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23.3.25 Der RIAS

Eine Zeitung lesen, etwa das SED-Organ “Märkische Volksstimme”? Deren Seiten nutzten die Bewohner des Niemegker Pfarrhauses als Toilettenpapier. Kleingeschnitten und auf dem Plumpsklo im Hof deponiert. Nicht, als wolle man so seine Verachtung für Ulbricht & Co. zum Ausdruck bringen. Es gab nur nur kein anderes.

Den ersten Fernseher erblickte ich anläßlich der Fußballweltmeisterschaft im Juli 1954. Der stand im Schaufenster des Ladens an Fußes Ecke gegenüber von Schröders Tischlerei. Davor auf der Straße eine Menschentraube. Lag Deutschland zunächst 0:2 zurück, holte dann aber auf und siegte schließlich durch Rahns Tor mit 4:3. Welch befreiender Jubel auch auf dem Fläming!

Die Krolzig’s liebten ihr Radio. Um den Mittelwellen-Empfänger sammelten sich die Vier im Wohnzimmer. Unvorstellbar, daß die überhaupt je einen Zonensender wählten. Von DDR, wiewohl schon 1949 gegründet, sprachen nur SED-Mitglieder und andere Sympathisanten der Staatsmacht. Wie von einer Leuchtfarbe markiert, wußte so jeder, zu wem er besser Abstand hielt. “Aus der Zone für die Zone” hieß eine Sendung des RIAS, die wir nie versäumten. Die Bezeichnung unseres Senders “Rundfunk im amerikanischen Sektor” war mehr als ein geographischer Hinweis. Die Russen diskutierten nicht, sie schufen Tatsachen. Schon 1945 gründete die sowjetische Besatzungsmacht in der alten Reichshauptstadt ihren eigenen Sender. Gelegen in der Masurenallee, also im Westen der Stadt, wurde er von KPD bzw. SED Kadern geleitet. Als die sowjetische Militäradministration Anfang 1946 jede Änderung dieses Zustandes verweigerte, installierten die US-Behörden kurzentschlossen ihren eigenen Sender. Eben jenen RIAS.

Nie werde ich den Beginn jeder Nachrichtensendung vergessen: “Sie hören RIAS-Berlin, eine freie Stimme der freien Welt.” Erst danach kamen die Meldungen. So hörten wir am 25. Juni 1950, daß nordkoreanische Truppen die Grenze zum Süden überschritten hatten. Meinen Vater trieb die Furcht um, daß sich der Korea-Krieg zu einem 3. Weltkrieg entwickeln könnte. Die Angst teilte er mit vielen Deutschen. Sie steigerte sich, als die USA unter UN-Flagge in die Auseinandersetzungen eingriffen und die Chinesen auf dem koreanischen Schlachtfeld erschienen.

“Sie hören RIAS-Berlin, eine freie Stimme der freien Welt.” So erfuhren wir auch vom Aufstand der Arbeiter in der Ostberliner Stalin-Allee am 17. Juni 1953. Am Nachmittag dann der Aufmarsch der sowjetischen Panzer. Durch Reportagen von den Brennpunkten erfuhren wir, wie der Aufstand blutig niedergeschlagen und anschließend das Kriegsrecht in der sowjetischen Besatzungszone verhängt wurde.

Ab 1950 vernahmen RIAS-Hörer an jeden Sonntag: „Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube, daß allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen“. Zwei Stunden vorher hatten wir in der Kirche gebetet: “Ich glaube an Gott, den Vater, den allmächtigen…” Nur ein kleiner Schritt vom christlichen Glaubensbekenntnis zur bürgerlich-westlichen Zivilreligion. Vergessen ist der Spruch übrigens nicht. Bis heute überträgt ihn der “Deutschlandfunk Kultur” vor den Mittagsnachrichten um 11:59 Uhr. Dann erklingt auch noch einmal die Berliner Freiheitsglocke im Radio. Doch es wirkt wie eine an der Wand stehende Tür, der die Scharniere fehlen.

