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17.7.23 Eine Große

Als Konfirmandin in Rädigke, fotographiert von ihrem Vater

Anneliese liest in allen Lebenslagen
Die elfeinhalb Jahre ältere Schwester nannte der Junge die Große. Der Mutter sagte er einmal: Mit Anneliese diskutiert ihr und ich bekomme gleich nen Schlag hinter die Ohren.
Was sollte die Dreiundzwanzigjährige auch mit einem Bruder anfangen, der noch in seiner Spielzeug- und Bolzwelt lebte, sage ich mir heute. Spätere Annäherungenschancen fielen aus, weil ich Im November 1961 in den Westen floh.

Anneliese lebte seit Mitte der 60iger Jahre in Belzig zusammen mit der Kirchenmusikerin L. Ein Kreis von vertrauten Freunden umgab die Schwester.
Sie hätte mit den Eltern in die Bundesrepublik übersiedeln können, lehnte aber deren Vorschlag ab. Ihr muß klar gewesen ein, daß es für sie kaum einen neuen Anfang im fremden Westen geben würde. Erst als sie selbst das Rentenalter erreicht hatte, konnte sie die Eltern und mich im Westen besuchen. Doch ihre Heimat blieb Belzig.
Die Oberfläche zu durchstoßen gelang nicht mehr. Tauchte bei Anneliese überhaupt der Wunsch auf? Ich jedenfalls spürte ihn damals nicht. Dabei hätte es einen so schönen Anknüpfungspunkt wie die Harzreise von 1952 gegeben, sage ich mir heute.
Am Ende ihres Lebens bekam Anneliese Krebs. In Potsdam wurde sie operiert. Hier besuchte ich sie. Von ihrem Tod und der Beerdigung wurde ich erst acht Tage später durch L. in Kenntnis gesetzt.
Ich bekam einen Erbschein. Danach holte ich einen Biedermeierschrank in Belzig ab. Ihr Zimmer zu betreten wurde mir von L. verwehrt. Dem fügte ich mich.
Eine Bekannte von Anneliese nahm mich zur Seite. Kurz vor ihrem Tod habe die ihr aufgetragen „Sag meinem Bruder, dass ich ihn sehr geliebt habe“. In mir zog sich alles zusammen.
Auch den alten Sekretär erhielt ich nicht. Bedauerlich bleibt der Verlust weiterer familiärer Erbstücke. Wie ich hörte, wurde alles verkauft und der Erlös zur Finanzierung des Reißiger Hauses verwandt. Wohl ohne die Spur eines schlechten Gewissens.
Ein Photoalbum mit Bildern aus meinem ersten Lebensjahr, dem mein Vater eine Widmung an Anneliese vorangestellt hatte, wurde nicht mir sondern dem Pfarramt in Rädigke übergeben. Auf Umwegen und eher zufällig erfuhr ich überhaupt von dessen Existenz.
Am schmerzlichsten bleibt der Verlust von Annelieses Korrespondenz insbesondere der Briefwechsel mit den Eltern. Entsorgt, weil auf dem Markt nicht zu verhökern?
Tempi passati. So der Berliner gutmütig und artikuliert damit seine sprichwörtliche Toleranz. Tempi passati. Der Satz hilft auch an dieser Stelle. Er taucht alles in ein anderes Licht. Sag meinem Bruder, dass ich ihn sehr geliebt habe.
Wie ein Puzzel passt am Ende alles zusammen. Zufällig fand ich Ende Juni 2023 mein altes Poesiealbum. Darin der unten stehende Eintrag aus dem Jahr unserer Harzreise 1952. Von Anneliese stammt übrigens der einzige wirkliche Poesie-Eintrag in dem Bändchen. Es ist die letzte Strophe aus Paul Gerhardts “Ist Gott für mich so trete gleich alls hinter mich”.
Ihre stilsichere Handschrift blieb bis an ihr Ende nahezu unverändert. Schon seit ihrer Belziger Schulzeit, wie ihr Heft mit den Schulaufsätzen belegt.


Mit ihrer Großmutter Meta, geb. Schöndau auf dem Balkon von deren Wohnung in Berlin-Steglitz, Munsterdamm 22. Der Dritte im Bunde ist der Fotograph, Sohn wie Vater

Anneliesens Stein (er stammt aus Rädigke) auf dem Strümper Friedhof. Hier ist sie wieder vereint mit ihren geliebten Eltern.
© Martin Krolzig