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15.2.25 Blaupause
Jener Schlacht 490 v. Chr. nach deren Ende sich ein Läufer auf den knapp 40 Kilometer langen Weg nach Athen machte, wo er, nach dem er seine Botschaft νενικήκαμεν „Wir haben gesiegt“ ausgerichtet hatte, tot zusammenbrach.
Die Schlacht bei Marathon ist Teil einer Blaupause für den Sieg Europas über die barbarische Macht aus dem Osten. 490 v. Chr. landete ein persisches Expeditionskorps in Attika, um die aufmüpfigen Hellenen zu unterwerfen. Doch griechische Kräfte unter Führung des Atheners Miltiades bereiteten den sieggewohnten Truppen des Großkönig Dareios I. eine schwere Niederlage.
Damit begann eine jahrelange Auseinandersetzung. In den sog. Perserkriege stand ein Bündnis griechischer Stadtstaaten dem Feind aus dem Osten- gegenüber. Über Zusammenhänge und Einzelheiten berichtet Herodot (490/480 bis 430/420 v. Chr.), den Jahrhunderte später der Römer Cicero als den Vater der Geschichtsschreibung bezeichnet. Nach den homerischen Epen Ilias und Odyssee bedeutet das einen neuen Ansatz. Wir erfahren von Herodot Einzelheiten über den Aufstieg des östlichen Imperiums genauso wie über Gegenwehr und Selbstbehauptung der vereinten Griechen. Der Mann aus Halikarnassos arbeitet als Völkerkundler und Geograph. Er kannte alle Länder aus eigener Anschauung, über die er in seinen Historien schreibt.
In einem ersten Schritt wagten die kleinasiatischen Griechen den Aufstand gegen die Barbaren. Die Perser, denen sie tributpflichtig waren, grollten und wollten ihrerseits die griechischen Stadtstaaten als Vasallen unterwerfen. Damit war ein Krieg unausweichlich. Nach der Schlacht von Marathon und schließlich der Vernichtung der persischen Flotte bei Salamis 490 v. Chr. errangen die Hellenen nach jahrelangen Kämpfen den endgültigen Sieg über die Perser bei Plataia im Jahre 480/479.
Doch bis es so weit war, mußten sich die Hellenen für die zu erwartenden Auseinandersetzungen erst einmal kriegstüchtig machen. Dazu gehörten als Erstes der Wille und zweitens die Fähigkeiten. Und ja, auch viel Geld. Also aufrüsten zu Land und zu Wasser. Politiker bemühten sich mal mehr, mal weniger erfolgreich, die Programme durchzudrücken. Militärisches Führungspersonal aus Sparta und Athen prägte die Szene. Die späteren Kämpfe führten zu hohen Verlusten. Herodot berichtet von vielen tausenden Toten. Zweimal wurde Athen selbst von den Persern erobert und verwüstet.
Und Herodot recherchierte. Einer seiner Gewährmänner ist der spätere Tragiker Aischylos (525 v. Chr. bis 456), dessen “Die Perser” noch heute zur Aufführung gelangt. In dem Drama verarbeitet er seine eigenen Erlebnisse. Als Soldat nahm er 490 v. Chr. an der Schlacht von Marathon teil. In der fiel auch sein Bruder Kynaigeiros. Nach der Zerstörung seiner Heimatstadt Athen im Jahre 480 v. Chr. kämpfte Aischylos auf einem der griechischen Kriegsschiffe in der Schlacht von Salamis.
Bei dem griechischen Bündnis darf man durchaus an das heutige Europa denken. Einmal scheinen die Helenen geeint, dann wieder heillos zerstritten. Auch Drückeberger und Abtrünnige gab es, die nur ihren egoistischen Interessen folgten. Auch damals schon gab es Politiker vom Schlage eines Orbán oder Fico. Doch letztlich wußten alle, daß sie nur auf sich selbst gestellt sind. Woher sollte auch Hilfe kommen. Vom Westen hatten die vereinten Europäer an Attikas Gestanden nichts zu erwarten. Nach den Säulen des Herakles, also jenseits von Gibraltar gab es nichts als den unendlichen Ozean. Einer Überlieferung zufolge brachte der anike Held am Ausgang des Mittelmeeres die Inschrift „Nicht mehr weiter“ an, um das Ende der Welt zu markieren. Die lateinische Version des Spruches lautet “Non plus ultra”.
Doch ein Stichwort möchte ich noch aufgreifen: Die Thermopylen. Bei jener schmalen Gebirgsenge. kämpften Spartaner unter Leonidas gegen die in immer neuen Wellen andrängenden Perser. Unter ihren vielen Toten befanden sich auch zwei Brüder des Großkönigs Xerxes. Der Stratege Leonidas wußte seinerseits, daß ein Rückzug die Vernichtung des hinter ihnen liegenden griechischen Hauptheeres bedeuten würde. So beschloss er, mit seinen 300 Spartanern den Engpass so lange wie möglich zu halten. Alle Spartaner fielen. Doch ihr Ruhm strahlt bis in unsere Gegenwart.
Ich selbst lernte zu DDR-Zeiten im Griechischunterricht von einem pensionierten Griechischlehrer am kirchlichen Proseminar zu Dahme/Mark:
«Ὦ ξεῖν᾿, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῇδε κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι.»
So steht es bis heute auf einer Inschrift zur Erinnerung an Leonidas und seine gefallenen Spartaner am Ort des Geschehens. Ende des 19. Jahrhunderts gruben Archäologen die Überreste der Gefallenen aus.“Sag, Fremdling, zu Sparta, du habest uns hier liegen sehen, wie wir die heiligen Gesetze des Vaterlands befolgten” hielt der Römer Cicero fest.
„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.“ So Jahrhunderte später der Deutsche Friedrich Schiller.
Angenommen, ein Gymnasiallehrer hätte heute den Mut, über die Geschichte im Unterricht sprechen. Er müßte sich nicht nur auf Gegenwind einstellen, sondern sich auch auf die Frage vorbereiten, wie denn die toten Spartaner da lagen. Nach Kurzer Bedenkzeit: Natürlich auf dem Rücken. Denn lägen sie bäuchlings auf dem felsigen Untergrund Attikas, wäre das ein Zeichen, daß sie versucht hätten zu fliehen. Ein No Way für die antiken Kämpfer.
Können Sie sich vorstellen, daß eine deutsche oder europäische Kaserne heute den Namen des Spartaners Leonidas verliehen bekommt? Jedenfalls wäre dann die Zeitenwende an ihr erstes Ziel gekommen.
© Martin Krolzig