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15.3.24 Hacke-Tag
Freitag ist Axel-Hacke-Tag. Da erscheint das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Auf der letzten Seite wartet Hackes Kolumne „Das Beste aus aller Welt“ auf ihre Leser. Die schlage ich zuerst auf.
Hier breitet Hacke seine Trouvaillen aus. Heute zitiert er Theodor Däubler. Als Erstes meint man, in dessen Schwulst zu ersticken. Dann die Perle: „Der Mensch ist eine welke Klette!“ Und was macht Hacke daraus? Überall im Erdenrund sieht er Ermattung, Ermüdung und Erschlaffung.
Am Ende seiner Philippika gegen müde Krieger jeglicher Couleur hofft Hacke auf nichts Geringeres als eine Revolution. Da schreibt er unter Anspielung auf die Internationale: „Wacht auf, Erschlaffte dieser Erde!“ Schön, nicht? Meine Sympathie hat er. Die steigert sich noch, wenn der Loriot-Verehrer im nächsten Satz mit einer Rolle rückwärts einer Kulturrevolution das Wort redet: „Ich zitiere die Lutherbibel: ‚Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hochkommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen‘; „Denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“
Ich vermute, dass Hacke den 90. Psalm nicht in seiner alten Lutherbibel nachschlug, sondern ihn aus dem Kopf zitierte. Indiz: Er schreibt: „… fährt schnell dahin“, doch bei Luther heißt es „fährt“. Wenn Sie es mal laut sprechen, merken Sie den Unterschied: Klingt viel schöner.
Axel Hacke erinnert sich offensichtlich an seinen Konfirmandenunterricht. Genau wie ich lernte er den Text nach der alten Luther-Bibel des Jahres 1912. Die folgt der Übersetzung des Reformators noch ziemlich genau. Zu Hause las man aus der Familienbibel mit dem gleichen Erscheinungsjahr.
Tempi passati. Heute, so höre ich, müssen Konfirmanden gar keine Psalmen mehr auswendig lernen. Und wo, bitte schön, wird noch regelmäßig im Familienkreis aus der Bibel gelesen?
Schlägt der heutige Benutzer die aktuelle Edition der Luther-Bibel auf, liest er unter Vers 10: „… und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe.“ Wie bitte? Mit einem Sternchen wird er auf eine Fußnote verwiesen: „Luthers Übersetzung, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen, ist heute mißverständlich.“
So zeigen sich die EKD-Herausgeber der Luther-Bibel von des Gedankens Blässe angekränkelt. Die Kirchenoberen, so liest man auf der ersten Seite, tragen die Verantwortung für die Ausgaben der Jahre 1956 und 1968. Doch deren Übersetzungskünste holen keinen Hund hinter dem Ofen vor.
Bleibt als schwacher Trost. Dass es wohl schon immer so war: „Die mit mir sind, haben mich nicht verstanden“, sagte schon Jesus laut Acta Petri cum Simone (Die versprengten Worte Jesu, Hyperion-Verlag o. J.).
Noch ein letztes Beispiel für die Übersetzungskünste verwelkter Kletten? Jesus verkündete in der Bergpredigt: »Ihr seid das Salz der Erde.« Wo nun das Salz dumm wird, womit soll mans salzen? „Es ist hinfort zu nichts nütze, denn dass man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten“ (Matth. 5,13).
So jedenfalls übersetzte es der vor sprachlicher Kraft strotzende Luther. Was in seiner Folge Generationen von Christen selbstbewusst den Kopf Richtung Sonne drehen ließ. Heute liest man kopfschüttelnd an der gleichen Stelle: „Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen?“ „Es ist zu nichts mehr nütze, als daß man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“ Gesammelter Sprachmüll, den man nur noch entsorgen kann.Doch mit dem allen hält sich Hacke nicht auf. Die Weselskys & Co., die von sinnstiftender Arbeit kaum noch etwas und in immer mehr Freizeit nahezu den Himmel auf Erden erwarten, provoziert er. Und das mit einer Luther-Botschaft! Die lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Lebenslange Arbeit ist köstlich.
Also in die Hände spucken, Freunde! Nicht um das Bruttosozialprodukt zu steigern, sondern um das eigene Leben aus der Schieflage wieder in einen lichten Sinnhorizont zu stellen.
© Martin Krolzig