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11.7.24 Schweitzers Wende

Wenn die Evangelischen einen, der ihren längst hätten heiligsprechen müssen, dann Albert Schweitzer.

Albert Schweitzer? War das nicht jener Urwalddoktor mit dem gewaltigen Schnauzer? Bei Älteren mögen noch die Stichworte Lambarene und Friedensnobelpreis fallen. Kunstsinnige aus der gleichen Alterskohorte werden sich erinnern, dass der Elsässer als berühmter Orgelspieler galt.

Albert Schweitzer näherte ich mich Jahrzehnte nach meinem Theologiestudium erneut. Jeden Sonntagmorgen höre ich mit meiner Tochter die Bach-Kantate in Bayern 4 („Mit Bach durchs Kirchenjahr“). Um in die Welt der Kantaten tiefer einzudringen, kaufte ich mir mehrere Bücher. Herausragend John Elliot Gardiners „Bach“. Dann antiquarisch Schweitzers „Johann Sebastian Bach“. Ein Wälzer von 800 Seiten. Den konnte ich nur kapitelweise durcharbeiten. Besonders interessant die Unterstreichungen des Vorbesitzers. Der hielt fest, dass Richard Wagner und Thomas Kantor vom gleichen Wortverständnis geprägt sind. Verblüffend.

Mit meinem Theologiestudium begann ich 1959 in Jena. Seitdem ist mir geläufig, dass Schweitzer von Hause aus evangelischer Theologe war. An der Saale wurden damals die Grundlagen zum Verständnis des Neuen Testamentes gelegt. In einem Pro-Seminar beschäftigten wir uns ein halbes Jahr lang mit Schweitzers „Geschichte des Lebens Jesu“-Forschung. Ein Standardwerk, erste Auflage 1906. Die 9. erschien 1984 in der Reihe der UTB-Taschenbücher bei J. C. B. Mohr. Seitdem gilt als unhintergehbar: Die 4 Evangelien berichten von Leben, Sterben und Auferstehen des Gottessohnes nicht im Stile von historischen Dokumenten. Es sind Glaubenszeugnisse, die ihrerseits den Glauben an Jesus Christus wecken wollen. Das gilt bis heute als Common Sense der neutestamentlichen Forschung.

Soweit so normal. Doch Schweitzer zieht in einem letzten Absatz für sich die Bilanz seiner Forschungen. In dem Jenaer Seminar spielte der keine Rolle. Wie und warum auch. Doch mir prägte er sich vor allem durch die schlichte, klare und Schönheit der Sprache ein. Ohne dass der 20-jährige Student die ganze Dimension der wenigen Zeilen begriff. Die finden sich bereits in der 1. Auflage. Da hieß das Buch noch „Von Reimarus zu Wrede“.

„Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer, die nicht wussten, wer er war, herantrat. Er sagt dasselbe Wort: Du aber folge mir nach und stell uns vor die Aufgaben, die er in unserer Zeit lösen muss. Er gebietet. Und denjenigen, welche ihm gehorchen, Weisen und Unweisen, wird er sich offenbaren in dem, was sie in seiner Gemeinschaft an Frieden, an Wirken, Kämpfen und Leiden erleben dürfen, und als ein unaussprechliches Geheimnis werden sie erfahren, wer er ist.”

Mit den wenigen Zeilen hält Schweitzer seine Wende fest. Er beendete seine erfolgreiche Karriere als evangelischer Theologe und begann ein Medizinstudium. Für ihn zeichnete sich bereits der Weg an Kongos Ogowe mit Lambarene ab.

Schweitzer publizierte keine weiteren theologischen Werke. Seine Entscheidung lenkte sein Leben in eine ganz andere Richtung. Und das machte ihn für alle Zeiten zum Heiligen. Nicht zu einem, den man anbeten muss. Beileibe nicht. Aber vor dem Mann die Mütze vom Kopf nehmen und ihn beugen sollte man schon.

© Martin Krolzig