Blog
19.8.23 Evchen

Man sieht es auf den ersten Blick: Die beiden mögen sich nicht. Pferd und Pfarrer-Vater befinden sich in höchster Anspannung. Tier und Mensch rechnen in jeder Sekunde damit, dass der andere etwas bedrohliches tut, was entweder eine Flucht- oder Angriffsreaktion erfordert. Der rechte Hinterhuf ist schon erhoben, um sofort auskeilen zu können. Mehr Stress geht nicht.

Evchen wäre wahrscheinlich schon beim Abdecker In Locktow gelandet, wenn der Pfarrer sie nicht als Ersatz für seinen im Krieg stillgelegten PKW gekauft hätte. Wie sollte er auch sonst die vielen Dörfer erreichen, wenn es keinen Sprit mehr gab,
Der Pferdemarkt war paktisch leergefegt. Da mußte man nehmen, was sich noch zwischen Rädigke und Niemegk auftreiben ließ. Nur Evchen stand zum Verkauf; sicherlich unter einem anderen Namen. Doch kein Bauer wollte sie haben, weil alle ihre Macke kannten: Sie konnte nicht mit Männern. Mit denen mußte sie üble Erfahrungen gemacht haben. Als Ackergaul wollte sie sich nicht mißbrauchen lassen. Wo sie konnte biß sie um sich und schlug mit den Hufen zu.
Gegenüber Frauen dagegen zeigte Evchen ein völlig verändertes Verhalten.. Denen fraß sie aus der Hand. Auf dem Foto aus dem Jahren 1942/43 sieht man die beiden Cousinen Ursula und Barbara Straßburger zusammen mit Schwester Anneliese und dem Autor. Ich vermute, dass die Mädchen dem Pferd seinen neuen Namen gaben. Fotographiert kann die idyllische Szene auf dem Pfarrhof in Rädigke nur der Vater haben. Heute frage ich mich, ob er wohl die Kinder beneidete.
1943 zog die Familie Krolzig mit Sack und Pack nach Niemegk. Nun mußten in noch mehr Dörfern Gottesdienste gefeiert, Kinder getauft und Gemeindeglieder beerdigt werden. Da erwies sich Evchen als unverzichtbar.

Die Mutter fütterte Evchen und spnannte sie auch vor den Kutschwagen. Das klappte problemlos. Wenn der Vater dann aber auf den Wagen stieg, rannte das Pfed sofort los. Da gabes kein Halten mehr. Einmal ging es ihm wohl nicht schnell genug. Da schlug der Vater mit dem Kopf gegen die Teppichstange und zog sich eine Platzwunde zu, die genäht werden mußte.
Im Frühjahr 1945 rückte der Krieg über den Fläming näher. Als man in Niemegk schon den Gefechtslärm hörte, entschloß sich die Familie zur Flucht. Auf der Ladefläche eines LKW`s ging es westwerts. Nichts konnte man mitnehmen. Auch Evchen blieb zurück. Noch heute hoffe ich, dass man ihr wenigstens ausreichend Futter zurück ließ.
Als die vier nach der gescheiterten Flucht nach Niemegk zurückgekehrten, war Evchens Stall leer. Wie auch alle anderen Pferdeställe im Fläming. Man erzählte sich, dass die Russen die Pferde zusammen- und weggetrieben haben. Wohin? Niemand konnte es sagen. Doch ihre Spur ließ sich noch Wochen verfolgen. Da fand man ihre aufgedunsenen Kadaver in den Straßengräben. Unter Ihnen bestimmt auch Evchen. Ganz bestimmt wird sie sich nicht in ihr Schicksal angesichts der vielen lauten Männer mit den fremden Stimmen ergeben haben.
Immer wieder sprachen wird im Familienkreis über Evchen. Eigentlich gehörte sie zu uns. Das verdichtete sich zu dem Niederschlag des Gefühls, dass Evchen zu unserer Familie gehörte. Also fünf Krolzigs, unter ihnen ein Tier.
Doch eigentlich gab es sechs Krolzigs. Da taucht aus dem Dunkel der Familienüberlieferung Annelieses Zwillingsschwester auf. Sie starb wenige Tage nach ihrer Geburt noch im Krankenhaus. Namenlos und unbetrauert. Auf keinen Fall Zwillinge, hatte die Mutter vor der Geburt erklärt; da würde sie sich vorkommen wie eine werfende Hündin. Nun litt sie wie ein Tier, wie ich annehme.
Trauerarbeit? Ich mag das Wort nicht. Doch Selbsterkenntnis und Vergebung können alles in ein neues Licht rücke
© Martin Krolzig