrers Johann Sebastian Bach findet sich noch der ursprüngliche Text: “Erhalt uns Herr bei deinem Wort/und steur des Papsts und Türken Mord”.
Der römische Papst besitzt eine prominente Freundin, von der er selbst vermutlich noch gar nichts weiß. Die verbreitet ihre Botschaft an einem Ort , an man am wenigsten damit rechnet. Annette Zoch, so heißt sie, veröffentlichte am 3. Januar auf der Kommentarseite der “Süddeutschen Zeitung” einen Zweispalter unter der Überschrift “Echte Hoffnung”.
Zunächst fällt auf, daß sie immer von Kirche schreibt, aber die römisch-katholische meint, als gäbe es keine andere. Doch das nur am Rande. Im Zentrum des Kommentars steht das Heilige Jahr, das Franziskus ausgerufen hat. Man erfährt von Frau Zoch einiges über dessen Geschichte (alle 25 Jahre). Dann der Hammer: “Heute verspricht die Kirche allen Pilgern, die im Heiligen Jahr nach Rom kommen, Gottesdienst feiern, beichten und eben jene Pforte durchschreiten, einen vollständigen Erlass der Sündenstrafen”.
Annette Zoch bemüht sich mögliche Einwände durch Verharmlosung zu verniedlichen. Alles “Brimborium” und “anachronistischer Zinnober” fragt sie sich und ihre Leser: “Überhaupt, Erlass aller Sündenstrafen – was soll das?” Als ob sie es nicht wüßte oder wissen könnte.
Dann versteigt sich die Kommentatorin zu der Erklärung, Franziskus selbst dürfte mit manchem Brimborium selbst fremdeln. In meinen Augen wirkt es immer peinlich, wenn Interpreten etwas besser zu wissen meinen als der jeweilige Autor. Frau Zoch, die Kurve bekommend, schreibt: “Doch er hatte dem Heiligen Jahr 2025 gerade in diesen Zeiten eine Bedeutung verliehen, und zwar eine politische”. Man müsse zu einem »Pilger der Hoffnung” werden, lesen wir da. Und auf den Gedanken, daß das alles eine PR-Aktion der Kurie ist, um dem sog. Heiligen Jahr den gewünschten Auftrieb zu verschaffen, auf den Gedanken kommt sie nicht?
Man will es kaum glauben. Mir geht an der Stelle das alte Arbeiterlied “Freund, reih dich ein, daß vom Grauen wir die Welt befrein” nicht aus dem Kopf. Oder kennen Sie jemand, der gegen die Hoffnung ist? Es ist der gleiche Trick, den auch Sahra Wagenknecht nutzt, wenn sie “Frieden” mit großen Aufstellern plakatieren läßt, aber die Unterstützung von Putins Ukraine-Agenda meint.
Frau Zoch macht sich noch für weitere Forderungen von Franziskus stark. Da lesen wir: “An Neujahr hat er – passend zum Erlassjahr – einen Schuldenerlass für arme Länder gefordert”. Auch setze er sich für eine “neue Finanzarchitektur”. Ja, ja, die Forderung könne in Teilen durchaus “unterkomplex” sein, aber grundsätzlich stimmt die Forderung eben doch.
Ich hingegen vermute (merke: es geht immer um die Kohle), der Papst hat vor allem die finanzielle Situation des Vatikans im Blick. Bekanntlich steht es mit der nicht zum besten. Da kommt das Heilige Jahr wie gerufen. Die erwarteten Pilgerströme werden bei minimalen Kosten viele Euros & Dollars in die Kassen spülen. So war es schon immer. Als zu Luthers Zeiten der Dominikaner Johann Tetzel im benachbarten Jüterbog sein “Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt” predigte und man in Wittenberg auf die Barrikaden stieg, galt es den Bau des Petersdom in Rom zu finenzieren.
In Luthers Prioritätenliste fehlt jede Schärfung des Sündenbewußseims der Gläubigen Im Gegenteil. An seinen klugen & gescheiten Mitstreiter Philipp Melachton, womit wir bei dem wären, schrieb er pecca fortiter. Auf Deutsch: “Sündige stärker”. Denn wenn man kräftiger sündigt, die Logik des Reformators, wird die Gnade um so mächtiger. Die wiederum steht im Zentrum seiner Theologie. Mit dem schönen Ergebnis: “Aus einem verzagten Arzt kann kein fröhlicher Furz kommen”. Wer wollte dem widersprechen?
Wenn ich gegen Ende auf Goethes römische Sünden verweise, muß man nicht zu seiner voluminösen “Italienischen Reise” greifen. Geglättet & geschönt verfaßte er sie erst Jahrzehnte nach seinem Aufenthalt am Tiber. Darin viel Kunst und wenig Leben. Von dem berichtet dagegen Roberto Zapperi in dem schmalen Band “Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom” von 1922 bzw. 2022. Der Italiener fand in seiner detektivischen Studie heraus, warum der Weimarer Aussteiger verdeckt unterwegs war
In Rom lebte er in einer Art WG zusammen mit dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Der skizzierte seinen Zimmergenossen in allen mögliche Situationen. So entstand u.a. die Zeichnung “Das verfluchte zweite Kopfkissen”. Das liegt auf dem Bett des Dichters in Erwartung einer jungen Frau. Doch die kam nicht. Wohl, weil sie den Braten gerochen hatte. Goethe hoffte auf schnellen Sex, die Dame dagegen wollte geheiratet werden. Also blieb sie zu Hause.
Zapperi fand sowohl den Namen dieser als auch die der anderen Frauen heraus. Unter ihnen die, bei denen der Rompilger schlussendlich doch noch auf seine Kosten kam. Wenn ich das einmal so ausdrücken darf.
© Martin Krolzig