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13.11.25 Denkschrift

Der Aufmacher von Spiegel Online am 10. November sprang mir ins Auge. Ich erinnere mich nicht, dass es etwas Vergleichbares je gab. Es ist unübersehbar: Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich in der Frage von Krieg und Frieden neu positioniert. Anders kann man es nicht ausdrücken. Hinter einen christlichen Pazifismus als Normalorientierung der Evangelischen Kirche wird ein dickes Fragezeichen gesetzt. Jetzt spricht sie sich sogar für die Möglichkeit der atomaren Abschreckung aus. Ich fühlte mich in die Debatten während meiner Jahre als Militärpfarrer zurückversetzt. Zur Begründung ihrer Zeitenwende verweist die Kirche auch auf den russischen Krieg gegen die Ukraine. Man sollte sich erinnern: Es ist noch gar nicht so lange her, dass die ehemalige EKD-Vorsitzende Margot Käßmann einen gerechten Krieg für unmöglich hielt und sich ein Deutschland ohne eine Armee wünschte.

An Ort und Stelle konnte man auch im “Spiegel” den Text der neuen Denkschrift lesen. Ich staunte noch mehr: Kein Jargon, abgewogen und vor allem verständlich. Eine Kostprobe: “Der theologische Begriff der Sünde mahnt dazu, die zerstörerischen Potenziale menschlichen Handelns im Gedächtnis zu behalten. Dieser Begriff ist vielfach banalisiert worden, sodass kaum mehr gewusst wird, wofür er in der christlichen Tradition steht und warum er in der Sprache des Gottesdienstes und der Frömmigkeit eine so wichtige Rolle spielt. In ihrer tieferen dogmatischen Bedeutung beschreibt die Sünde nicht lediglich moralisches Fehlverhalten des Menschen, sondern eine fundamentale Unordnung des Herzens, nämlich die Unfähigkeit oder die Unwilligkeit, das eigene Leben aus dem Zuspruch und Anspruch Gottes heraus zu gestalten. Die Sünde zeigt sich darin, dass der Mensch in der Gefahr steht, sich selbst, seine Interessen und seine Selbstsucht zum Maßstab zu machen, anstatt aus dem Vertrauen an Gott den Schöpfer, Versöhner und Erlöser heraus andere Menschen als gleichberechtigte Kinder Gottes zu erkennen, sich in der Nachfolge Christi in den Dienst der Versöhnung zu stellen und in der Hoffnung auf Gottes Reich an der Verbesserung der Lebensverhältnisse mitzuarbeiten”.

Für mich hatte ich Ebene der EKD längst aufgegeben. Sie wirkte auf mich zerstritten und entscheidungsunfähig und unglaubwürdig. Vor Ort bin ich umgeben von einem kirchlichen Personal, dass sich im Genderismus (besonders peinlich in der Abendmahlsliturgie “…und gab es seinen Jüngerinnen und Jüngern…”) gefällt.

Und jetzt ein neuer Aufbruch? Wie auch immer: Der frische Wind tut mir gut. Ich werde umgehend einige Exemplare kaufen und verschenken. Weil mir mein Gefühl sagt, dass´die Zahl der Spiegel-Leser unter den engagierten Protestanten überschaubar ist. Vielleicht hat ja auch der eine oder andere evangelische Funktionär gar nicht mitbekommen, was sich auf der großen Bühne getan hat.

© Martin Krolzig