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22.1.23 Anzeigenecho

Auf die Anzeige zum 120. Geburtstag meines Vaters erhielt ich ein vielfätige Echo. Darunter den Anruf von H., einer früheren Klassenkameradin. Ob ich wüßte, dass Edeltraut Hansen einen streng geheimen Englischunterricht erteilt habe? Nein, daß war mir nicht bekannt. So sei denn die Geschichte hier erzählt. Dazu muß ich etwas ausholen.
Zweimal findet sich in St. Johannis sein Name in Stein gemeißelt , zweimal wird seiner in der Niemegk Kirche für alle Zeiten gedacht: Dr. Ernst Hansen. Einmal unübersehbar unter den Gefallenen des Jahres 1943, dann eher unauffällig auf der unteren Rückseite des steinernen Lesepultes. Da liest der Besucher: „In Memoriam Pfarrer Dr. Ernst Hansen gefallen 5. Mai 1943“. Sein Nachfolger im Pfarramt, also mein Vater, sorgte Anfang der Fünfziger Jahre für die Zeile.
Seit der Taufe in der eiskalten Kirche in Rädigke im Februar 1941 zählte Edeltraud Hansen zu meinen Paten, Ehefrau von Dr. Ernst Hansen, Pfarrer in Niemegk. Anfang 1941 konnte man sich noch der Illusion hingeben, dass es mit dem Krieg im Osten bald vorbei sei. Doch 1943 zerstörte die brutale Wirklichkeit jedwede Hoffnung. Am 2. Februar 1943 siegte die Sowjetunion an der Wolga. Die verheerenden Nachrichten schlugen wie das Feuer aus einer Stalinorgel überall ein.
Die Hansens lebten mit ihren zwei kleinen Töchtern im Niemegker Pfarrhaus. Natürlich mietfrei. Die Bestimmungen sahen vor, dass nach dem Tode eines Pfarrers die Familie innerhalb eines halben Jahres die Dienstwohnung zu räumen habe.
Gerne wüßte ich mehr über die Zeit. Doch sie bleibt im Dunkeln. Doch es gibt ein paar Lichtblicke. Die drei Hansens zogen in die Jüterboger Straße. Und: Der geheime Englischunterricht von Edeltraud Hansen, von dem noch zu berichten sein wird, fand im Pfarrehaus statt.
Edeltraut Hansen wurde Lehrerin. Auch meine. Auf den ersten Blick prägten sich mir zwei Eindrücke ein. Ihr zugewandtes Lächeln und ihr Humpeln. Verursacht durch einen Klumpfuß und mußte entsprechende Schuhe tragen. Doch je länger man sie kannte umd so weniger nahm man das wahr. Heute frage ich mich neben vielem anderen, ob sie nicht unter ständigen Schmerzen litt.
Tante Hansen, so nannte sie der Junge, unterrichtete Deutsch. Ihre Tochter Irene befand sich in der gleichen Klasse. Das schlanke wie sportliche Mädchen trug die Ausstrahlung ihrer Mutter in die nächste Generation. Genau wie deren strategische Zielstrebigkeit, sage ich mir heute.
Auf welch gefährliches Gebiet sich unsere Lehrerin begab, begriff ich durch die Geschichte von H. Die ehemalige Klassenkameradin berichtete mir von einem geheimen Englischunterricht. Zu dem lud Edeltraud Hansen besonders Schüler sein. Der illustre Kreis bestand nur aus Mädchen. Gewiß gehörte Irene zum kleinen Kreis der Auserwählten.
Lenins Mahnung „Lernen, lernen, nochmals lernen“ hing als Spruchband in allen Klassenzimmern. Lernen hieß für den Bereich der Fremdsprachen ausschließlich Russisch lernen. Nur woher die Russischlehrer in der sowjetischen Besatzsungszone bzw. der frühen DDR nehmen? Also wurden Junglehrer an die pädagogische Front geworfen.
An die Robert-Kochschule in Niemegk erschienen Fräulein Schrock und Fräulein Mischke.
Eines Tages stand auf der hinteren Ladeklappe eines Angängers von Bauunternehmer Sch. „Fräulein Schrock hat geborn einen Iwan ohne Ohr“. Auf einem anderen war zu lesen: „Fräulein Schrock, heb den Rock, Herr Gmeiner war der Bock“. Da tat sich für den Lehrer ein Mininfeld auf. Einen Vaterschaftstest gab es noch nicht einmal als Begriff. Also hieß es abwarten, bis ein Blick in den Kinderwagen allen zeigt, der Vater kann nicht streiten, wie das positive Testergebnis auf niemegk’sch hieß. Fiel das hingegen negativ aus, war der Fall auch erledigt. Auch im Fläming kannte man kollektive Entscheidungsprozesse. Doch die brauchen Zeit.
Auf deren Ausgang mußte Gmeiner in seinem Fall nicht lange warten. Im sozialen Netzwerk von Niemegk verbreitete sich nämlich die Nachricht, dass der Bauunternehmer und Besitzer der Anhänger selbst der Erzeuger gewesen sei.
Heinz Vitze sorgte für den nächsten Aufreger in der Kleinstadt mit seinen 3500 Einwohnern. Der beliebte Lehrer für Chemie und Physik wolle die 16 bzw. 17jährige Tochter des angesehenen Bauern S. heiraten. Bald gab es eine große Hochzeit, die Braut zog im langen weißen Kleid mit der Hochzeitgesellschaft durch das Spalier der Niemegker in Richtung Kirche. Ich, der den Spitznamen Pasta trug, mitten unter ihnen. Durch deren geöffnete Türen konnte man schon die Orgel hören. Der Pfarrer, also mein Vater, traute die beiden. Das Spalier ordnete sich für den Auszug, als sich die Türen öffnete und das strahlende Paar hinaustrat. Was Vitzes Renomee steigerte, blieb im Schulalltag ein Intermezzo.
Hier mußte sich Fräulein Mischke bewähren. Sie unterrichtete Russisch. Auf den Jungen wirkte sie freundlich, auch ein wenig schüchtern. Der eine oder andere wird bestimmt für sie geschwärmt haben. Sie aber mußte vor eine Klasse mit 13jährigen Jungen treten. Die sprangen in ihren Bänken auf und alle riefen den sonst nie benutzten Gruß der Jungen Pioniere „Seid bereit“. Worauf Fräulein Mischke wohl oder übel antworten mußte „Immer bereit“. Ich meine mich zu erinnern, dass sie leicht rot anlief. Schließlich machte die Autorität des Mathelehrers Schild dem Spuk ein Ende.
Russisch war alternativlos. Dem Sozialismus gehörte die Zukunft. Er würde im Weltmaßstab siegen. „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen, stand auf einem weitren Spruchband in den Klassenzimmerm“. Genau wie „Freundschaft mit der Sowjetunion – Herzschlag unseres Lebens“. Dagegen galt die vermeintliche Weltsprache als Sprache des imperialistischen Klassenfeindes. Was mit denen passierte, konnte man im RIAS Berlinoder der BBC heimlich hören.
Edeltraud Hansens hatte allen Grund vorsichtig zu sein. Wie mir H. erzählte, fand der geheime Englischunterricht im Pfarrhaus, also mein Elternhaus, statt. Ich selbst erinnere mich nicht daran, bekam wohl auch nichts mit, weil mich damals ganz andere Dinge interressierten als Fremdsprachen. Egal ob Englisch oder Russisch.
Ganz anders Irene, Edeltraud Hansens jüngere Tochter. Ihr späteres Leben spiegelte das wider. Doch das ist eine andere Geschichte.