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6.11.25 In Marburg

Als ich diesen Stich im jüngsten Katalog des Buch– und Kunstantiquariats Bierl im bayrischen Eurasburg sah, sagte ich mir: Den musst du haben. Nicht, weil ich mich seit Jahren von den Bierl–Damen gerne habe anfixen lassen, sondern weil sowohl mein Vater (geb. 1903) als auch ich (geb. 1941) evangelische Theologie in Marburg studierten. Ich bekam das Kunstwerk und auf meine Bitte noch diese schöne Kopie für meinen Blog obendrauf.

Glücklich schaut mein Vater unter der Kappe des Marburger Wingolf nicht aus. Keine schlagende, aber eine saufende Verbindung. Ob er wohl bei deren Feten die zotigen Wirtinnenverse mitsang? Wenn er überhaupt an den Treffen teilnahm. Was ich kaum glaube. Es ist das einzige Foto, das ich aus seiner Studentenzeit besitze. Auch das fand ich nur durch Zufall im Nachlass meiner Schwester. Er sprach später nie mit mir über diese Zeit. Auch meine Mutter schwieg. Gerne wüsste ich auch, ob er in Marburg Paul Tillich erlebte, der dort 1924 als Professor für systematische Theologie und Religionsphilosophie wirkte. Immerhin, gehörte der zu den religiösen Sozialisten. Mein Vater war als Erstgeborener der Erbe eines Goldmark–Millionärs. Das schlug er aus und trat in die SPD ein. Er war ein wilder Genosse, wie mir jemand berichtete, der ihn in dieser Zeit erlebte. Die Entwicklung setzte sich in der zweiten Hälfte der Zwanziger fort. Er gründete in Berlin-Tempelhof eine Heimvolkshochschule, lebte dort mit Arbeitern zusammen und verzichtete auf eine eigene Wohnung. Bald kam Tochter Anneliese auf die Welt. Ob es ein Kinderzimmer gab? Getauft wurde sie erst Jahre später. Ihr Vater, der studierte Theologe und Sozialist, war inzwischen auch aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Das sollte sich erst nach 1933 ändern. Da schloss er seinen Frieden mit der Kirche und übernahm eine Pfarrstelle auf dem Fläming. Eine Art Sibirien für angehende Pfarrer und Lehrer.

Am 13. August 1961 wachte ich am späten Vormittag bei strahlendem Sonnenschein in Jena auf, schaltete mein Radio mit dem magischen Auge ein und hörte West-Nachrichten. Da erfuhr ich, dass am Sonntagmorgen Soldaten der NVA und Angehörige der Betriebskampfgruppen begonnen hatten, die drei Westsektoren in Berlin abzuriegeln. Es sollte nur noch wenige Wochen dauern, bis wenige Meter vom Checkpoint Charlie entfernt, Peter Fechter erschossen unterhalb der Mauer lag. In Jena studierte ich evangelische Theologie im vierten Semester. Mein eigener Lebensweg war bis dahin alles andere als glatt verlaufen. Ein Antrag meines Vaters, mich nach der Grund– in die Oberschule aufzunehmen, wurde nicht einmal beantwortet. Ich besuchte ein kirchliches Seminar, in dem auch die alten Sprachen etc., aber keine Naturwissenschaften unterrichtet wurden. Ein Studium schien damit für mich ausgeschlossen. Bis in der DDR einmal wieder Tauwetter angesagt war und der sozialistische Staat seine Beziehung zur Kirche freundlicher gestalten wollte. Da erreichte mich eine Einladung zu einer Sonderreifeprüfung. Ich fuhr auf meinem Motorrad von Leipzig, wo ich inzwischen das evangelisch-lutherische Missionsseminar besuchte, nach Jena. Am ersten Tag die schriftliche Prüfung (»Erläutern Sie die Thesen der SED zur Lösung der nationalen Frage«. Von denen konnte man überall lesen, war also kein Problem), dann am zweiten Tag die mündliche durch den Prodekan der theologischen Fakultät plus Begleitung. Nach 20 Minuten bat er mich herauszugeben. Bald danach wurde ich wieder hereingerufen, er knöpfte sich sein Jackett zu, räusperte sich und sagte: »Sie haben das Abitur bestanden«. Hätte mir da jemand gesagt, dass ich einige Monate später in Marburg mein Studium wieder aufnehmen würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Ich hätte nicht einmal genau sagen können, wo die Stadt überhaupt liegt. Nach dem 13. August verschärfte sich von Tag zu Tag die Lage an der Universität. Die Möglichkeit, in den Westen fliehen – vorbei. Also konnte das Regime die Schrauben anziehen. Gernot, mein Freund, der gerade seine Dienstzeit in der NVA beendet hatte und ich beschlossen zu fliehen. Das gelang in den Nachmittagsstunden des 11. November in Berlin. Bei der Flucht halfen westdeutsche Studenten, die im Gegensatz zu ihren West-Berliner Kommilitonen, freien Zugang in den Ostteil der Stadt hatten. Gernot und ich überschritten im Abstand von 2 Stunden mit dem gleichen französischem Pass die Trennlinie am Checkpoint Charlie. In den Tagen standen sich dort amerikanische und russische Panzer gegenüber.

