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24.11.24 Vom Gebet

Christoph, Martin, Michael steht in meiner Belziger Geburtsurkunde. Deshalb bin ich mit der Christopherus-Legende vertraut. Einschließlich der Stärken und Schwächen des Heiligen, mit denen er sich bei seinem neuen Arbeitgeber, einem Fährmann, vorstellt. Fasten und Beten seien nicht unbedingt sein Ding. Ehrlich gesagt, genauso wie ich mich mit anderen selbst einschätze.

»Ich habe gebetet dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt« so der Aufmacher von Spiegel-Online am 23. November 2024. Dem folgte ein längeres Interview mit den Eheleuten Ramona und Thorsten R.

Die beiden standen im Sommer 2023 an Armen und Füßen gefesselt vor Gericht. Thorsten R. erhielt 9,5 Jahre. Ramona R. wurde zu 13,5 Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Ihre Tochter hatte beide beschuldigt, sie grausam vergewaltigt, gefoltert und gequält zu haben; Fremden sei sie zum Sex angeboten worden.

Geschlagene 684 Tage saßen die beiden im Gefängnis. Der BGH hob das Urteil schließlich auf. Ein zweites Verfahren endete mit einem Freispruch der Eheleute wegen erwiesener Unschuld.

Ramona R. erklärte den Interviewern vom Spiegel: „Ich bin nicht getauft, aber in der Untersuchungshaft habe ich gebetet: Hilf mir in dieser Ungerechtigkeit. Ich habe gebetet dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Das hat mir sehr geholfen.“

Ich gehöre zu den Online-Empfängern von Losung und Lehrtext der Herrnhuter Brüdergemeinde. Am Tag zuvor las ich da: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen”. Was im Falle von Ramona R. passiert ist.

Als Erstes hat sie die Wahrheit erkannt. Sie wußte mehr als eine Generationen von Theologen und kleingläubigen Christen. Für die ist klar, daß man sich an Gott erst wenden kann, wenn man eine Zugangsberechtigung erworben und wie eine Eintrittskarte vorweisen kann. Kirchenmitgliedschaft, Konfirmation oder ähnliches.

Ihr Neues Testament scheinen die länger nicht in die Hand genommen zu haben. Da gibt es in Matthäus 15 die Geschichte von der Syro-Phönizierin, einer Ungläubigen in der Sicht traditioneller Juden. Die schreit Jesus hinterher “Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt“.

Seinen Jüngern geht sie damit auf den Zeiger. Doch sie gibt nicht auf und brüllt weiter. Auch Jesus versucht sie zunächst mit theologischen Argumenten ruhig zu stellen. Jedoch die Frau läßt sich nicht abschütteln.

„Aber doch“ ist bei Matthäus zu lesen, “aber doch essen die Hündlein von den Brosamlein, die von ihrer Herren Tisch fallen“. Da antwortete Jesus: „O Weib, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst”.

Den gleichen Satz würde Jesus auch heute sagen. Da bin ich mir sicher. Das Kriterium “Was würde Jesus dazu sagen” stammt von Martin Niemöller, der es wie eine Wasserwaage benutze. Der spätere hessische Kirchenpräsident
befand sich seit 1938 ununterbrochen bis Kriegsende 1945 in Haft.

Ich vermute, daß in der Tiefe ihrer Seele auch Ramona R. weiß, wer sie frei gemacht hat. In letzter Instanz nicht der BGH, weitere Ermittlungen der Polizei oder das neue Verfahren.

Jemand ins Gebet nehmen gehört zu den deutschen Redensarten. Steht für eindringlich ermahnen oder ins Gewissen reden. Da wird z.B. berichtet, Innenminister Wolfgang Schäuble habe die Bundesverfassungsrichter bei der Anhörung zum Euro Rettungsschirm scharf ins Gebet genommen. Oder »ManU« Teammanager Sir Alex Ferguson soll Cristiano Ronaldo mit deutlichen Worten ins Gebet genommen haben.

Thorsten und Ramona R. erklärten in dem Spiegel-Interview, daß sich niemand bei ihnen für das erste Urteil gemeldet, geschweige denn entschuldigt habe. Kein Richter, kein Staatsanwalt, niemand. Sie alle fielen auf ihre eigenen Vorurteile herein. In deren Zentrum steht: Frauen ist grundsätzlich zu glauben.

Schon mit ein bißchen Bibelkenntnis hätten sie wissen oder zumindest es für vorstellbar halten können. daß es junge Frauen gibt, die von einem bösen Geist übel geplagt werden. In der Gestalt der Tochter von Ramona R. stand eine vor ihnen. Doch sie blieben ihren Vorurteilen treu. Oder vertrauten den Gutachtern. Obwohl sie wissen sollten, daß deren Expertise unterschiedlich ausfallen kann.

Es will mir nicht in den Kopf, daß bisher keiner die Verantwortlichen in der Justiz für ihr Fehlurteil ins Gebet genommen hat. Kein Gerichtspräsident, kein Minister, niemand. Vom Bundespräsidenten ganz zu schweigen.

© Martin Krolzig