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27.12.18 Die Botin

Den alten Findling vom Grab meiner Mutter hatte ich gerade mit einer Sackkarre auf seinen neuen Platz transportiert. Außer Puste japse ich nach Luft.

Die Totenruhe, oder nüchterner, die Nutzungsrechte der bisherigen Grabstelle waren nach 20 Jahren abgelaufen. Um den alten Stein vor dem Zerschreddern zu bewahren, hatte ich einen neuen Platz für drei Gräber gemietet. Diesmal für 40 Jahre.

Die Situation am späten Nachmittag entglitt mir. In dem Gefühl, allein zu sein, murmelt ich halblaut das Vater unser. So spontan machte ich es noch nie. Vielleicht, weil ich mich in dem Moment meiner Mutter besonders nahe wähnte? Obwohl Pfarrer, sprach ich bisher das Gebet Jesu nicht außerhalb des Gottesdienstes oder anderer Amtshandlungen.

Plötzlich sehe ich neben mir eine ältere Dame. Ich fühlte mich ertappt und begann irgendwas zu stottern. Bestimmt begleitet von einem roten Kopf. Die Frau, keine drei Meter neben mir, war plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht. Sie sprach Deutsch mit französischem Akzent. In Deutschland besuche sie immer Friedhöfe, weil die einen parkähnlichen Charakter hätten. In ihrem Heimatland gebe es da kaum mehr als häßliches Mauerwerk. Mein Einwand, und Per Lachaise? Der sei die große Ausnahme.

Übrigens spreche sie einmal täglich das Vater unser. Ich drehe mich um – die Frau ist weg.

Sollte sie? Im Alten Testament wird immer wieder von Menschen berichtet, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen, eine Botschaft ausrichten und genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwinden. Engel werden sie genannt. Allerdings würde man an ihnen vergeblich Flügel, Federn oder vergleichbare Ausstattungsmerkmale suchen.

Ich wurde mir immer sicherer: Die Französin auf dem Strümper Friedhof – ein himmlischer Bote für mich. Das machst du von jetzt ab auch, sagte ich mir. Seitdem spreche ich jeden Tag einmal das Vater unser.

Am nächsten Tag beim Abendspaziergang. Kein Mensch weit und breit am Latumer Bruch. Nur Felder auf der einen Seite und auf der anderen der Wald, schwarz und schweigend. Da begann ich ziemlich laut zu sprechen, Vater unser… Das klang jetzt schon vertrauter, die einzelnen Bitten kamen zügig. Gegen Schluss wurde meine Stimme kräftiger, … Ein Gefühl der Erhabenheit trug mich empor. Und weil es so schön war, begann ich gleich noch einmal von vorne. Wieder laut und noch kräftiger. Ich hatte das Gefühl, freier zu atmen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. Eine Aneianderreihung von Hauptsätzen. Stilkundige bescheinigen denen eine durchschlagende Wirkung. Jedenfalls im Deutschen.

Den Urtext des Vater unsers kennen wir nicht. Jesus predigte und betete Aramäisch. Längst gehört es zu den toten Sprachen. Schriftliches hinterließ der Nazarener genauso wenig wie Sokrates.

Die älteste auf uns überkommene Fassung des Gebetes Jesu ist Griechisch. Auch die ist erst Jahrzehnte nach Jesu Tod aufgezeichnet.

Es gibt zwei Fassungen im Neuen Testament. Eine längere bei Matthäus, die kürzere bei Lukas. Die Schlußzeile… denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit… steht in Klammern. Die Doxologie, wie Theologen sie nennen, ist offensichtlich ein späterer Zusatz. Interessant, aber letzlich egal. Stimmt ja alles.

Wer einmal täglich das Vater unser betet, macht alles richtig. Es ist der Glutkern des Glaubens. Mehr bedarf es nicht, um Christ zu sein. Regelmäßiger Kirchgang ist nicht heilsnotwendig, auch keine Glaubensakrobatik. Kirchensteuer muss auch nicht berappt werden. Genauso wenig wie Überweisungen an Hilfsorganisationen und schon lange keine Internet-Tiraden gegen unmoralische Zeitgenossen.

Jesus von Nazareth nannte Gott seinen Vater. Wer wie Jesus betet, fühlt Gottes Nähe. In God we trust. Beten wie Jesus – det isset, wie der Niemegker in mir sagt.

Machen Sie die Probe aufs Exempel. Sprechen Sie laut „Vater unser“ und versuchen Sie mal parallel dazu an etwas anderes zu denken. Es funktioniert nicht. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Es geht nur eins. Deshalb: Wenn es im Herzen eng zu werden droht (Infarktrisiko!), einfach und langsam sprechen Vater unser… Dabei können Sie nur ausatmen. Bekanntlich ist das die schnellste und beste Reaktion auf Stress.

© Martin Krolzig