Die Amerikaner flogen uns mit einer Militärmaschine nach Frankfurt aus. Dahinter stand ein Deal: Gernot würde ihnen dort detailliert von seiner Zeit bei einem Mot.- Schützensregiment in Brandenburg berichten. Um alles Weitere würden sie sich kümmern. Nachdem wir auf dem militärischen Teil von Rhein-Air-Base gelandet waren, wurden wir nach Oberursel gefahren. Dort in der Hohemarkstraße 145 befand sich das Hauptquartier des US-Geheimdienstes. Hier fanden vormittags die Befragungen von Gernot statt. An mir hatten die Amis kein Interesse; ich galt als Familienangehöriger. Nach einigen Tagen wurden wir unruhig, denn wir wollten ins zivile Leben zurück. Jetzt schlugen wir ihnen einen Deal vor: Wenn ihr uns einen deutschen Pass ausstellt und unsere Führerscheine umschreibt, bleibt Gernot noch ein paar Tage. Das schienen keine Mühe zu machen. Sie sagten o.k. Und so fuhr ich noch jahrelang mit Pass und Führerschein durch die Gegend – ausgestellt auf besagte Adresse in Oberursel.

1961 wurden Flüchtlinge noch auf die Länder verteilt. Das Notaufnahmeverfahren für uns wurde n Gießen abgeschlossen. Wir waren inzwischen als politische Flüchtlinge anerkannt. Der C Schein verschaffte uns eine Reihe von Vorteilen. Wir konnten wählen. Attraktiv erschien uns Hessen. Universitätsgebühren wurden hier im Gegensatz zu allen anderen Ländern nicht mehr erhoben (»Hessen vorn!«). Wir wollten und kamen nach Marburg. Eine Reihe von Gründen sprachen dafür. Gernot musste sein Abitur nachholen, denn das aus Belzig wurde in der Bundesrepublik nicht anerkannt. In Marburg gab es ein Institut, dass das mit Leuten organisierte, die wir bereits kannten. Da hat er gute Chancen, dass er es in knapp zwei Jahren schaffen würde. Bei mir sah das anders aus. Mir fehlten die Voraussetzungen, um ein ordentliches Abitur nachholen zu können: Keine modernen Fremdsprachen keine Naturwissenschaften, meine Sonderreifeprüfung ein schlechter Witz. Aber ich hatte Glück. Es gab eine Bestimmung, dass, wer in der DDR das vierte Semester zum überwiegenden Teil an einer ordentlichen Universität studiert hatte, musste nichts nachholen. Das traf auf mich zu. Nicht einmal das große Latinum musste ich nachmachen. In Jena hatte ich das Formular selbst ausgefüllt, dass nur noch unterschrieben werden musste. Im Studienbuch aus Jena, das mir meine Eltern inzwischen nachgeschickt hatten, stand lediglich »Latinum«. Da niemand nachfragte, ob großes oder kleines, war auch das erledigt. So hatte ich Gernot überholt. Ich ging morgens zu den Vorlesungen in die Universität, er zu seinen Lehrgängen.

