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28.11.23 Königin aus Rädigke

Gerne wüßte ich, in welchem Buch Elfriede blättert

Die Rückseite des Fotos
Der gestempelte Tag hält fest, daß der Junge an dem Tag seinen zweiten Geburtstag beging.
Im gleichen Jahr 1943 zog die Familie Krolzig nach Niemegk. Dort trat der Vater die Nachfolge des Pfarrers Ernst Hansen an, der im Osten gefallen war.
Vor Elfriede und ihrer Familie, zu der eine TB-kranke Schwester gehörte, sollten noch zwei friedliche Jahre liegen.
Ihrem Vater, meinem Patenonkel, den ich nur aus Berichten kenne, gehörte ein lanwirtschaftlicher Betrieb. Von dem herrschaftlichen Haus gegenüber dem Eingang zur Kirche existiert noch heute die Fassade an der Straße. Im günstigsten Fall steht sie unter Denkmalsschutz.
Die Königs besaßen etwas über 50 Hektor landwirtschaftlicher Nutzfläche. Die bestand vor allem aus Wald. Die Zahl brach ihm Frühjahr 1945 nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht und dem Untergang des Deutschen Reiches das Genick.
Die sowjetischen Besatzer, ihrer stalinistischen Ideologie folgend, mußten die Enteignungen gar nicht selbst vornehmen und sich dabei die Finger schmutzig machen. Sie leisteten nur vom Rande aus Schützenhilfe, wenn der aufkeimende Widerstand der Kulaken (so nannten sie die Großbauern) und ihrer Unterstützer zu groß wurde.
Das eigentliche Geschäft überließen die Sowjets anderen. Otto Grotewohl, Vorsitzender des Zentralausschusses der SPD erklärte am 14. September 1945 drohend, übrigens derselbe Grotewohl, der nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED, Miisterpräsidentent der DDR wurde:
„Die Politische Seite der Bodenreform ist die Beseitigung des verderblichen Einflusses der Junker auf die Geschicke Deutschlands. Durch Jahrhunderte war der Großgrundbesitz der Träger der Reaktion.“
Jetzt erfuhr man in den Dörfern, was die Herrschenden unter “Bodenreform” verstanden; sie hatten bei dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) gelernt, daß die “Wirklichkeit nicht mehr standhält, ist erst das Reich der Begriffe revolutioniert”.
Bald rückte man den “Junkern” zu Leibe und enteignete ihren Besitz. Ein LKW fuhr vor. In kurzer Zeit mußten die Königs die nötigsten Habseligkeiten aufladen. Wohin der sie fuhr wußte sie nicht. Die Familie wurde nach Piesteritz in der Nähe von Wittenberg verfrachtet. Im gleichen Stil wurden noch weitere Bauern in Rädigke enteignet.
Ihr Grund und Boden wurde an sog. Neubauern verteilt. Im Eilverahren errichtete man für sie Häuser plus integrierter Ställe für das Vieh. Ihre Siedlung vor dem Dorf in Richtung Niemagk hieß bei den Rädigkern Klein-Korea.
Jahrzehnte vergingen bis ich Elfriede im Haus meiner Eltern wieder begegnete. Die konnten als Rentner die DDR verlassen. Jetzt lebten sie im Einzugsbereich von Köln. Hier in Bierenbachtal traf ich beim Kaffee Elfriede und ihren Ehemann.
Stammte der aus der Gegend, doch vor allem, wie und wann ist Elfriede selbst in den Westen gekommen? Meine Eltern werden es natürlich in Erfahrung gebracht haben, doch ich selbst fragte weder sie noch die Königs-Tochter. Genauso wenig fragte ich nach ihrer Familie. Immerhin gehörte ihr Vater zu meinen Paten.
Es treibt mir noch heute die Schamesröte ins Gesicht, daß ich die “Mitleidsfrage” (Richard Wagners Parzifal) nicht stellte, ich der Pfarrer, der damls auch nicht mehr zu den Youngstern zählte.
Es gibt Zufälle, die keine sind: An dem Tag, an dem ich den Schluß dieser Geschte schrieb, lautete die Herrnhuter Losung “Gott, du kennst meine Torheit, und meine Schuld ist dir nicht verborgen” (Psalm 69,6).
© Martin Krolzig