Sonntags hörten wir “Die Stimme der Kritik mit Friedrich Luft”. Der Ansager ließ ihn mit “Bitte Herr Luft” gewissermaßen ins Zimmer treten. Da erfuhren wir, was sich auf den West-Berliner Bühnen tat. Dann Werner Höfers “Internationaler Frühschoppen mit 6 Journalisten aus fünf Ländern”. Zugeschaltet vom WDR in Köln. Die Weißwein- und Wassergläser konnten wir nicht sehen, nur immer mal wieder dazwischen leise klingeln hören. Wir vier Krolzig’s erlebten, wie unterschiedlich sich die weltpolitische Lage einordnen ließ. Tempi passati. An keinen Namen eines Journalisten kann ich mich nach so vielen Jahren erinnern. Nur einen behielt ich, vielleicht auch, weil er wiederholt am Tisch Platz nahm: Sebastian Haffner, ein knapp und präzies formulierender Brite mit akzentfreiem Deutsch.

Die Kindersendung mit seiner Erkennungsmelodie “Der Onkel Tobias vom RIAS ist da” hörte nur ich. Der besaß auch eine Anschrift. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, einen Brief an ihn bei der Post am Kirchplatz einzuwerfen. Einmal schrieb ich ihm unter Omis Absender bei einem Besuch vom Munsterdamm in Berlin-Steglitz. Onkel Tobias hatte nämlich einmal versprochen, jedem, der sich meldet, ein Spiel zu schicken. Beim nächsten Berlin Besuch lag es auf meiner Bettdecke.

Als Highlights erwies sich über die Jahre zwei Sendungen. Günter Neumanns “Die Insulaner” versäumten wir nie. Mit dem Titelsong “Der Insulaner verliert seine Ruhe nicht, / der Insulaner liebt keen Jetue nicht. / Der Insulaner hofft unbeirrt, / dass seine Insel wieder ’n schönes Festland wird!” Was lachten wir nicht über den radebrechenden Prof. Quatschnie, der Stalins toternster Herrschaft der Lächerlichkeit preisgab! Im Unterhaltungsprogramm glänzte Hans Rosenthal. Als waschechter Berliner führte er durch die Quizsendungen “Wer fragt, gewinnt” und “Allein gegen alle”. Auch ohne Luftsprünge erwies er sich als einer der ganz Großen unter den vielen Möchtegernen seiner Branche.

Wir saßen stundenlang Radio. Auch die Werbung machte Spaß und steigerte das Lebensgefühl auf dem kargen Fläming. Auch nach 75 Jahren kann ich singen “Möbelkunst, der wohnt das weiß ich, Blücherstraße 32”. Schnell nachgeschoben, wie heute jenes “Zu Risiken und Nebenwirkungen,..“ hieß es “das ist zwischen Südkreuz und dem hallischen Tor”. Mit der Peter Steyvesant kam der “Duft der großen, weiten Welt” ins enge Niemegker Pfarrhaus. Die Raucher, also Vati und Anneliese, sorgten dafür, daß in der Regel immer eine Packung da war. Zur Zonen-Marke “Turf“ (“Tausend-Unterdrückte-rufen Freiheit”) griffen sie nur im Notfall.

“Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt” rief der aus türkischem Exil heimgekehrte Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter am 9. September vor der Ruine des Reichstages. Ein paar Wochen zuvor hatten die Russen begonnen, Westberlin zu Lande und zu Wasser abzuriegeln und auszuhungern. Die USA reagierten mit einer Luftbrücke unter der Führung von General Clay. In dieser Zeit wuchsen Deutschland und die USA als Partner zusammen. Zu den Institutionen deutsch-amerikanischen Beziehungen gehört für mich seit Kindertagen RIAS-Berlin.

Ich, Jahrgang 1941, bin mir sicher, daß Trump, der gerade dabei ist NATO und Demokratie zu entkernen, einen solchen Sender nie installieren würde. Doch sollten wir uns hüten, aus kindischem Trotz den USA jetzt die Freundschaft zu kündigen. Wie Erwachsene zu reagieren lautet das Gebot der Stunde. Also nichts mehr von den USA erwarten, nachdem deren Präsident Trump in Worten und Taten die Pax American d.h. die amerikanische Friedensordnung aufgekündigt hat. Europa steckt unseren Hoffnungshorizont ab. Immerhin: Es gibt 300 Millionen Amerikaner und 500 Millionen Europäer. Die müssen es schaffen, die militärische und politische Unterstützung der Ukraine allein zu bewerkstelligen.

© Martin Krolzig