Ins Auge fällt links die Elisabethkirche. Es ist das älteste deutsche Gotteshaus im gotischen Stil. Doch über die Kirche fällt bis ein langer Schatten. Hier liegen die sterblichen Überreste Paul v. Hindenburgs und seiner Frau Gertrud. Im Internet findet sich dazu folgende Nachricht: »In der Nordturmkapelle der Elisabethkirche befindet sich das Grab des früheren Reichspräsidenten… Beide waren 1934 im Tannenberg-Denkmal in Ostpreußen beigesetzt worden. Um zu verhindern, dass die Leichen in die Hände der Roten Armee fallen, ließ Hitler am 12. Januar 1945 …die Särge des Ehepaares von Einheiten der Wehrmacht aus dem Denkmal schaffen… Bei Kriegsende befanden sich beide Särge in einem Salzbergwerk in Thüringen, wo sie im Sommer 1945 von Einheiten der US-Armee entdeckt wurden. Im August 1946 wurden die Särge in der Turmhalle der Elisabethkirche endgültig beigesetzt«. Das kann doch nicht wahr sein, sagt sich der Beobachter im Jahre 2025, dass amerikanische Soldaten in ihrer Hilflosigkeit bestimmen, wo ein früherer Reichspräsident seine letzte Ruhestätte findet. Auch die Kirche kann dafür nicht zuständig sein. Es sind die politischen Instanzen und an ihrer Spitze der Bundespräsident. Doch er wie alle anderen drücken sich vor der allfälligen Entscheidung. Man erinnere sich: Hindenburg war gewählter Reichspräsident. Deshalb fordert es der politische Anstand, dass er eine würdige Grabstelle bekommt – jedenfalls kann das nicht eine Kirche sein. Dann findet sich in der Elisabethkirche ein weiteres Teil aus jüngster Zeit, dass dort nicht hingehört: Ernst Barlachs Segnender Christus. Der Künstler gehörte zu den 37 Unterzeichnern eines Aufrufs von Kulturschaffenden vom 19. August 1934, in dem er bekannte, in „Vertrauen und Treue zu ihm (Adolf Hitler) zu stehen.” Nichtsdestotrotz gehörte Barlach für die Nazis zu den entarteten Künstlern. Seine Skulptur entging nur mit knapper Not dem Schmelztiegel. Was aber andererseits nicht die Dauerbleibe in der Elisabethkirche rechtfertigen kann. Ein würdiger Ort wäre der Berliner Dom. Nicht weit von ihm entfernt liegt in der Hauptstadt die Neue Wache. Die wurde noch von der DDR restauriert. In ihr liegt auf Vorschlag des früheren Bundeskanzlers Kohl und mit Zustimmung der Barlach-Erben die vergrößerte Pietà des Künstlers. Da würde eins zum anderen passen.Natürlich bilde ich mir nicht ein, dass sich aufgrund meines Blogs irgendetwas ändert. Schon allein wegen der Verfasstheit des deutschen Protestantismus. Ist der doch bis heute in Landeskirchen organisiert, deren Grenzen die deutsche Kleinstaaterei widerspiegeln. Auf dem Hintergrund lässt sich bis zum Gehtnichtmehr Schwarzer Peter spielen.

Die Gottesdienste in der Universitätskirche habe ich als Student in Marburg halbwegs regelmäßig besucht. Von Rudolf Bultmanns Predigten versäumte ich kaum eine. Als ich 1961 nach Marburg kam, war er bereits emeritiert. Mit seinem Vortrag über “Neues Testament und Mythologie” hatte er 1941 die jahrelange Entmythologisierungsdebatte ausgelöst. Doch die hatte inzwischen an Schärfe verloren. Bei dem ganzen Streit hatten sich seine Antipoden nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Einige versuchten es mit herablassender Ironie, andere wollten ihn in die Nähe der Nazis rücken. Dabei hatten sie übersehen, dass er zur Bekennenden Kirche gehörte und seine Nähe zum Judentum immer wieder unterstrich, auch als das gefährlich werden konnte. Ich fühlte mich an einen Vers in einem Evangelium erinnert, das nicht in den Kanon des neuen Testamentes aufgenommen wurde: »Die mit mir sind, haben mich nicht verstanden«. Im Herbst 1944 nahm Bultmann bis zum Kriegsende die spätere Theologieprofessorin Uta Ranke-Heinemann in seinen Haushalt auf. Hilda Heinemann, ihre Mutter, hatte bei ihm 1926 ihr theologisches Staatsexamen abgelegt. Man darf Bultmann mit Fug und Recht als Star der neutestamentlichen Wissenschaft bezeichnen. Für ihn war das Neue Testament kein historisches Dokument, mit dessen Hilfe sich z.B. ein Leben Jesu schreiben ließ. Was die Evangelien berichten sind Glaubenszeugnisse. Die wiederum andere zum Glauben rufen wollen. Es geht immer um die Predigt von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi. Und die vermittelte Bultmann selbst mit einfachen und klaren und Worten.

Das sicherlich bekannteste Gotteshaus in Marburg ist die Lutherkirche in der Oberstadt (auf dem Stich ist sie nicht zu sehen). Das liegt an ihrem schiefen Turm. Der würde wieder gerade, wenn die erste Medizinstudentin Marburg als Jungfrau verlässt, so die eine Fassung. Die andere, etwas globaler, wenn sich die erste Studentin von Marburg mit diesem angeblichen Mangel abmeldet. Marburg-Touristen delektieren sich an einem Gedicht, das man in gedruckter Form kaufen und in der Hoffnung mit nach Hause nehmen kann, da auf allgemeines Grinsen zu stoßen. In dem Dicht-Werk heißt es zum Schluss: “Denn allen Marburgern ist es wohl bekannt,/eine Studentin hat des Turmes Geschick in der Hand/,Als Jungfrau muss sie von der Uni gehen/,Dann wird der Turm wieder gerade stehen/.Doch war wohl noch keine dazu bereit/,so bleibt der Turm schief – in Ewigkeit/.” Bevor Sie jetzt lauthals Halleluja rufen, noch schnell die Erklärung, warum der Turm schief ist: Das liegt an seiner Holzkonstruktion aus dem Jahre 1473. Da sich das Material durch Witterungseinflüsse verzogen hat, wurde die Turmspitze im Laufe der Zeit von alleine schief. Eine solche Erklärung würde natürlich nur Gähnen hervorrufen. Doch wer will das schon. Vielleicht hat der Mann ja zur Erheiterung noch einen Druck der Wirtinnen-Verse mitgebracht. Möglicherweise sogar mit Noten (»Es steht ein Wirtshaus an der Lahn«). Dem Internet gelten sie als Volkslieder. Jedes einzelne beginnt »Frau Wirtin hat …« Drei Beispiele: “Frau Wirtin hat auch eine Bas,/Die trinkt nur aus dem Schoppenglas./Hat sie dann eins im Dache/Dann singt sie wie ‘ne Nachtigall/‘Komm lieber Mai und mache!’-“Frau Wirtin hat auch einen Hund,/Der eine edle Kunst verstund./Er roch an allen Ecken,/Und wenn er eine Jungfrau fund/dann fing er an zu bellen…Doch hört das End von diesem Hund,/Der diese edle Kunst verstund./Er roch in allen Ecken/Doch weil er keine Jungfrau fund/starb er an Bellverhaltung”. -“Frau Wirtin war auch im ZK/Da war auch Walter Ulbricht da/Doch statt mit ihr zu scherzen,/Traktierte er mit Lenin sie/Und ab und zu mit Kerzen”.

Von 1923-1928 lehrte Martin Heidegger Philosophie in Marburg. Während dieser Zeit schrieb er sein wohl bedeutendstes Werk “Sein und Zeit”. Mit 18 trug sich Hannah Arendt an der Universität für das Studium von Philosophie und evangelischer Theologie ein. Der ging sie bei Rudolf Bultmann nach. Arendt entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie in Königsberg. Im November 1924 kam Hannah Arendt in die Sprechstunde von Heidegger. Dort, so liest man, traf beide der „Blitzschlag der Liebe“. Am 10. Februar 1925 schrieb er ihr einen ersten Brief: „Liebes Fräulein Arendt! Ich muss heute Abend zu Ihnen kommen und zu Ihrem Herzen sprechen. Alles soll schlicht und klar und rein zwischen uns sein. Dann sind wir einzig dessen würdig, dass wir uns begegnen durften. So wird das Geschenk unserer Freundschaft zu einer Verpflichtung, an der wir wachsen wollen … Möchte ich Ihnen danken dürfen und im Kuss Ihrer reinen Stirn die Lauterkeit Ihres Wesens in meine Arbeit hinübernehmen”. Am 21. Februar schickte er ihr einen zweiten Brief: „Liebe Hannah! Warum ist die Liebe über alle Ausmaße anderer menschlichen Möglichkeiten reich und den Betroffenen eine süße Last? Weil wir uns in das verwandeln, was wir lieben und doch selbst bleiben. Wir können nur mit uns selbst danken. Liebe wandelt die Dankbarkeit in die Treue zu uns selbst und in den unbedingten Glauben an den anderen. So steigert die Liebe ständig ihr eigenstes Geheimnis”. Die erste Begegnung wurde von beiden immer wieder mit den Worten „Blick“ und „Blitz“ beschrieben. Verheiratet war der Vater von zwei Kindern mit der in der Wolle gefärbten Antisemitin Elfride. Heidegger drängte darauf, dass die Beziehung geheim blieb. Anfang 1926 entschloss sich Hannah Arendt, den Studienort zu wechseln und ging für ein Semester zu Edmund Husserl nach Freiburg. Durch Vermittlung Heideggers wurde sie bei Karl Jaspers in Heidelberg über den “Liebesbegriff bei Augustin” promoviert. An der Stelle endet mein Blogeintrag »In Marburg«. Ich selbst wechselte im Sommer 1964 zur Fortsetzung meines Studiums von Marburg nach Bonn. Doch aus der Geschichte der Begegnung zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger möchte ich mich damit nicht ausklinken. Unter dem Stichwort “Geheimnis” werde ich den Faden wieder aufnehme,

© Martin Krolzig